Bereits zu Lebzeiten – und vor allem in den vergangenen Wochen, als immer intensiver über den Gesundheitszustand von Dietrich Mateschitz spekuliert worden war – tauchte eine Frage immer wieder auf: Was bedeutet sein Tod für das bemerkenswerte, weit verzweigte und dicht verästelte Imperium, das Mateschitz über die Jahre aufgebaut hat? Und wie wird sich womöglich die operative Machtbalance im Red-Bull-Konzern verschieben? Denn auch wenn Mateschitz von der Gründung an weitgehend freie Hand in seinen Entscheidungen hatte, die Mehrheit am Konzern hielt nicht er. Der Energydrink-Riese zählt drei Gesellschafter, zum einen die „Distribution & Marketing GmbH“, sie hält 49 Prozent an Red Bull und stand zur Gänze im Eigentum von Mateschitz. Weitere 49 Prozent hält die TC Agro Trading mit Sitz in Hongkong, hinter der Gesellschaft steht die Familie Yoovidhya aus Thailand – und Chalerm Yoovidhya, Sohn des Firmengründers, hält persönlich weitere zwei Prozent. Damit liegt die Mehrheit durchgerechnet bei den Thailändern.
Es war stets klar: Solange Mateschitz lebt, wird am Machtgefüge nichts geändert. Ob das nun so bleibt, ist fraglich.

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Chalerm Yoovidhya, Sohn des Firmengründers
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Jahrelange Aufbauarbeit

Der thailändische Unternehmer und Milliardär Chaleo Yoovidhya, der den Energy-Drink „Krating Daeng“ (auf Englisch „Red Bull“, auf Deutsch „roter Stier“) erfunden und schließlich 1975 auf den Markt gebracht hatte, verstarb 2012. Er war jahrzehntelang freundschaftlich mit Mateschitz verbunden. Der Steirer hatte auf einer Geschäftsreise Anfang der 80er-Jahre die Lizenz für „Krating Daeng“ erworben. Gemeinsam gründeten sie schließlich das Unternehmen und legten so den Grundstein für die Red-Bull-Geschichte. Ein Erfolg auf Knopfdruck war Red Bull freilich nicht. Über Jahre erstreckte sich die Zulassungsphase sowie die Suche nach einem markanten Werbeslogan, der mit „Red Bull verleiht Flügel“ schließlich gefunden wurde. Die Markteinführung erfolgte schließlich am 1. April 1987. „Fast drei Jahre lang, von 1984 bis 1987, arbeitete Dietrich Mateschitz an der Formel für Red Bull, der Positionierung der Marke, der Verpackung und an dem Marketingkonzept“, ist dazu in der Firmenhistorie zu lesen.

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"Wenn ich morgen nicht mehr ins Unternehmen komme ..."

Als Yoovidhya 2012 verstarb, sagte Mateschitz über seinen guten Freund: „Ich werde ihn immer als besonderen Menschen in Erinnerung behalten.“ Yoovidhya war zweimal verheiratet und hatte elf Kinder.
Mateschitz betonte in einem Interview mit der Kleinen Zeitung einmal: „Wenn ich morgen nicht mehr ins Unternehmen komme, wird man das nicht merken“ – tatsächlich gibt es in der Red-Bull-Zentrale in Fuschl eine Reihe langjähriger Manager, Weggefährten mit ausgeprägtem Vertrauensverhältnis zu Mateschitz. Es war aber auch bekannt, dass Mateschitz als alleiniger Geschäftsführer nahezu alle wichtigen Entscheidungen selbst getroffen hat. Mit Walter Bachinger und Volker Viechtbauer sind – neben Mateschitz selbst – zwei hochrangige Red-Bull-Manager, allesamt auch Prokuristen im Unternehmen, auch im Stiftungsvorstand der Privatstiftung von Dietrich Mateschitz vertreten. Diese wurde erst heuer von „Quo Vadis Veritas Privatstiftung“ in „Kunst und Kultur DM Privatstiftung“ umbenannt. Neben Mateschitz ist hier im Firmencompass auch die Servus Medien GmbH als Stifter registriert.

Welche Rolle könnte Mark Mateschitz einnehmen?

Bereits in den vergangenen Jahren wurde aber immer wieder darüber spekuliert, dass die thailändische Seite ihren – auf der Mehrheit basierenden – Einfluss stärker geltend machen werden, in welcher Form und vor allem ab wann, wird sich erst weisen. Ob Fuschl womöglich die Rolle als Schaltzentrale des Konzerns verlieren könnte, wie es in der Gerüchteküche immer wieder zu vernehmen ist, und wie es mit den breitflächigen Engagements im Sport weitergeht, lässt sich derzeit nicht sagen. Das gilt auch für die Nachfolge von Mateschitz im Red-Bull-Imperium. Klar ist: Die Nachfolgeregelung kann nicht autonom getroffen werden, sie erfordert die Zustimmung der thailändischen Partner. Einen mit so viel Macht ausgestatteten Geschäftsführer wie Mateschitz wird es jedenfalls nicht mehr geben.

Viel wurde in diesem Zusammenhang auch über die mögliche künftige Rolle von Mark Mateschitz, dem einzigen Sohn von Dietrich Mateschitz, diskutiert. Er wurde im Mai 30 Jahre alt und ist seit März 2018 Geschäftsführer der „Thalheimer Heilwasser GmbH“, die zu 100 Prozent der Dietrich Mateschitz Beteiligungs GmbH gehört und in der insgesamt 14 Beteiligungen gebündelt sind, u. a. auch die Projekt Spielberg GmbH, die Dietrich Mateschitz Liegenschaften GmbH oder die DM Thermen Betriebs GmbH. Es ist also jenes Vehikel, über das Mateschitz seine Besitztümer gemanagt hat. Bei Red Bull selbst, also im operativen Geschäft des Red-Bull-Konzerns selbst, hat Mark Mateschitz indes noch keine Position ausgeführt – es wurde daher zuletzt als eher unwahrscheinlich klassifiziert, dass er an die Spitze des Konzerns nachrücken könnte.

2013 antwortete Dietrich Mateschitz einmal auf die Frage der Kleinen Zeitung, ob sein Sohn einmal das Unternehmen weiterführen wird, wie folgt: "Er muss es zuerst wollen. Und dann muss er es können. Er wird sicher nicht wie ich Geschäftsführer und Alleinverantwortlicher sein, nur weil er mein Sohn ist ... Beweisen wird er sich zuerst in anderen Unternehmen müssen. Sohn sein ist kein Beruf."

Im Stiftungsvorstand von "Wings for Life"

Mark Mateschitz ist seit Jänner dieses Jahres aber beispielsweise im Vorstand der Wings-for-Life-Stiftung (gemeinnützige, staatlich anerkannte Stiftung für Rückenmarksforschung) vertreten – gemeinsam mit seiner Mutter Anita Gerhardter und Motocross-Legende Heinz Kinigadner, der neben Red Bull auch Stifter bei Wings for Life ist.