Hier ist alles ein Fest. Beim großen Fastenbrechen in der Grazer Seifenfabrik kommen 1600 Muslime zusammen. Sie essen, sie trinken, sie kommen zur Ruhe. Der Ramadan ist ein kulturelles Event, das die Gemeinschaft in den Mittelpunkt stellt – so sehen sie ihn hier alle. Auch Tanjeena. „Ich bin schon das vierte Jahr in Folge hier – für mich ist es der ideale Tag, um zusammenzukommen“, sagt die 25-Jährige.
Schwer gefallen sei ihr der Ramadan bisher nicht. Die Fastenregeln, die vorschreiben, von Morgengrauen bis Sonnenuntergang nichts zu essen, hätten ihr in diesem Jahr bislang keine Probleme bereitet. Im Gegenteil. „Das Fasten hilft mir, zur Ruhe zu kommen, mich wieder auf das Wesentliche im Leben zu konzentrieren“, sagt Tanjeena. Es sind Erzählungen, die man hier oft hört. Der Ramadan als Art Meditation oder als kollektive Selbstoptimierung. Während die Sonne immer weiter sinkt, beginnen sich die Tische mit dem weißen Tischläufer und den blauen Servietten immer mehr zu füllen. Neben den Datteln, die bei jedem Fastenbrechen dazugehören, landen Hühnerschnitzel mit Reis und Erdäpfelsalat auf der Tafel. Für Vegetarier gibt es Gemüselaibchen. Die Stimmung ist ausgelassen gut. Oder, wie es Selma – Besucherin des Fastenbrechens – formuliert, „einfach schön“.
Ramadan sorgt für Probleme in der Schule
Der Ramadan hat aber auch ein anderes Gesicht. Eines, das in den letzten Jahren immer wieder für Probleme gesorgt hat. Mehrfach hatten muslimische Kinder in steirischen Schulen Fastenregeln befolgt, regelmäßig führte das zu Konzentrationsstörungen und Schwächeanfällen.
Offen darüber sprechen wollen wenige. Hinter vorgehaltener Hand erzählen Lehrkräfte, dass selbst Volksschulkinder schon damit beginnen, die Nahrungsaufnahme zu verweigern. „Manche wollen den Eltern imponieren, andere werden von den Eltern bereits gezwungen“, sagt eine Pädagogin, die weder ihren Namen noch ihre Schule in der Zeitung lesen will. Für den Unterricht ist das belastend, stört das Schulklima, sorgt für Irritationen und Konflikte. Kinder müssen den Turnunterricht abbrechen, schrauben in klassischen Schulstunden zurück. Der Ramadan wird hier zum Ballast.
Bildungsdirektion setzt auf Dialog
Zahlen darüber, wie viele Muslime sich an die Fastenregeln halten und auch ihre Kinder zum Fasten überreden, gibt es nicht. Ein Anhaltspunkt ist eine Langzeitstudie des Islamforschers Ednan Aslan von der Universität Wien. Nach dieser sehen sich 14 Prozent der 750.000 Muslime hierzulande als „hochreligiös“. Sie sehen das Glaubensbekenntnis, Gebet und die Wallfahrt nach Mekka und auch das Fasten als unumstößliche Pflichten im Alltag.
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Seitens der steirischen Bildungsdirektion heißt es, dass es in diesem Jahr weniger Vorfälle gebe als noch in den vergangenen Jahren. Auch, weil der Ramadan – anders als zuletzt – nicht in den Hochsommer fällt, wäre die Belastung von vornherein geringer. Bildungsdirektorin Elisabeth Meixner hat sich aber vorbereitet: „Lehrkräfte erhalten Informationen darüber, wie die Islamische Glaubensgemeinschaft den Ramadan verstehen will: gemäßigt, verantwortungsvoll und stets an die Bedürfnisse und das Wohl der Kinder angepasst.“
Für Meixner steht fest, dass „Gesundheit, Freiwilligkeit und schulische Leistungsfähigkeit im Vordergrund stehen müssen“. Beim Grazer Iftar der Muslimischen Jugend Österreich (MJÖ) selbst wurde auf der Bühne mehrfach betont, dass es bei der Veranstaltung nicht um die Praxis des Fastens an sich geht. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Fastenbrechen als Moment der Begegnung. Es ist ein Abend, an dem Menschen unterschiedlicher Hintergründe, religiöser Überzeugungen und Lebensrealitäten zusammenkommen.
Maßnahmen fruchten
Eine Lehrerin einer Grazer Mittelschule, die lieber anonym bleiben möchte, sagt: „Ein Problem ist der Ramadan, dieses Jahr bei uns aber nicht.“ Auch weil der Diskurs funktioniert. Die Lehrerinnen und Lehrer bestärkten die Kinder, die sich an die Fastenriten halten, diese Disziplin auch in anderen Bereichen fortzuführen. Bei den meisten zieht das Argument. Dabei kommt auch die Jahreszeit zugute. „Es ist mit Sicherheit ein Vorteil, dass der Ramadan dieses Jahr nicht im Hochsommer stattfindet“.
Während der Ramadan in manchen steirischen Schulen zu Problemen führt, haben andere durch den Diskurs einen Umgang mit dem Fastenmonat geschafft. Das kann auch eine Direktorin einer steirischen Volksschule mit hohem Migrationsanteil bestätigen. „Die islamische Religionslehrerin an unserer Schule macht das sehr gut, geht mit den Kindern toll in den Diskurs und erklärt ihnen, dass Kinder nicht fasten müssen“, sagt die Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Die Schülerinnen und Schüler folgen ihr größtenteils. „Es ist sicher ein Vorteil, dass wir Lehrkräfte mit Migrationshintergrund haben, die so etwas sagen können, ohne dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, rassistisch zu agieren.“ Der Ramadan ist hier zumindest kein Problem.