Die Prognosen der heimischen Windenergiebranche waren schon zu Jahresbeginn nicht schlecht: Für die kommenden drei Jahre hatte man Projekte mit einem Investitionsvolumen von mehr als 3 Milliarden Euro und einem Erzeugungsvolumen von mehr als 2000 Megawatt in der Pipeline. „Das entspricht mehr als der Hälfte des Windkraftausbaus der letzten 25 Jahre“, erinnerte Florian Maringer, Geschäftsführer der IG Windkraft, beim jüngsten Pressegespräch an die Situation im Jänner. Es kam noch besser. Mittlerweile könne man schon von 4,7 Milliarden Investitionen und 2870 Megawatt Erzeugervolumen ausgehen.

Investitionen in der Wirtschaft würden aber zu 50 Prozent von Emotionen abhängen bzw. wie sicher sich jemand in einem Land fühlt, fügt Maringer hinzu. Und mittlerweile hätten politische Eingriffe das Investitionsklima in Österreich deutlich getrübt, ergänzt er mit Verweis auf das noch immer ausständige Energiewirtschaftsgesetz und „erratische“ quartalsweise Änderungen beim Energiekrisenbeitrag für Stromproduzenten an. „Vor allem regionale mittelständische Unternehmen stehen am Start, brauchen aber klare und sichere Rahmenbedingungen. Derzeit sehen wir uns vor allem mit Stoppschildern und Tempolimits in diesem Wettrennen konfrontiert. Damit fehlt ein kraftvoller Hebel für Arbeitsplätze am Land, Standortentwicklung und Österreichs Energie-Unabhängigkeit.“

760 Millionen Euro Steuern und Abgaben, 25.000 Arbeitsplätze

Wie wichtig Letztere ist, führt neben dem Ukrainekrieg derzeit gerade die Eskalation im Nahen Osten vor Augen. „Der Windkraft wird es mit ideologischen Vorbehalten schwer gemacht“, konstatiert der Chefökonom der Industriellenvereinigung und Geschäftsführer des Instituts Economica, Christian Helmenstein – dabei handle es sich längst nicht mehr um eine Nischentechnologie und die volkswirtschaftlichen Effekte durch den Ausbau der Windkraft wären enorm: Ausgehend von Investitionen von 7 Milliarden Euro für 4000 MW neu installierte Windkraftleistung bis 2030 ergäbe sich seiner Berechnung nach eine Bruttowertschöpfung von 1,8 Milliarden Euro. „Dass von den 7 Milliarden nicht mehr als 1,8 Milliarden übrig bleiben, ist der 75-prozentigen Importquote bei Windkraft geschuldet.“ 25.000 Menschen würden dadurch eine Jahresbeschäftigung haben und der Staat könnte mit 760 Millionen Euro zusätzliche Steuern und Sozialversicherungsabgaben rechnen.

Heute deckt Windkraft, die vor allem im Winter zur Verfügung steht, rund 16 Prozent des heimischen Stromverbrauchs. In den nächsten Jahren kann der Anteil laut Branche auf bis zu 20 Prozent steigen. „Investitionen in die Windkraft kommen dem ökonomischen Idealziel sehr nahe. Sie verbinden innovative Technologie mit einer hohen inländischen Wertschöpfung, die noch dazu größtenteils außerhalb der Ballungsräume entsteht, also genau dort, wo es ansonsten meist schwierig ist, die Einkommens- und Beschäftigungsperspektiven der Bevölkerung zu verbessern”, sagt Helmenstein.

Österreichische Spitzenreiter im Windkraftausbau sind – nach Niederösterreich und dem Burgenland – die Steiermark, Oberösterreich und Kärnten, wobei Kärnten sein Potenzial für den dritten Platz gerade aufs Spiel gesetzt habe, wie Helmenstein erklärt. Derzeit nimmt die Steiermark den Platz ein. Aus dem laufenden Betrieb von Windkraftanlagen in Österreich ergibt sich, so der Ökonom, eine Bruttowertschöpfung von knapp einer halben Milliarde Euro, „etwa 91 Prozent des Gesamteffekts lassen sich Niederösterreich zuordnen“. Daraus resultiert in Niederösterreich ein Fiskalaufkommen von 280 Millionen Euro, die durch den Finanzausgleich hauptsächlich dem Bund zukommen, erklärt Helmenstein, warum regional wenig finanzieller Anreiz besteht, die Windkraft zu fördern.

Mittelständische Betriebe in der Region

Hinter Windparks stehen meist mittelständische, oft familiengeführte Betriebe in strukturschwachen Regionen, in denen die Industrie abwandert und der Handel schwächelt. Ein Beispiel dafür ist die WEB Windenergie AB mit Sitz im niederösterreichischen Pfaffenschlag im nördlichen Waldviertel. Das Unternehmen hat als Windkraftpionier in den 1990ern das dritte Windrad Österreichs aufgestellt und ist mittlerweile auch international gut aufgestellt. In Österreich hat man gerade Projekte in der Pipeline, die bis 2030 eine Milliarde an Investitionen nach sich ziehen würden, wie Stefanie Markut vom WEB-Vorstand sagt. Wenn die Rahmenbedingungen aber bleiben, wie sie sind, sehe man sich über kurz oder lang aber gezwungen, Investitionen verstärkt ins Ausland zu verlagern, um wirtschaftlich nachhaltig handeln zu können. Neben einem schwer kalkulierbaren Energiekrisenbeitrag macht dem Unternehmen stellvertretend für die Branche unter anderem die lange Genehmigungsdauer für Projekte - bis zu acht Jahre, wie sie sagt - zu schaffen. Als Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit nennt Markut Fragen rund um eine nur 21 Quadratmeter große Wiederaufforstungsfläche, die ein Projekt um ein Jahr verzögert hätten.

Damit kommen wir auch zu den Lösungsansätzen, die die Branche im Köcher hat: Neben einem Energiewirtschaftsgesetz und einer Sanierung des „Energiekrisenbeitrags Strom“ für Planungs- und Investitionssicherheit sind das laut IG Windkraft eine „echte Verfahrensbeschleunigung“ und eine Modernisierung des Netzausbaus samt neuer Aufstellung der Finanzierung.