Er steht zwar bei den ÖBB ganz oben, im Führerstand eines Zuges steht er aber nur selten: Die Rede ist von ÖBB-Chef Andreas Matthä. Donnerstag Vormittag war es soweit. Er zwängte sich mit Verkehrsministerin Leonore Gewessler, Kärntens stellvertretender Landeshauptfrau Gaby Schaunig, der steirischen Landesrätin Ursula Lackner, ihrem Kollegen Werner Amon und zahlreichen weiteren Gästen in der Weststeiermark in einen Zug Richtung Kärnten.

Dieser war ähnlich gut gefüllt wie morgendliche Pendlerzüge in die Landeshauptstädte, vorne drauf stand aber Sonderfahrt. Und diese führte vom imposanten, fast fertigen Bahnhof Weststeiermark bei Deutschlandsberg gut einen Kilometer weit hinein in den Koralmtunnel. Der Grund: Das Jahrhundertprojekt Koralmbahn ist so gut wie abgeschlossen. In einem Jahr, exakt am 14. Dezember 2025, fährt der erste fahrplanmäßige Zug von Graz durch den knapp 33 Kilometer langen Koralmtunnel nach Klagenfurt (oder umgekehrt, noch steht der Fahrplan nicht fest).

Video: Bauliche Fertigstellung der Koralmbahn

„Die neue Verbindung wird konkurrenzlos gut, konkurrenzlos schnell“, sagte am Donnerstag Verkehrsministerin Leonore Gewessler bei einem kleinen Festakt. Nur noch 45 Minuten Fahrzeit trennen künftig die beiden Landeshauptstädte, darauf dürften sich wohl manche steirische Fußballfans ähnlich freuen wie Kärntner Studierende. Und die scheidende Ministerin erinnerte da an ihre Kindheit und die umständlichen Urlaubsfahrten aus der Südoststeiermark an die Kärntner Seen. Zwei Bundesländer würden nun näher zusammenrücken - und „niemand mehr freiwillig mit dem Auto über die Pack fahren“.

70 Testfahrten

Aber was geschieht noch bis 14. Dezember 2025? „Man muss schauen, ob alles, was gebaut wurde, richtig funktioniert“, fasst es ÖBB-Chef Andreas Matthä zusammen. Gleise, Stromzufuhr, Lichter, alles muss überprüft werden. Mehr als 70 Testfahrten sind in den kommenden Monaten geplant, die Züge sollen mit bis zu 250 km/h durch die beiden Röhren rauschen, fast gleich schnell wie danach im realen Betrieb. Das Personal muss eingeschult werden, die Rettungskräfte auch.

„Sicherheit ist unser oberstes Gebot“

Lokführerinnen und Lokführer üben erst im Simulator, danach vor Ort. Auch die Rettungskräfte und Feuerwehren aus der Umgebung proben verschiedene Szenarien. „Sicherheit ist unser oberstes Gebot“, so Matthä, „obwohl wir uns wünschen, dass wir das nie brauchen“. Vor dem Fahrgastbetrieb ab Mitte Dezember 2025 soll bereits im Oktober der Güterverkehr starten, blickt Projektleiter Klaus Schneider voraus.

Der Steirer ist ein Mann der ersten Stunde an der Koralmbahn: Vor 26 Jahren begannen die Planungsarbeiten, vor 16 Jahren die Bauarbeiten. Worauf er stolz ist: Dass es bei allen Problemen, etwa steckengebliebenen Tunnelbohrern, nur zwei Jahre Verzögerung gab. Und dass die anfangs geschätzten Baukosten „fast“ auf den Euro genau hielten: 5,4 Milliarden Euro wurden vor 20 Jahren geschätzt, 6,1 Milliarden sind es geworden - inklusive 500 Millionen Euro für den anfangs nicht geplanten Flughafenast Thalerhof. 180 Züge sollen künftig auf der neuen Strecke unterwegs sein, pro Tag. Zwischen Graz und Klagenfurt könnte zu Stoßzeiten im Halbstundentakt gefahren werden, Güter seien vor allem in den Nächten unterwegs.

Neuer Wirtschaftsraum im Süden

Nicht zuletzt deshalb sprach Kärntens Landeshauptmann-Stellvertreterin Gaby Schaunig (SPÖ) von einem „neuen Wirtschaftsraum“. Das Bundesland rücke als ehemalige Grenzregion mit der Koralmbahn „in die Mitte Europas“. Die Baltisch-Adriatische Achse „geht nun durch Österreich und Gottseidank nicht drumherum“, betonte der steirische Europa-Landesrat Werner Amon (ÖVP). Und auch SPÖ-Umweltlandesrätin Ursula Lackner ist zuversichtlich: „Der Güterverkehr wird sich von der Straße auf die Schiene verlegen.“

Gefahr von Unwetterschäden gering

Aber wie geht man mit möglichen Unwetterkatastrophen um: Nach den Hochwasser-Schäden an der Westbahnstrecke im September erklärte ÖBB-Chef Matthä, dass die Gefahr von ähnlichen Schäden im Koralmtunnel selbst gering sei. Durch das Dachprofil könne Wasser gut abrinnen. Auf Kärntner Seite gebe es auf der Koralmbahn allerdings zwei Lärmschutztunnel, die ähnlich jenen im Tullnerfeld seien. „Wir simulieren mit einem neuen Tool die Hochwasserausbreitung rund um unsere Bahnstrecken.“