IHS-Chef im PorträtNeuer Arbeitsminister Martin Kocher: Der Anti-Aschbacher

Mit dem 47-jährigen IHS-Chef Martin Kocher übernimmt ein ausgewiesener Wirtschaftsexperte mitten in der schwersten Krise Verantwortung für den Arbeitsmarkt.

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PK WIRTSCHAFTSFORSCHUNGSINSTITUT (WIFO) UND INSTITUT FUeR HOeHERE STUDIEN (IHS) 'KONJUNKTURPROGNOSE 2017 UND 2018': KOCHER
Der bisherige IHS-Chef Martin Kocher wird am Montag als Arbeitsminister angelobt © APA/HELMUT FOHRINGER
 

„MagratheanTimes“ lautet der Twitter-Nickname des künftigen Arbeitsministers Martin Kocher. Er nahm dabei Anleihe am sagenumwobenen Planeten Magrathea aus Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“.

Der Planet Magrathea wurde in diesem fantastischen Buch reich, weil er „ein unglaublich profitables Businessmodell entwickelt hat“, schrieb der 47-jährige Universitätsprofessor der Uni Wien, der am Montag angelobt werden soll, kürzlich in einem Gastbeitrag für den Standard.

Kocher ist künftig, neben Bildungsminister Heinz Fassmann, ebenfalls auf einem ÖVP-Ticket, das fachlich herausragendste Mitglied des Kurz-Kabinetts. Als Wissenschaftler, anders als seine Vorgängerin Christine Aschbacher, über jeden Zweifel erhaben, promovierte er 2002 an der Uni Innsbruck in Volkswirtschaftslehre. 2007 folgte die Habilitation, danach Stationen in den Niederlanden, Schweden, Deutschland, Großbritannien und Australien, unter anderem mit Professuren an der Uni Göteborg und der Universität Queensland im australischen Brisbane. Schon zu Schulzeiten schien sein Weg vorgezeichnet: Kocher verfasste eine vorwissenschaftliche Arbeit zum großen Ökonomen Adam Smith.

An der Schnittstelle Politik und Wissenschaft

Im Jahr 2016 wechselte Kocher an die Nahtstelle von Politik und Wirtschaft. Als Chef des unabhängigen, bedeutenden Wiener Wirtschaftsinstituts IHS (Institut für Höhere Studien) folgte er Christian Keuschnigg. Nicht nur stärkte er das "kleinere" IHS gleichermaßen wissenschaftlich wie wirtschaftlich, auch fiel er mit gemeinsamen Konjuktur-Präsentationen mit Noch-Wifo-Chef Christoph Badelt auf; für öffentliche Präsenz sorgten auch Kochers mediale Beiträge, unter anderem als Gastautor der Kleinen Zeitung.  Stets nahm er - gerade bei der Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie - die Rolle des meinungsstarken Auf- und Erklärers ein. Einer, der die Maßnahmen der Regierung im Wesentlichen guthieß: An Lockdowns und den wichtigsten Maßnahmen, um den Arbeitsmarkt nach Kräften zu stützen – allem voran die Kurzarbeit – führt auch für Kocher kein Weg vorbei.

Nahe an der politischen Praxis

Die Eckpunkte der Arbeitsmarktpolitik der Bundesregierung begleitete er bereits bisher mit seiner Expertise, insofern ist er dem Thema Arbeitsmarkt, dem er sich voll und ganz widmen kann – die Familien- und Jugendagenden wandern zu Susanne Raab ins Kanzleramt – nicht nur theoretisch, sondern auch in der politischen Praxis fest verhaftet und somit von Beginn an startklar.

"Kein Politiker"

Dass er selbst kein Politiker ist, strich Kocher, der im Salzburger Pongau aufgewachsen ist, anlässlich seiner Präsentation am Sonntag mit Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) heraus. Er ist unabhängig, somit kein ÖVP-Mitglied, und seit seinem Engagement in der Studentenpolitik auch nicht (partei-)politisch tätig. Allerdings bediente sich die ÖVP mehrfach seiner Expertise. Als Chef des Fiskalrates – er folgte im Sommer 2020 dem zum Vizegouverneur der Nationalbank bestellen Gottfried Haber nach – mahnt der vielfach ausgezeichnete Top-Ökonom zu sorgsamem Umgang mit Steuergeld. Der Fiskalrat ist der Wächter über die EU-Budgetregeln für Österreich. Diese Funktion muss naturgemäß regierungsunabhängig besetzt sein und wird Kocher - 2013 von der renommierten FAZ zu einem der einflussreichsten Ökonomen gekürt - daher ebenso wie das Amt des IHS-Chefs zurücklegen.

Viel Geld für die Sanierung des Arbeitsmarkts

In seiner neuen Rolle wird er freilich auf möglichst hohe Budgetposten für sein Ressort und das AMS drängen müssen, ohne Milliardenspritzen wird es nicht möglich sein, die schwere Krise am Arbeitsmarkt in den Griff zu bekommen und die Österreicher – sowie die hier lebenden Menschen – fit zu machen für die künftigen Herausforderungen der Arbeitswelt - Stichwort Digitalisierung.

Entscheidungen unter Unsicherheit

Kocher, ein ausgewiesener Verhaltens- und Experimentalökonom, beschäftigt sich mit Entscheidungen unter Unsicherheit, der Bereitstellung öffentlicher Güter, Kooperation und Vertrauen, Auktionen, (un)moralischem Verhalten, ökonomischer Psychologie sowie ökonomischen Entscheidungen von Kindern und Jugendlichen intensiv. Man möchte meinen, durchwegs Themen, die ihm im politischen Alltag während der größten Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrise seit dem Zweiten Weltkrieg häufiger begegnen werden.

Sportler mit langem Atem

Dabei wird Kocher in seinem Job wohl helfen, dass er als begeisterter Sportler und Marathonläufer langen Atem beweist. Den Sohn zweier Skilehrer zieht es zum Wandern und Skifahren in die Berge. Als Jugendlicher schaffte er es zwar in den örtlichen Skikader, es habe sich allerdings bald gezeigt, dass es für eine Karriere als Skifahrer nicht reichte, erzählte Kocher im Vorjahr den "Salzburger Nachrichten". Wegen der häufigen Ortswechsel, die die akademische Karriere mit sich brachte, leben Kocher und seine Frau, die nach dem Studium nach München ging, "eine sehr gut funktionierende Fernbeziehung, das ist aber kein Lebensmodell für eine Familie". Daher habe sich die Frage nach Kindern nicht gestellt.

Weniger Zeit fürs heimatliche Altenmarkt

So oft es geht, zieht es den ausgesprochen sympathischen und unprätentiösen Wissenschaftler nach Hause. In Altenmarkt trifft er nicht nur seine Eltern, sondern auch seine drei Jahre jüngere Schwester. Die klinische Psychologin und Psychotherapeutin lebt mit ihrer Familie in Eben. Dafür wird in den nächsten Monaten wohl weniger Zeit bleiben, zu drängend sind die Probleme am Arbeitsmarkt mit mehr als einer halben Million Menschen auf Jobsuche und über 400.000 Menschen in Kurzarbeit.

Zurück zum Phantasie-Planeten Magrathea. Die Planung und der Bau von Luxusplaneten entpuppten sich zwar als höchst ertragreich, Magrathea wurde zum reichsten Planeten der Galaxie, während der Rest der Galaxis verarmte. Aber als es deshalb zum großen, galaktischen Börsencrash kam, gingen die Bewohner Magratheas in einen Winterschlaf über, um so die Erholung der Wirtschaft abzuwarten, bis sich die Galaxie ihre Dienste wieder leisten konnte, heißt es auf einer einschlägigen Website.

Abwarten ist keine Option, Kochers Pläne werden sich von denen des fantastischen Magrathea wohl deutlich unterschieden. Das deutete Kocher schon anlässlich seiner Präsentation an: Die Krise in den Griff bekommen – für Jänner sind noch einmal steigende Arbeitslosenzahlen zu befürchten -, die Beschäftigung wieder steigern und dann Österreichs Arbeitskräftepotenzial für neue, nach wie vor herausfordernde Zeiten vorbereiten. Die zahlreichen positiven Reaktionen, die Kochers Bestellung in der Öffentlichkeit auslöste, lassen einen Schluss zu: Wenn's einer schafft, dann könnte es Kocher sein.

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Danke für Ihr Verständnis.

hfg
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Dieses Ministerium ist neben

dem Gesundheits und Finanzministerium sicher das derzeit schwierigste - wobei in Krisenzeiten ohnehin alle Bereiche wichtig und schwierig sind. Herr Kocher ist zweifellos ein exzellenter Fachmann und es wird spannend zu beobachten sein ob es einem Experten aus der Wirtschaft gelingt in den verkrusteten politischen Strukturen rasche und gute Erfolge zu erzielen. Viel zuviele Fachleute sind schon gescheitert und haben frustriert aufgegeben. Ich wünsche und hoffe das Beste.

Shiba1
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Das wird eben sein Problem sein:

Die verkrusteten Strukturen und die an Änderungen völlig desinteressierte Beamtenschaft. Eine Hürde, die auch für einen Experten nahezu unüberwindlich ist. Man wird sehen.

Ichweissetwas
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Bei Aschbacher,

merkte doch ein Blinder, dass sie nicht kompetent ist!!
Schaun´ wir uns mal die ersten 100 Tage von Hrn. Kocher an!

makronomic
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Experten ohne Politik als Lösung?

Und schon sind wir wieder bei der Expertenregierung mit Nicht-Politikern. Warum noch wählen, war blieb nicht gleich Frau Bierlein?

Was im ersten Moment als Vorteil klingt kann sich aber als negativ für das Volk herausstellen. Ein Experte ist nicht angewiesen auf den Job, kann seine Einstellungen und persönliche Meinungen in dem Amt umsetzen- und ist nicht vom Wille der Wähler abhängig- weil er weder gewählt wurde noch wiedergewählt werden muss.

Eigentlich sollte das Parlament und die Regierung den Wählerwillen widerspiegeln - als Regierung eben ÖVP und Grüne zur Zeit.

Eine Expertenregierung wurde aber nicht gewählt.
Wessen Interessen vertritt der Experte? Wohl die des Auftraggebers, oder? Und der ist nicht der Wähler in so einem Fall sondern der Kanzler.

Alles Gute für Österreich 🇦🇹 - ich hätte mir lieber einen Experten aus der politischen Riege für dieses Amt gewünscht, und auch wenn dafür ein nationaler Schulterschluss notwendig wäre.

Am Versagen der Regierung in so vielen Bereichen erkennt man in den letzten Monaten aber auch den Mangel an Kompetenz- zb Impfung, Bildung, Maßnahmen etc und die völlig mangelnde Koordination- Kurz wäre gut beraten gewesen alle Parlamentsparteien zu einem nationalen Schulterschluss gegen die Pandemie zu vereinen für Österreich - die Chance hat er aber jetzt wieder vertan.

Wie man es dreht, das Volk bleibt irgendwie auf der Strecke, wird immer mehr mundtot gemacht. Als ob wir alle Schafe sind....

makronomic
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Und bitte holt endlich Strolz zurück!

Strolz hatte die Energie und das Hirn zum besten Bildungsminister aller Zeiten. Was wir jetzt haben ist mieseste ÖVP Steinzeitliche Bildungspolitik und Lehrergewerkschaft- die Kids bleiben völlig auf der Strecke, und das hat jetzt nichts mit der Pandemie zu tun!

Hohoho
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Der Populismus des Schreibers des Artikels stimmt mich nachdenklich!

Es kann nicht sein, dass eine anerkannte Zeitung eine solche Verurteilung im Titel macht! Wissenschaft gegen Nicht-Wissenschaft! Ein Anti-Aschbacher ist erst dann ein Anti, wenn die Universitäten den, wie von der Tarantel gestochenen Stefan Weber, Recht geben. Leider übernimmt die Kleine Zeitung sofort... Schlimme Vorverurteilung!

voit60
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da braucht man nicht vorverurteilen

wenn man sich diese sinnlosen Passagen in der Dissertation anschaut. Die Gute hätte wenigstens den abgekupferten Text selber einmal durchlesen sollen. Dafür hat aber wahrscheinlich die Zeit im letzten Frühjahr gefehlt, da sie ja als Ministerin in der höchsten Krise der 2. Republik wohl anderwärtig gefordert war.

calcit
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Stimmt...

...leider nimmt amn sich da immer mehr Beispiel am Boulevard... wir war das noch mit dem Stv. Landespolizeidirektor, mit vollem Namen und Bild ohne Klärung des Sachverhaltes dem Mob zum Fraß vorgeworfen. Bis dato erfolgte keine gerichtliche Bestätigung der Vorwürfe...

reschal
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Guter Eindruck: kompetent, vertrauenswürdig

Ich denke das ist ein guter Mann für dieses Ressort.

petera
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Auf der anderen Seite

- Befürworter von Hartz4
- Enteignung vor Bezug von Sozialleistungen,
- ist der Meinung, dass Pflegepersonal deswegen so wenig verdient, weil sie nicht können müssen
-...

Somit absolut auf der neoliberalen Türkisen Linie.

Für die Bürger/die Gesellschaft war wahrscheinlich die Aschbacher besser - da ging zumindest auch nichts Negatives weiter.

Expat
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Schön langsam dämmert es den Schwarzen

dass mit politischen Emporkömmlingen keine Regierung funktionieren kann.
Jetzt gehören nur noch die restlichen 95% der personellen "Vorgaben" entsorgt dann könnte noch was draus werden.

Expat
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Der Erste kompetente Minister dieser Regierung

Danke Frau Aschbacher.

3770000
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Oft wäre es eine gute Entscheidung,

einen Mann zu nehmen, der etwas kann, statt einer Frau, die - na eben eine Frau ist. Und der Papa ÖVP-Bürgermeister und Abgeordneter...

onyx
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Voreilige Verurteilung

Diejenigen, die die Bawag, Hypo und das Land Kärnten an die Wand gefahren haben, waren allesamt Männer. Nur zur Erinnerung.

In der heutigen Zeit sollte eigentlich das Zuschreiben von Kompetenzen bzw. Inkompetenz vom biologischen Geschlecht entkoppelt sein.

Ludolf
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Warum

geht ein hochintelligenter Mensch in die Politik ?
Unbegreiflich !!!!

Amadeus005
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Es gibt sie noch

Diese Menschen, die was für uns und nicht nur für sich tun wollen. Sind halt wenig. In der Politik noch weniger.

tazo
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Blödsinn 🤐

weil genau solche für eine intelligente Politik gebraucht werden

wintis_kleine
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@ludolf

Sind wir doch froh dass er zumindest einer der wenigen mit wirklich Grips ist, der sich dafür hergibt .
Laiendarsteller haben wir schon genug drinnen

Lodengrün
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Gute Wahl

Warum greift man nicht von Haus aus auf solche Fachleute zurück? Ist die Parteizugehörigkeit wirklich so ein Prüfstein?

LUR
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Kompetenz vs. Proporz und andere Gründe

Wenn ich hier nochmal an den Verlauf, Abgang Aschbacher und die zugehörige Rückmeldung unseres Herrn LH - Steiermark dazu erinnern darf.
Erklärt sehr gut die gestern dazu geäusserten Bedenken des Politikwissenschaftlers Filzmaier, das der neue Minister genau diesen LH ( und alle anderen LH’s) als Verhandlungspartner haben wird.
Umsetzung Kompetenter Ziele bleiben da abzuwarten. Aber die Hoffnung ist vorhanden das so sein wird!

Expat
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@ Lodengrün: Klare Antwort, JA !

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blackdiamond
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Gratulation!

So stellt man sich einen Politiker vor. Hirn und Charisma.
Ich hoffe nur, dass er sich nicht von der Politik vereinnahmen lässt.