Es wirkt wie eine Weggabelung, an der sich der Welthandel gerade befindet. Nachdem US-Präsident Donald Trump per Dekret die wichtigen Handelspartner Kanada, Mexiko und China mit hohen Zöllen belegt hatte, kündigte er an, auch für Produkte aus der EU „sehr bald“ Importzölle einheben zu wollen. Die US-amerikanischen Nachbarländer sollte es mit bis zu 25 Prozent treffen, bevor zwei Deals bekannt wurden: Diese Zölle werden für einen Monat ausgesetzt.
Führende EU-Staats- und Regierungschefs wollen einen Handelskrieg mit den USA vermeiden, betonen aber mit Blick auf eine mögliche Eskalation die Handlungsfähigkeit Europas. Bei einem „Handelskrieg würden alle draufzahlen und es gebe einen lachenden Dritten, das wäre China“, warnte Interimskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) am Montag vor einem informellen EU-Gipfel in Brüssel. Aber: „Wir sind bereit, für unsere Interessen einzustehen als Europäische Union.“
„Auch für die Konsumenten wird es teurer“
Zum wirtschaftlichen Gegenschlag holt indes China aus. Als Gegenreaktion kontert Peking mit Importzöllen, insbesondere auf fossile Energieträger aus den USA, in Höhe von zehn bis 15 Prozent.
Die heimische Wirtschaft beschäftigt sich schon seit Trumps Wiederwahl mit der nun nahenden Gefahr eines Handelskriegs. „Werden die Handelskosten über Zölle künstlich erhöht, leidet unsere Wettbewerbsfähigkeit. Die Firmen werden zudem ihre Kosten zum Teil auf die Konsumenten überwälzen, für die es dann teurer wird“, schildert Wifo-Ökonom Harald Oberhofer. Für exportorientierte Unternehmen würden Absatzmengen und Margen sinken. Schon jetzt würde es etwa Zulieferbetriebe und all jene treffen, die etwa in Mexiko einen Teil ihrer Produktion aufgebaut haben und nun zusätzliche Kosten tragen müssen. Ob die EU doch verschont bleiben könnte? „Trump will die Handelsbilanz ausgleichen und drängt darauf, dass die EU mehr fossile Energieträger abnimmt. Daraus könnte ein Deal entstehen, aber wenn er einmal mit einer Erpressung erfolgreich ist, wird es nicht der letzte Versuch bleiben“, so Oberhofer.
Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung und Geschäftsführer des Wirtschaftsforschungsinstituts Economica weist indes auf den enormen Druck hin, unter dem die österreichische Exportwirtschaft auch ohne Strafzölle schon steht: „Wenn die Wirtschaftskammer gerne sagt, dass 6 von 10 Euro im Export erwirtschaftet werden, dann stimmt das nur noch grosso modo: 2022 waren wir bei 65 Prozent, 2024 nur noch bei 57 Prozent.“ Österreich verliert international also Marktanteile. Außerdem gebe es nicht mehr so viele Märkte, die eine positive Dynamik aufweisen – genau zu diesen gehören die USA, aber auch Kanada und Mexiko.
Zu den positiven Wirkungen des CETA-Handelsabkommens zwischen der EU und Kanada, sagt Helmenstein: „Die österreichischen Exporte nach Kanada sind seit 2016 um 17 Prozentpunkte rascher gewachsen als unsere Gesamtexporte im Durchschnitt.“ Der Zoll würde diese positive Dynamik konterkarieren. Die USA seien nicht nur der zweitwichtigste Handelspartner Österreichs – der Handel mit den USA habe im Vorjahr noch dazu einen sehr hohen positiven Handelsbeitrag geliefert. Bei den absoluten Exportzuwächsen zwischen Jänner und Oktober 2024 lagen die USA „weit, weit voran“: mit 1,64 Milliarden. Euro. „Auf dem zweiten Platz liegt Saudi-Arabien mit nur 231 Millionen, und der dritte Platz entfällt auf China mit 222 Millionen Euro.“ Zölle zwischen den USA und EU beziehungsweise Österreich, so Helmenstein, würden daher massive Auswirkungen haben. Die weitere Dynamik lässt sich freilich schwer einschätzen: „Das hängt dann von den konsequenten Gegenreaktionen der Europäer ab.“
„Kriegt Handelskrieg, wenn er ihn will“
Offensiv äußerte sich Luxemburgs Premier Luc Frieden bei einem informellen Treffen von EU-Spitzenpolitikern am Montag in Brüssel: „Wenn jemand einen Handelskrieg will, kriegt er ihn.“ Die Zölle seien „sehr brutal“ und träfen vor allem den Automobilsektor. „In einem solchen protektionistischen Handelskrieg verliert jeder“, betonte EZB-Ratsmitglied François Villeroy de Galhau und teilt damit die Meinung von EU-Außenbeauftragter Kaja Kallas. Trotzdem wurde in Brüssel demonstriert, dass man zu Gegenmaßnahmen bereit wäre.
„Die Ankündigung von Zollerhöhungen durch die USA ist ernst zu nehmen, da sie haben könnte“, warnt Wirtschaftsminister Martin Kocher (ÖVP) in einer Aussendung vor „potenziell weitreichende Auswirkungen auf den internationalen Handel und damit auch auf die österreichische Wirtschaft“ durch Zollerhöhungen. Ein „freier und fairer, regelbasierter Welthandel“ müsse das Ziel bleiben.
Wie die weltweite Autoindustrie an den neuen Zöllen zerbricht
Für die weltweite Auto- und Zulieferindustrie werden mit den höheren, von US-Präsident ausgerufenen Zöllen, die Karten neu gemischt – inklusive absurder Auswüchse. Denn die US-Hersteller General Motors und Ford betreiben in Kanada und in Mexiko Werke – und ausgerechnet sie müssen beim Export von Kanada und Mexiko in die USA höhere Zölle in Kauf nehmen, was die Autos teurer macht und die Verkäufe erschweren wird. Und der Volkswagen-Konzern, der in Kanada eine – gut subventionierte – Batteriezellenfabrik geplant hatte, um Batterien für die E-Auto-Produktion in den USA herzustellen, muss jetzt genauso die Gesamtlage neu bewerten.
Für die Länder Mexiko und Kanada, die Gegenmaßnahmen planen, stellen die US-Zölle eine Zäsur dar. Mexiko beispielsweise gehört zu den am schnellsten wachsenden Auto-Produktionsstandorten, was Trump ein zusätzlicher Dorn im Auge sein dürfte: General Motors, Nissan, Stellantis, Ford, Volkswagen, Kia, Mazda, Honda, Toyota betreiben in dem Niedriglohnland Werke, in der Folge hat sich eine gigantische Zulieferindustrie dort angesiedelt, die auch direkt in die USA liefert. Rund vier Millionen Pkw werden in Mexiko produziert.
Lieferketten nehmen schweren Schaden, Zulieferer wie Magna unter Druck
Auch Magna ist als Zulieferer in Mexiko und Kanada und natürlich in den USA tätig. Liefert man aus Mexiko oder Kanada Fahrzeugteile in die USA, werden genauso Zölle fällig. Das würde bedeuten, dass die in den USA produzierten Fahrzeuge, die genauso für den Export in andere Regionen der Welt bestimmt sind, sowohl in den USA als auch in anderen Ländern teurer werden. Die gesamte Strategie der Konzerne, über Jahre aufgebaut, droht mit den Zöllen schweren Schaden zu nehmen. Trumps Zollpläne bringen die weltweiten Lieferketten zum Einsturz, eine Neuordnung wird sich über Jahre ziehen. Europas Hersteller in den USA sind genauso betroffen: BMW etwa gehörte über Jahre zu den größten Auto-Exporteuren der USA . . .
Europas Autoindustrie zwischen zwei Zollkonflikten
Europas Autoindustrie ist ob der drohenden Zölle also äußerst besorgt. Auch, wenn es noch offen ist, wie hoch Trump die neuen Zölle ansetzt.
Während eben BMW und Mercedes ihre eigenen Werke in den USA betreiben, wäre Porsches extrem wichtiger Markt USA in Gefahr, weil man in Europa produziert. Genauso wie Audi überlegt Porsche bereits bestehende Kapazitäten des Volkswagenkonzerns in den USA zu nutzen – ein weiterer Dämpfer für Europas Autoindustrie, die in vielen Bereichen ihre Werke nicht mehr auslasten kann. Nicht nur das: Im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit werden in Europa zwei Millionen Fahrzeuge weniger pro Jahr verkauft.
Und Europa befindet sich inmitten eines zweiten Handelskonflikts, nämlich mit China. Europa hat chinesische Autos mit Strafzöllen belegt. Weit mehr als die Hälfte aller aus China eingeschifften E-Fahrzeuge stammte im vergangenen Jahr von westlichen Herstellern, wie Tesla, Dacia und eben BMW. Mercedes-Chef Olla Källenius will überhaupt alle Zölle abschaffen. „Null in alle Richtungen!“, sagte er in einem Interview mit der Kleinen Zeitung. Denn: „Führt China nach Europa ein, sind zehn Prozent Zoll angesagt. Von Europa nach China sind es 15 Prozent. Von den USA nach Europa sind es zehn Prozent, von Europa in die USA 2,5 Prozent.“ Es wird damit gerechnet, dass Trump mindestens auf zehn Prozent erhöht.