In den Tagen zwischen Weihnachten und Dreikönig tauscht Harald Polt seinen Schreibtischsessel im Stadtmuseum Weiz gegen Stirnlampe und Bergschuhe und taucht ab in die Höhlen und Stollen der Steiermark. Dorthin, wo sich Fledermäuse zum Winterschlaf zurückgezogen haben. Seit mehr als 30 Jahren ist er ehrenamtlich quer durch die Steiermark unterwegs, um die Tiere zu zählen.
Warum? „Um die Entwicklung der heimischen Fledermaus abschätzen zu können. Um zu erfahren, wie es der Fledermaus geht. Wie entwickelt sie sich? Wirkt sich der Klimawandel schon auf die Fledermäuse aus, was natürlich der Fall ist und wo kommen die Fledermäuse her?“, erklärt der 59-Jährige.
Population verändert sich
Am dritten Tag der Zählung ist die Grasslhöhle, die älteste Schauhöhle Österreichs, dran. Ein Knarren ist zu hören. Harald Polt öffnet das Gitter des Eingangportals. Während im Freien Minusgrade herrschen, hat es in der Höhle konstante 8,5 Grad Plus – im Winter als auch im Sommer.
Der Klimawandel macht aber auch vor dem Untergrund nicht halt. „Wir bemerken, dass immer mehr Fledermäuse nahe dem Eingang überwintern, weil sie es gerne kälter mögen“, so Polt. Fest steht: die Population verändert sich. Es kommen neue Arten aus dem Süden hinzu, wie etwa die Mittelmeer-Hufeisennase, die vor zwei Jahren in der Lurgrotte in Semriach entdeckt wurde.
Rein geht es in die Dunkelheit, nur die Stirnlampen spenden Licht und werfen ihre Schatten voraus. „Wir müssen zügig vorgehen, damit wir die Fledermäuse nicht zu lange stören“, erklärt Tamara Polt, Tochter von Harald Polt. Die 26-Jährige ist seit Kindheitstagen bei Höhlenexpeditionen dabei. Mittlerweile sind Insekten mehr das Spezialgebiet der Biologiestudentin. Ihre Entdeckung des ersten Seidenbienen-Ölkäfers Österreichs auf ihrem Balkon in Graz ging Im November 2023 durch die Medien.
Auch Petra Platzer, die neue Höhlenführerin im Katerloch ist bei der Zählung dabei. Über steinerne Stufen geht es in die Tiefe. Polt hebt die Hand Richtung Decke. Über ihm baumelt kopfüber eine kleine Fledermaus. Mit ihren dünnen Beinchen krallt sie sich an den kalten Stein, ihre Flügel dicht um sich geschlungen. „Das ist typisch für die kleine Hufeisennase“, erklärt der Höhlenforscher. Rund 75 Prozent der Fledermäuse in der Grassl-Höhle gehören zu dieser Art. Hatte er anfangs nur zwei oder drei Arten auseinanderhalten können, sind es mittlerweile mindestens 20.
Hinab in den Dom
Während Polt in einem Seitengang verschwindet, leuchten seine Tochter Tamara und Petra Platzer die Seitenwände ab. In einer seitlichen Höhle entdeckt das Trio drei weitere Tiere. Dann geht es hinab in den zehn Meter hohen Holraum, den sogenannten „Dom“. „Da oben“, sagt Platzer. Ein Taschenlampenschein tanzt an der Decke und bringt weitere Fledermäuse zum Vorschein. Mittels Kamera knipst Polt Fotos. „So ist es für uns leichter die Arten zu bestimmen und größere Gruppe zu zählen“, erklärt der Fledermausforscher.
„Da sind jetzt auch andere Arten dabei“, sagt Polt, während er sein Notizbuch zückt. Er erkennt ein großes Mausohr und eine Wimperfledermaus. Etwas abseits hängen noch kleine Hufeisennasen. Auch zwischen den Tropfsteinvorhängen haben sich Tiere zurückgezogen. Es sind Wasserfledermäuse. Fein säuberlich notiert der 59-Jährige alles. Die Anzahl, die Art, aber auch den Standort, wo die Tiere gesichtet wurden.
Von jeder Begehung gibt es einen ausführlichen Bericht. Die Daten werden an die Rote Listen Österreich weitergeleitet, sie bieten einen umfassenden Überblick über den Gefährdungsstatus von Arten.
Am Ende werden es insgesamt 50 Tiere von fünf Arten sein, die das Team in der Grasslhöhle zählt. Darunter auch die große Hufeisennase, eine vom Aussterben bedrohte Art, deren wichtigstes Winterquartier im Bezirk Weiz zu finden ist. „Ein gutes Ergebnis und über dem langjährigen Schnitt“, findet der Höhlenforscher.