Zuerst die gute Nachricht: Für diese Fußball-WM mussten keine Bäume gefällt werden, und es wurden auch keine Schneekanonen aufgestellt. Angeführt von Frankreich haben mindestens acht Mannschaften berechtigte Titelambitionen, dazu kommen spielstarke Außenseiter wie Dänemark oder Kroatien. Sportlich gesehen könnte diese WM eine der interessantesten werden.

Aber darf man die Spiele überhaupt schauen? Von 6500 toten Arbeitern und miserablen Bedingungen auf den Baustellen ist die Rede, von massiven Menschenrechtsverletzungen in einem autoritären Regime, wo Homophobie und Frauendiskriminierung fröhliche Urständ feiern. Aus Klimasicht ist die Veranstaltung eine mittelschwere Katastrophe, wird doch CO2 in die Luft geblasen, als ob es kein Morgen gäbe. Das Land ist zu klein, um alle Fans unterzubringen, also pendeln täglich 160 Flüge zwischen Dubai und Doha. Den nicht nur aus architektonischer Sicht coolen Stadien fehlt ein Nachnutzungskonzept, dafür verbrauchen die Klimaanlagen Energie, dass es einem die Härchen aufstellt, während halb Europa in ungeheizten Wohnungen bibbert. Eine WM der Schande?

Ohne Korruption und Schmiergeld wäre wohl niemand auf die verrückte Idee gekommen, eine Weltmeisterschaft in der Wüste auszurichten. Aber bei viel Geld kriegen die meisten weiche Knie. Vor ein paar Jahren hat sich ein Spaßvogel in weiße Bettlaken und Palästinenserschal gehüllt, um mit verschleierten Damen in einer österreichischen Kleinstadt einzureiten, nicht auf einem Kamel, sondern in einer Stretch-Limo von der Länge eines Schwertransporters. Was die das große Geld witternden Bürger angesichts dieses falschen Scheichs alles aufgeführt haben, geht in keine Stadtchronik. Am Ende hätten die völlig närrisch Gewordenen wohl sogar zugestimmt, alles abzureißen und anstelle ihrer Stadt eine künstliche Wüstenoase zu errichten. Hauptsache das Knödel stimmt. Gut, dass sich der Scherzbold irgendwann enttarnt hat.

Vielleicht wird es auch bei dieser WM so sein, stellt sich bei der Eröffnungsfeier einer der Scheichs hin, nimmt seinen falschen Burnus ab und sagt, seht wie gierig, käuflich und verrückt ihr alle seid. Leider ist das unwahrscheinlich. Also wird die Katharsis ausbleiben und Katar mit seinem moralischen Katarrh für verschnupfte Fans sorgen.

Für Fußballinteressierte ist die Veranstaltung eine veritable Katarstrophe. Diesmal kann man nicht sagen, Fußball verbindet und setzt ein Zeichen zur Völkerverständigung. Diesmal wird offensichtlich, dass nur Geld verbindet, und die WM ein großer Glaubensbeweis für den Mammon ist, ein Beleg dafür, dass man alles kaufen kann.

Jede Vorfreude flüchtet ins Zeugenschutzprogramm. Niemand hat Lust auf ein Fußballfest, bei dem es um Imagepolitur für sandverstrahlte Ölmultis geht. Es gibt kein Public Viewing unter Heizschwammerln, weil das auch energietechnisch eine Katastrophe wäre, keine fröhlichen Tipprunden. Dabei wäre alles angerichtet, um für ein paar Wochen Krieg, Corona und Klimakatastrophe zu vergessen.

Fußball entwickelt sich seit Jahren zu einem abgehobenen Hort für Geldwäsche und Korruption. In Katar sollen sogar die Fans bezahlte Jubelperser sein. Steht uns also eine Fake-WM an irrealen Orten bevor, die man als halbwegs anständiger Mensch nur ignorieren kann? Oder dürfen wir den Kopf in den Sand stecken und uns auf Fußball als Oase in einer immer wüster werdenden Welt freuen?

Jedenfalls ist es gelungen, uns Fußball-Aficionados ein schlechtes Gewissen einzutrichtern. Das passt gut in eine lustfeindliche, rechthaberische, alles Widerborstige weghobelnde Zeit, in der sich alle moralisch überlegen fühlen, weil sie vegan, woke, Nichtraucher, abstinent, divers, Impfgegner, Impfbefürworter, Weltretter oder eben WM-Boykottierer sind. Jeder findet eine Nische, in der er über allen anderen steht.

Aber man ist kein schlechter Mensch, nur weil man sich ein bisschen WM reinpfeift. Ich jedenfalls werde mir Spiele ansehen. Nicht so begeistert wie sonst, auch bestimmt nicht alle, aber ganz verzichten will ich nicht. Warum? Weil mir ein Boykott scheinheilig erscheint. Auch in jedem anderen Ausrichterland wurden Fans kreuz und quer herumgeflogen. Und wenn man über andere lästert, sollte man zuerst bei sich selbst anfangen. Wie wird bei Österreichs Spargelbauern oder Gemüsepflanzern mit billigen Arbeitskräften umgegangen? Die blechen unverschämte Mieten für desolate Schlafsäle, bekommen keine Sozialleistungen, werden weder medizinisch noch sanitär versorgt und zu Akkordleistungen geschunden. Und überhaupt, tragen nicht die meisten von uns Kleidung, die durch Kinderarbeit hergestellt worden ist?

Trinken wir nicht Kaffee und essen Bananen, obwohl wir ahnen, wie es in den Ursprungsländern zugeht – da fallen Arbeitern wegen der versprühten Pestizide Hände ab. Und wenn wir aus Protest zu Produkten mit Bio- und Fairtrade-Aufklebern greifen, fehlt uns jede Information darüber, wie es dort ausschaut. Wir haben Weltmeisterschaften in Militärdiktaturen (Argentinien) und Ländern wie Russland akzeptiert, wo man Regimegegner enteignet, wegsperrt oder umbringt. Olympische Spiele in China. Und wer hat protestiert, als Doha die Handball- oder die Leichtathletik-WM ausgerichtet hat? Oder ein Formel-1-Rennen? Tennis-Turnier? Wir fliegen mit Emirates oder Qatar Air in Urlaubsparadiese, wo unleidliche Diktatoren herrschen, jubeln Vereinen zu, die Scheichs gehören und kaufen Produkte aus China.

Auch bei uns werden die Leute ausgebeutet. Ein gelernter Koch mit dreißig Jahren Berufserfahrung bekommt 1400 Euro netto. Um das Alpen-Disneyland mit seinen Beschneiungsanlagen am Laufen zu halten, werden Billiglohnarbeiter in sklavenartige Beschäftigungsverhältnisse gepresst.

Und da will man den einfachen Leuten auch noch das neue Opium madig machen. Mir kommt das vor, wie wenn Immobilienhaie sagen, sie brauchen gar keine Mieter mehr, die stören nur, eine Wertsteigerung des Objekts gibt es auch so.

Fußball ist seit Jahren immer windiger geworden. Nun hat man eine von Milliardären ausgerichtete Veranstaltung, wo Multimillionäre einer in Kinderarbeit zusammengenähten Saublase hinterherjagen. Keine einzige Mannschaft hat die Teilnahme an der WM aus Protest abgelehnt, nicht ein Spieler hat gesagt, da fahre ich nicht hin. Die TV-Anstalten haben für viel Geld Übertragungsrechte ersteigert, und Sponsoren zahlen kleine Vermögen, damit ihr Logo wo erscheint. Natürlich würde es mich freuen, wenn der Schuss nach hinten losgeht, sich der erwartete Prestigegewinn als gigantischer Imageschaden entpuppt. Vielleicht würde man dann bei der FIFA, den Sponsoren und auch in Katar anfangen umzudenken. Vielleicht gelingt es ein paar Klimaprotestierern, deren Verzweiflung mir verständlich ist, die Veranstalter zu ärgern.

Ich werde mir ein paar Spiele ansehen, aber aus Protest mit einem angefressenen Gesicht. Sobald Neymar seine Bodenturnübungen vollführt, Messi durch Verteidigungen kurvt und Mbappé den Turbo zündet, ist natürlich alles vergessen. Aber nur für 90 Minuten. In der Welt ist vieles faul, einige haben einfach zu viel Geld, und wenn nicht einmal Fußball ablenken kann, liegt vieles im Argen. So träume ich diesmal nicht von einem Titel für den Senegal, sondern davon, dass im Gewand von einem Scheich ein Flitzer steckt und keck die Geldwelt neckt.

Franzobel, geboren 1967 als Stefan Griebl im
oberösterreichischen Vöcklabruck, ist Schriftsteller,
Sport- und Fußballfan, Kolumnist der Kleinen Zeitung
und Bachmannpreis-Träger. Bücher u. a.: „Das Floß der Medusa“ (2017), „Rechtswalzer“ (2019), „Die Eroberung Amerikas“ (2021),
„Heldenlieder“ (2021).