Pandemie, Streik und Waldbrände: Los Angeles musste einiges aushalten in den letzten Jahren. Mit dem Schriftzug „We Love L.A.“ als Hommage eröffnete die Gala im Dolby Theatre in Beverly Hills – die Sie hier nachlesen können. Stehende Ovationen und eine Verneigung von Oscar-Gastgeber Conan O’Brien gab es für die Feuerwehrleute, die gegen die verheerenden Waldbrände ankämpften, die 29 Menschenleben forderten.


Das waren die schönsten Roben des Abends:

„In Momenten wie diesen erscheint eine Preisgala wie diese unangemessen. Aber erinnern wir uns daran, warum wir heute hier sind: Wir feiern eine Kunstform, die im besten Fall die Fähigkeit hat, uns zu vereinen - auch im Angesicht von Bränden oder spaltender Politik.“ Und damit war das Thema dieser 97. Oscarverleihung vorgegeben – das Verbindliche wurde beschworen, die Kraft des Kinos gefeiert, der Neuanfang zelebriert. Warum heuer alles so kompliziert und schwierig war, haben wir hier zusammengefasst.

(From L) Los Angeles Fire Department (LAFD) Captain Erik Scott, LAFD helicopter pilot Jonith Johnson Jr. and Pasadena Fire Captain Jodi Slicker speak onstage next to US comedian and host Conan O'Brien during the 97th Annual Academy Awards at the Dolby Theatre in Hollywood, California on March 2, 2025. (Photo by Patrick T. Fallon / AFP)
Ehrung für die Feuerwehrleute © AFP / Patrick T. Fallon

Die Preisträgerinnen und Preisträger

Bei den Schauspielpreisen setzten sich großteils die Favoritinnen und Favoriten durch: Adrien Brody holte sich seinen zweiten Oscar für seine furiose Performance für „The Brutalist“ ab, ein Film, der in Widerrede zum amerikanischen Traum tritt. „Ich möchte ganz demütig Danke sagen. Danke für diese wunderbare Liebe und den Respekt, die ich erleben darf“, sagte er in seiner Dankesrede, wo er auf die Zerbrechlichkeit und das stete Neuanfangen der Schauspielerei verwies. Er hätte oftmals die systematische Unterdrückung in Filmen verkörpert: „Ich bete für eine gesündere, glücklichere und inklusivere Welt.“ Nachsatz: „Lasst uns Hass nicht unwidersprochen lassen.“ Brody appellierte an alle, die Welt wieder neu aufzubauen.

Adrien Brody accepts the award for best performance by an actor in a leading role for
Zweiter Oscar für Adrien Brody © AP / Chris Pizzello

Mikey Madison überraschte

Die größte Überraschung war wohl die Entscheidung der Academy für die beste weibliche Hauptrolle: Wider alle Klischees brilliert Mikey Madison in „Anora“ und überholte Demi Moore, die mit ihrem wunderbaren Comeback im Bodyhorror-Film „The Substance“ als gesetzt galt. Bei ihrer Dankesrede freute sich die 25-Jährige: „Die Tatsache, dass ich heute hier oben stehe ist einfach unfassbar“, sagte sie.

US actress Mikey Madison accepts the award for Best Actress in a Leading Role for
US-Schauspielerin Mikey Madison und ihr Spickzettel © AFP / Patrick T. Fallon

Siegeszug von „Anora“

Das betörende Außenseiter-Drama „Anora“ des Indie-Filmemachers Sean Baker holte in diesem schwierigen und unvorhersehbaren Oscarjahr zum Siegeszug aus: Nach den Auszeichnungen für Schnitt und Originaldrehbuch reüssierte Baker auch in der Königskategorie beste Regie. Diese Dankesrede war eine Hommage an das Kino und speziell das Indie-Kino. Als am Ende auch „Anora“ als Gewinner in der anderen Königssparte bester Film verkündet wurde, sagte er: „Das ist ein wirklich unabhängiger Film. Darin stecken Blut, Schweiß und Tränen von unabhängigen Künstlern. Lang lebe der Independent-Film!“

Und Conan O‘Brien merkte trocken an: „Ich glaube, Amerika ist begeistert, endlich jemanden zu sehen, der sich gegen einen mächtigen Russen zur Wehr setzt.“

An Trumps Außenpolitik adressiert

Explizit politisch wurde es bei der Dankesrede in der Dokusparte: Der Preis ging an den Film „No Other Land“, der engagiert und aktivistisch eine Siedlung im Westjordanland in den Fokus rückt, die von der israelischen Armee zum Militärübungsplatz umfunktioniert wurde. Es ist die Geschichte von Basel Adra aus Masafer Yatta und seinem Freund, dem israelischen Journalisten  Yuval Abraham. In seiner Dankesrede betonte Abraham: „Wir leben in einem Regime, in dem ich nach dem Zivilrecht frei bin und Basel Militärgesetzen unterliegt, die sein Leben zerstören und die er nicht kontrollieren kann“, sagte er. Es gebe einen anderen Weg, „eine politische Lösung ohne ethnische Vorherrschaft, mit nationalen Rechten für beide unserer Völker.“ Abraham sprach direkt die US-Außenpolitik von US-Trump an, die dazu beitrage, „diesen Weg zu blockieren“.

Die Nebenrollen

Was die beiden Ausgezeichneten in dieser Kategorie einigte: Ihre Rollen waren eigentlich Hauptrollen und sie galten – vielleicht als einzige Konstante in diesem verrückten Oscarrennen – als stete Konstante in puncto Favoritenstatus: Kieran Culkin im Holocaust-Erinnerungsdrama „A Real Pain“ und Zoe Saldaña im Narcos-Musical „Emilia Pérez“. Beide münzten ihre erstmaligen Nominierungen in Trophäen um.

This handout picture courtesy of the Academy of Motion Picture Arts and Sciencies (AMPAS) shows US actor Kieran Culkin and wife Jazz Charton during the 97th Annual Academy Awards at the Dolby Theatre in Hollywood, California on March 2, 2025. (Photo by Richard Harbaugh / AMPAS / AFP) / RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT
Kieran Culkin und seine Frau Jazz Charton © AFP / Richard Harbaugh

In seiner quirligen Dankesrede erinnerte der „Succession“-Star Culkin coram publico seine Frau daran, dass sie ihm einst ein viertes Kind versprochen habe, wenn er einen Oscar gewänne.

Zoe Saldaña dankte der Academy, dass sie den „stillen Heldentum und die Kraft einer Frau“ würdigte. Und: „Ich bin die stolze Tochter von Einwanderern.“ Sie ist die erste Dominikanerin, die einen Goldbuben einheimste.

Überraschungen fehlten in dieser dennoch kurzweiligen Gala, die die Talkshowlegende Conan O‘Brien mit kindisch-beißendem Humor verfeinerte. Je länger der Abend dauerte, desto öfter wurde der weiße Elefant im Raum – Donald Trump – zumindest zwischen den Zeilen angesprochen.

Brazilian director Walter Salles accepts the award for Best International Feature Film for
Bester internationaler Film für „I‘m Still Here“ von Walter Salles © AFP / Patrick T. Fallon

„Hier geht es um eine Frau, die unter einem autoritären Regime litt“

Stattdessen gab es einige Debüts unter den Preisträgerinnen und Preisträgern: Nebst den vorhin genannten erhielt Regie-Veteran Walter Salles den Preis für den besten internationalen Feature Film für „I‘m Still Here“, der bei uns am 14. März in den Kinos startet. Es ist der erste brasilianische Film in dieser Sparte. Erzählt wird die wahre Geschichte von Eunice Paiva (Fernanda Torres) berichtet, deren Ehemann und Kongressabgeordneter Rubens Paiva 1971 in Rio de Janeiro von Beamten der Militärdiktatur verschleppt und getötet wird. „Hier geht es um eine Frau, die unter einem autoritären Regime litt“, sagte er.

Der berührende, aber auch pathetische Film setzte sich gegen „Emilia Pérez“ durch, der bislang für den besten Song „El Mal“ und die beste Hauptdarstellerin für Zoe Saldaña.