Unberechenbar wie ein Casino-Besuch ist der Ausgang dieser 97. Oscar-Verleihung. Wo genau die Roulette-Kugel heute Nacht in L. A. liegen bleiben wird und welche Namen nach den Worten „And the Oscar goes to . . .“ erklingen werden, ist nach dem Favoriten-Ringelspiel der letzten Monate ergebnisoffen. Anders gesagt: So spannend war es lange nicht mehr, was wiederum den TV-Quoten nicht schaden dürfte.

Die Academy Awards befinden sich im Ausnahmezustand: ökologisch, ideologisch und politisch. Waldbrände wüteten wochenlang in Kalifornien, die Häuser vieler Stars brannten nieder, die Oscars wurden verschoben. Die zweite Amtszeit von US-Präsident Donald Trump ist angelaufen, er produziert Eklats wie jüngst jenen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, und polterte, Hollywood wieder „great“ zu machen: stärker, größer, mächtiger. Wie? Indem er die drei Trump-Fans Sylvester Stallone (78), Mel Gibson (69) und Jon Voight (86) als Sonderbotschafter verpflichtete. Sagen wir so: Ein Schritt Richtung Öffnung zum Weltkino ist das nicht.

Ein Nicht-Trump-Amerika

Dabei erzählen die heuer nominierten Filme vielfach von einem Nicht-Trump-Amerika und einer Welt der Vielen. In Brady Corbets Epos „The Brutalist“ läuft Adrien Brody als jüdischer Architekt und Holocaust-Überlebender László Tóth auf einem Schiff voller Einwanderinnen und Einwanderer in Ellis Island, New York, ein. Die Kamera schwenkt zum Himmel und fängt die Freiheitsstatue ein. Falsch herum, sie steht Kopf.

Auch ein Sinnbild für andere nominierte Werke in der Königskategorie „Bester Film“: Regisseurin Coralie Fargeat erzählt in „The Substance“ mit den Stilmitteln des Body-Horror-Schockers von Schönheitswahn in der sogenannten Traumfabrik und berichtet vom Horror, eine Frau zu sein. Demi Moore brilliert als ausrangierter Star.

Die Novität: Alle Filme der nominierten Hauptdarstellerinnen sind auch als Bester Film nominiert. Eine Schauspielerin schoss ihren Film, wie berichtet, wohl selbst aus dem Rennen. Die Rede ist von Karla Sofía Gascón. Ein Oscar für die Transschauspielerin wäre – als Botschaft an Trumps Politik – ein Statement gewesen. Nach ausgegrabenen alten rassistischen und islamophoben Tweets, für die sie um Entschuldigung bat, distanzierte sich nicht nur Netflix, sondern auch Teile des Filmteams von ihr. Diese Kontroverse überschattete die inhaltliche Debatte über den grandiosen Ritt des Narcos-Musicals. Kleine versöhnliche Notiz am Rande: Gascón wird zur Preisgala kommen.

Den Blick auf Außenseiterinnen und Außenseiter der Vergangenheit und Gegenwart lenken viele Filme. „Sing Sing“ von Greg Kwedar, der erst ins Kino kommt, berichtet vom engagierten Theater in einem New Yorker Gefängnis für Langzeithäftlinge. „Nickel Boys“ ist die überzeugende Romanadaption des Pulitzer-Preisträgers Colson Whitehead über die Dozer School for Boys für schwer erziehbare Jugendliche in der Jim-Crow-Ära. In „I’m Still Here“ rollt Walter Salles die wahre Geschichte von Eunice Paica auf, deren Mann und Kongressabgeordneter Rubens 1971 in der brasilianischen Militärdiktatur verschleppt und getötet wird.

Glaubt man den Buchmachern, haben nebst brisanter Themen Konsens-Kandidaten wie das Antimärchen „Anora“, das Musical „Wicked“ und der Vatikanthriller „Konklave“ aufgeholt. Branchen-Versierte gehen davon aus, dass es den einen großen Abräumer-Film heuer nicht geben wird. Morgen früh wissen wir mehr. Auch, ob einer der Darsteller aus dem Trump-Film „The Apprentice“ geehrt wird. Den wollte der nunmehrige US-Präsident verhindern, was ihm missglückte.