Ist Kinokunst ein Spektakel? Nicht zwangsläufig, haben doch auch immer wieder kleine, feine Filmgeschichten und einige experimentelle Randphänomene ihre Berechtigung auf der Leinwand. In seiner Essenz lebt die siebente Kunst aber, seit ihren Anfängen in der Jahrmarktwelt, von immersiven Bildern und narrativer Energie. In Hollywood und seiner kritischen Rezeption hierzulande wird das allzu oft auf ein Eventkino voller Computereffekte und Superhelden verengt. Mit „Der Brutalist“ kommt nun eine wunderbar überwältigende Geschichte ganz ohne Effekt-Helden ins Kino, die amerikanischer und epischer nicht sein könnte – und gerade damit zum großartigsten Film der letzten Jahre wird.
Im Zentrum steht ein Immigrant, der ein neues Leben beginnen will. Auch das macht den Film zeitgemäß. Er spielt am Morgen nach der schwarzen Nacht des Zweiten Weltkriegs. Der ungarisch-jüdische Bauhaus-Architekt László Tóth kommt in der ersten von vielen phänomenalen Szenen mit dem Boot in Amerika an. Die Freiheitsstatue steht Kopf, doch László kann wieder frei atmen. Zurückgeblieben ist jedoch nicht nur der Tod und ein altes Leben, sondern auch seine geliebte Frau Erzsébet. Ihm gegenüber steht das kapitalistische Amerika in all seiner Ambivalenz, in Gestalt des exzentrischen Industriellen Harrison Van Buren. Er will sich von László ein brutalistisches Denkmal konstruieren lassen.
Eine fiktive Biografie
Wer hier im Biopic-verliebten Kino eine wahre Geschichte vermutet, liegt ausnahmsweise falsch. László Tóth steht stellvertretend für viele, die überlebten, flüchteten und wieder neu beginnen mussten im trügerischen amerikanischen Traum. Adrien Brody holte sich die Inspiration bei seiner ungarischen Mutter und seinen jüdischen Vorfahren. Felicity Jones und Guy Pearce brillieren in weiteren Nebenrollen, für die sie für den Oscar nominiert worden sind.
Regisseur Brady Corbet und Drehbuchautorin Mona Fastvold erzählen in diesem Ausnahmeprojekt eine mitreißende Geschichte in monumentaler Filmsprache, gedreht im seit den 1970ern nicht mehr verwendeten, opulenten VistaVision-Analogformat. Begleitet vom treibenden Soundtrack vergehen die zwei Hälften der 200 Filmminuten wie im Flug, mit einer Pause, die einen wie László durchatmen lässt.
Kino ist keine Preis-Leistungs-Rechnung. Doch „Der Brutalist“ hat mit einem unglaublichen Budget von nur zehn Millionen das beste Verhältnis seit langem und wirkt größer als so mancher Blockbuster. Mit viel Herzblut und Vision gedreht, steht er auf einer Stufe mit epischen Werken der Filmgeschichte. Ein sofortiger Klassiker, ein zeitloses Kinoerlebnis.
Bewertung: ●●●●●