Es ist schon jetzt ein historisches Dokument und gleichzeitig eine diplomatische Katastrophe, der man sich ob ihrer Irrwitzigkeit nicht entziehen kann. Doch das fünfminütige Streitgespräch zwischen dem US-Präsidenten Donald Trump und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj könnte nun zum Bruch der zwei Nationen führen - mit weitreichenden Folgen für die Ukraine und Europa.
Das Treffen, geplant als Versöhnungsgipfel, eskalierte innerhalb weniger Minuten in ein heftiges Wortgefecht. Trump wirft Selenskyj Undankbarkeit vor und erklärte, dass der ukrainische Präsident die Welt in einen dritten Weltkrieg führen würde. Die Emotionen kochen schnell hoch, die Unterzeichnung des geplanten Rohstoffdeals wird abgesagt. Das Gespräch endet ohne versöhnliche Schlussnote. Selenskyj verlässt das Weiße Haus Hals über Kopf und der Besuch, der einen wichtigen Schritt in Richtung eines Friedens in der Ukraine bringen sollte, wird schließlich abgebrochen. Auch am Tag danach gibt es wenig versöhnliche Worte. Im TV-Interview nach dem Vorfall stellt Selenskyj klar, dass er sich nicht bei Trump entschuldigen wolle und pochte weiter auf Sicherheitsgarantien für ein mögliches Friedensabkommen mit Russland. Trump hingegen machte deutlich, dass er die Gespräche mit Selenskyj nicht sofort wieder aufnehmen will.
Was bleibt, ist viel zerbrochenes Glas und ein möglicher Bruch der beiden Staaten. Trump hatte bereits in der Hitze des Gesprächs von einem Ausstieg der USA gesprochen. Die Folgen wären fatal. „Vor allem im Bereich der Artilleriemunition, Langstreckenflug- und Abwehrraketen sowie in der Gefechtsfeldaufklärung und der Gesamtkoordination der militärischen Unterstützung für die Ukraine sind die Amerikaner unverzichtbar“, erklärt Militäranalyst Franz-Stefan Gady.
Waffenlieferungen reichen noch für sechs Monate
Schätzungen gingen bisher davon aus, dass das Land mit den von Trumps Vorgänger Joe Biden eingeleiteten Waffenlieferungen noch ein halbes Jahr in der gleichen Intensität weiterkämpfen könne. Dazu Gady: „Mit der Artillerie würde ein wichtiger Pfeiler wegbrechen und die Chance, dass ein Teil der Front kollabiert würde steigen. Wenn der Kongress keine neuen Hilfspakete verabschiedet, müssten die Ukrainer in den kommenden Monaten Munition rationieren und ihre Feuerrate verringern. Die Europäer könnten das nur teilweise kompensieren. Vor allem im Bereich der Langstreckenflugabwehr sind die Amerikaner kaum zu ersetzen.“
Ein wenig erfreuliches Szenario. Und selbst wenn, die Amerikaner ihre Waffenlieferungen nicht einstellen würden, gäbe es trotzdem ein Problem, erklärt Gady: „Auch die amerikanischen Arsenale sind relativ leer – das wird oft unterschätzt. Vor allem was Präzisionswaffensysteme betrifft, wie ballistische Raketen, aber auch die anderen Munitionsvorräte gehen langsam zur Neige oder sind reserviert, weil die Amerikaner auch auf andere Krisen fokussiert sind.“
Große Lücke in der Kriegskassa
Die Trump-Administration will den Ukraine-Konflikt bekanntlich rasch vom Tisch haben. Nach diesem diplomatischen Tiefpunkt wächst die Sorge, dass Washington ohne die Ukraine und Europa mit Russland verhandeln könne. Würde die USA ihre Ukrainehilfen zudem zurückziehen, würde das eine große Lücke in die Kriegskassa reißen, die Europa nur schwer schließen könnte. In den drei Jahren Krieg flossen aus den USA umgerechnet über 30 Milliarden Euro direkt in die Unterstützung des ukrainischen Staatshaushalts.
Eigentlich war Selenskyj auch nach Washington gereist, um Trump mögliche Sicherheitsgarantien abzuringen. Auch das dürfte nun wohl vom Tisch sein. Russland spielt das in die Hände. „Es gibt momentan keine Gründe, warum Russland einen Waffenstillstand lang aufrechterhalten sollte. Vor allem, solange es nicht solide Sicherheitsgarantien von den Europäern und Amerikanern gibt“, betont Gady.
„Der Eklat wird die Übergabe des ‚Ukraineproblems‘ von den Amerikanern an die Europäer nur beschleunigen. Europa ist jetzt am Zug! Leider fürchte ich, dass wir abseits der Rhetorik nicht darauf vorbereitet sind“, betont Gady. Ob es so ist, wird sich rasch zeigen. Am Sonntag wollen die europäischen Staats- und Regierungschefs bei einem Sondergipfel in Großbritannien beraten. Mit Selenskyj am Tisch. Dieser landete bereits am Samstag in London.