Es beginnt mit Nahaufnahmen banaler Alltagsdinge: Blätter rascheln durch den Wind, ein Stoß Pokerkarten wird zu einem Flush zusammengeflickt. Aus dem Off ertönt wiederholt ein Name: „Elwood! Elwood!“ Zu sehen bekommt man diesen Buben namens Elwood erst nur über die Reflexion im Bügeleisen der geliebten Großmutter (Aunjanue Ellis). Dann wieder in einem Schaufenster, in dem ein Fernseher eine Rede von Martin Luther King überträgt. Auf dieses Bild des politischen Umschwungs projiziert sich der schlaue Junge selbst, schöpft daraus Hoffnung auf bessere Zeiten, auf eine gerechte Zukunft für alle.

Im Süden Floridas gelten die Jim-Crow-Gesetze – die verpflichtende Rassentrennung in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln, die bis 1964 in Kraft war. Dieses dunkle Kapitel beobachtet der Filmemacher und Fotograf RaMell Ross unmittelbar durch die Augen seiner zwei Hauptfiguren Elwood (Ethan Herisse) und Turner (Brandon Wilson). Zwei Jugendliche, deren Wege sich in einem Erziehungsheim kreuzen sollten. Ersterer ist dort gelandet, weil er, wie es der unglückliche Zufall wollte, in einem geklauten Wagen autostoppte. Unwissentlich. Die mutmaßliche Besserungsanstalt für schwarze Teenager setzt ihre Kadetten inhumanen Bedingungen aus.

Ihr tragisches Schicksal scheint in Stein gemeißelt. Bei Tag und Nacht, den ganzen steinigen Leidensweg hinweg folgt die Kamera den beiden aus der Egoperspektive. Die Blicke wechseln sich ab. Selten haben sich Form und Inhalt besser ergänzt. Wenn einer aus dem Schlaf gerissen wird, überträgt sich die Benommenheit ins wackelige Bild. Fragmentarisch hüpft das Drama durch Vergangenheit und Zukunft, findet Halt in Fernsehaufnahmen prominenter Menschenrechtler. Mit welchem erzählerischen und stilistischen Mut sich Ross Gräueltaten unaussprechlichen Ausmaßes nähert, ist bemerkenswert anzuschauen. Dass der zweifach nominierte und vielleicht wichtigste Oscar-Kandidat (bester Film, bestes adaptiertes Drehbuch) hierzulande nur auf Amazon Prime erscheint, bleibt eine traurige Randnotiz. ●●●●●