Wenigstens eine Herzstation, die würde zumindest Geld in die Krankenhauskasse spülen, aber die Notaufnahme? Ein Fass ohne Boden! Der Geschäftsführer (Peter Lohmeyer), oder heute sagt man gerne feiner: Gesundheitsökonom, wundert sich, dass die Ärztin Zanna Parker (Haley Louise Jones ) den Weg aus dem noblen München nach Neukölln gekommen ist, um die Abteilung auf Vordermann zu bringen. Diese Abteilung ist so etwas wie ein lebendig gewordenes Schlachtengemälde: Hier wird im Stakkato eingeliefert, wer in der wenig feinen Welt des Berliner Bezirks Neukölln unter die Räder gekommen ist. Unfälle ja, aber auch Messerstechereien, Drogenmissbrauch und dazwischen der ganz normale Alltag einer Ambulanz. Würde sich da nicht auch noch der typische Schleier der Stadt drüberlegen, die sich, schon länger her, einmal als Partyhauptstadt definiert hat. Hier sind wir ziemlich Post-Party: Die Optik, die Rauheit, der Grundsound der Serie spielt den Moment aus, wenn das dröhnende Pumpen auf der Tanzfläche ins Wehtun kippt, die Nacht vorbei ist, der Schädel brummt, aber die Optik noch schief ist. Dann ist die Welt so, wie es in der Notaufnahme der Dauerzustand ist: schrill und schwer zu ertragen. Zwangsläufig ergibt das einen toxischen Cocktail, der den Großteil der Mannschaft wie die Titanic auf den Eisberg zutreiben lässt: Die Überforderung ist mit Händen zu greifen, hier ist man über die blutleere Worthülse von der Pflegekrise schon längst drüber.

Zanna Parker hat es als Neuankömmling nicht leicht, ihr Job ist ein Schleudersitz. Zu viele haben sich an der Rettungsstation schon probiert, aber theoretisch ist der Patient tot. Hier ein Triagesystem gegen das Chaos einführen zu wollen, lässt die Belegschaft zynisch auflachen, als würde man dem Grippevirus mit Kamillentee drohen. Ziemlich lächerlich! Die Belegschaft folgt der üblichen stationären Familienaufstellung: Der brillante Problembär-Arzt (Slavko Popadić), die Zynikerin vom Dienst (Şafak Şengül), an der alles abprallt, der Gaudewipfeldoktor (Aram Tafreshian), der immer gute Laune hat, der abgebrühte Rettungsfahrer (Bernhard Schütz). Hinzu kommt: Zu all dem, was hier wütet und durchfährt, tragen alle noch zusätzlich schweres emotionales Gepäck mit sich herum. Aber das ist bekanntlich nichts, was es nicht in anderen Ärzteserien auch gibt. Doch die achtteilige Serie funktioniert vielmehr wie ein Röntgenblick und durchdringt das System bis auf die Knochen: Wo man tagtäglich ums Überleben kämpft, ist man in der ökonomischen Krankenhaushierarchie nicht nur örtlich ganz unten. Das färbt ab.

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Hier gibt es keine Zusatzversicherungen und Klassepatienten, vielmehr wird sichtbar, was mit der Zweiklassengesellschaft im Gesundheitswesen so gemeint ist: Die Ausstattung desolat, das Gebäude im Arsch, der Patient ist nur ein Kostenfaktor. Hinzu kommt, dass die Serienmacher die Berliner Roughness wie eine Infusion durch die Produktion pumpen: Keine Krankenhausserie war je weniger klinisch und weniger weiß als „KRANK“. Das lässt die Serie in manchen Szenen fast an einer Dystopie vorbeischrammen oder ist es doch recht nahe an der Realität? Gut möglich, Samuel Jefferson, der die Serie mitentwickelt hat, ist ehemaliger Notarzt.

Bewertung: ●●●●○

„KRANK Berlin“ ist auf Apple TV+ zu sehen.

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