Nach zig Umarmungen und mit einem Spickzettel bewaffnet schritt Mikey Madison auf die Bühne: Die 25-jährige Schauspielerin erhielt überraschend, aber verdient den Oscar als beste Hauptdarstellerin – und schnappte ihn Demi Moore für die Rolle ihres Lebens in „The Substance“ weg. Ihre Töchter trösteten Moore daraufhin.

Sichtlich von der Rolle indes sagte Madison in ihrer Dankesrede: „Ich bin zwar in Los Angeles aufgewachsen, aber Hollywood war immer so weit entfernt für mich.“ Das wird sich nun garantiert ändern, der Weg vom Shootingstar zum Star ist geebnet.

Denn in „Anora“ spielt die Amerikanerin alle an die Wand. Impulsiv und schnoddrig verkörpert sie die Sexarbeiterin Ani, die in einem Stripclub den Männern beim Lapdance in Séparées die Scheine aus der Tasche zieht. Bis sie auf das russische Oligarchensöhnchen Ivan trifft, der sie exklusiv bucht. Berauscht von Sex, Geld, Drogen und einer Haltung von „Was kostet die Welt?“ fahren die beiden nach Las Vegas – und heiraten dort. Ani glaubt, sie hätte es geschafft. Bis Ivans Eltern davon Wind bekommen und die Schergen schicken.

Großes, trotziges Kino

Ani kapituliert nicht vor den Drohungen. Wie Madison Zähne schärft, Krallen ausfährt und sich in bester Manier eines Raubtiers wehrt, ist ganz großes Kino. Sie wechselt binnen Sekundenbruchteilen Stimmungen, ihr Spiel verleiht dem Indie-Drama eine reizende Unberechenbarkeit und bewirkt, dass es unverkrampft zwischen Tragödie und Komödie changieren kann. Diese Gabe bewies Madison schon in früheren Auftritten – wie etwa herrlich augenrollend als Teenager in der Serie „Better Things“. In Quentin Tarantinos Hommage „Once Upon a Time in Hollywood“ überzeugte sie als völlig durchgeknallte Manson-Anhängerin Susie Atkins.

Die 25-Jährige ist eine Körperarbeiterin – für ihre Oscarrolle hat sie nebst Russisch auch Pole-Dance perfektioniert. „Ich hatte meinen Körper gefoltert, um das zu lernen“, sagte sie. Und sie hat bei Sexarbeiterinnen recherchiert und von ihnen gelernt. Ihnen dankte die Schauspielerin, die auf Social Media nicht präsent ist, in ihrer Rede auch: „Ich möchte auch die Sexarbeiterinnen-Community anerkennen und ehren. Ich werde sie weiterhin unterstützen und eine Verbündete sein.“