Am 15. September 1944 muss Josef Schäffer eine Entscheidung treffen, die alles verändert. Einen Tag hat er dazu Zeit. Mit seiner Frau Maria und Tochter Eva (15) packt er alles ein, was man zum Leben braucht. Alles, was sie tragen können. Das Haus und die Landwirtschaft, die Felder, die der Familie Nahrung geben, müssen sie zurücklassen. Noch weiß Josef Schäffer nicht, dass es für ihn keine Rückkehr geben wird. Mit dem Blick nach Westen gerichtet, besteigt die Familie einen Pferdewagen. Die Zukunft ist ungewiss. Die Welt befindet sich im Krieg.

Ein Tag, der alles veränderte

Der Feldkirchner Josef Szarvas erzählt die Fluchtgeschiche seiner Vorfahren, die in Semlak in Rumänien lebten und der deutschsprachigen Minderheit Banater Schwaben angehörten. König Michael von Rumänien hat im August 1944 das Militärbündnis mit NS-Deutschland beendet. Rumänien wechselte die Kriegsseite und nahm ab sofort an der Seite der Alliierten am Zweiten Weltkrieg teil. Damit war Rumänien für die deutschen Minderheiten, die dort lebten, nicht mehr sicher. Am 14. September 1944 erschienen deutsche Soldaten, um die Semlaker zur Flucht zu bewegen. Viele entschlossen sich in Richtung Deutschland zu flüchten; über Österreich, das zu dieser Zeit allerdings selbst unter Beschuss stand. Nichtsdestotrotz machten sich am 15. September 80 Pferdewagen in Semlak auf den Weg und waren wochenlang unterwegs in eine ungewisse Zukunft. Jene, die sich entschieden haben zu bleiben, wurden im Jänner 1945 nach Sibirien verschleppt. Die wenigen, die ins Dorf zurück kamen, fanden ihre Häuser durch rumänische Staatsbürger besetzt.

Als der Flüchtlingskonvoi mit der Familie Schäffer nach sechs Wochen in Niederösterreich Halt macht, weigerte sich die Gruppe nach Deutschland weiterzufahren. Die Pferde waren übermüdet, man hatte Angst, dass sie die Reise nicht überstehen würden. Die Familien blieben in Österreich. Viele Semlaker wurden als Erntehelfer eingeteilt. Wehrfähige Männer wurden ab Jänner 1945 in den Krieg eingezogen.

Mit dem Fahrrad auf den Spuren der Ahnen

So auch Josef Schäffer, der Großvater von Josef Szarvas (74). Der Feldkirchner begab sich Jahrzehnte später auf die Spuren seiner Ahnen. Er ist die Fluchtroute seiner Familie durch Rumänien und Ungarn bis nach Niederösterreich mit dem Fahrrad nachgefahren. Begleitet hat ihn Bernhard Wascher aus St. Veit. 950 Kilometer haben die beiden in 13 Tagen zurückgelegt, allerdings aufgeteilt auf zwei Reisen. „Es war eine sehr emotionale Fahrt mit vielen unerwarteten, schönen Begegnungen“, schildert Szarvas.

Bernhard Wascher und Josef Szarvas mit ihren leichten Elektrofahrrädern und höchstens zehn Kilogramm Gepäck

Die erste Tour begann am 19. Juli 2024. „Mit einem alten Sprinter wurden wir von Wien aus nach Semlak gebracht. Sein leichtes Elektrofahrrad war mit knapp zehn Kilogramm Gepäck beladen. Das Wichtigste war die Thermosflasche, die das Wasser kühl hielt. „Wir hatten weit über 30 Grad“, erzählt Szarvas. Die Radfahrer hielten sich, wie 1944 auch der Flüchtlingskonvoi, von den großen Straßen fern. Eine Abweichung gab es allerdings: Während man damals über einen unbewachten Feldweg die ungarische Grenze passierte, wählten die Radfahrer den offiziellen Grenzübergang. „Oft mussten wir täglich mehr als 100 Kilometer zurücklegen“, erzählt Szarvas.

Josef Szarvas in der Redaktion der Kleinen Zeitung
Josef Szarvas in der Redaktion der Kleinen Zeitung © KLZ/Daniela Grössing

Am vierten Tag war der Radweg plötzlich von so viel Sand bedeckt, dass die zwei Männer ihre Räder kilometerweit schieben mussten. „Zu schaffen machte uns auch der Wind. Das hat uns viel Kraft gekostet. Wir mussten einen Ruhetag einlegen“, schildert Szarvas. Nach zehn Tagen überqueren sie die österreichisch-ungarische Grenze bei Loipersbach. Die finale dreitägige Etappe fand dann allerdings aufgrund eines Jahrhunderthochwassers in der Region erst im Jahr darauf, im Oktober 2025 statt. Beginnend in Wiener Neustadt war das Ziel Pfosendorf bei Neuhofen/Ybbs. „Dort, bei einem Bauernhof sind meine Großeltern und meine Mutter nach der Flucht untergekommen. Wir konnten mit der dort lebenden Familie sprechen, die gar nichts von diesem Teil der Geschichte ihres Bauernhofes wusste. Denn auch in ihrer Familie, wie in meiner, wurde nicht über den Krieg gesprochen“, erzählt Szarvas.

Die Familiengeschichte des Feldkirchners ist kompliziert. Seinen Großvater hat Josef Szarvas erst mit elf Jahren kennengelernt. „Er war ein liebenswerter Mensch. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis. Aber zuerst war er für mich wie ein Fremder. Nach dem Krieg war er im britischen Kriegsgefangenenlager im Drautal. Danach konnte er nicht zurück nach Rumänien. Er befürchtete, dort verhaftet zu werden, weil er für die Deutschen im Krieg kämpfen musste. Meine Oma und meine Mutter mussten allerdings nach Rumänien zurückkehren“, schildert Szarvas, der dort geboren wurde.

Erst 1962 konnte die Familie wieder vereint werden, als Szarvas, damals elf Jahre alt, mit seiner Mutter und Großmutter nach Kärnten zum Großvater durften. „Für mich war der Umzug nach Österreich ein Lotto-Sechser. Die Bildung, die ich hier erhielt, ermöglichte mir eine gute Arbeitsstelle zu bekommen und ein gutes Leben zu führen“, schildert der frühere Sparkassen-Bankangestellte. Im Wissen um die Fluchtgeschichte seiner Vorfahren, setzt sich Szarvas seit seiner Pensionierung für Flüchtlinge in Kärnten mit Hilfe beim Deutschlernen oder der Einladung zu Begegnungskaffees ein.