New York heute "Wir müssen uns erinnern, um nach vorne blicken zu können"

Der Ground Zero ist noch immer eine Baustelle, doch vom 9/11-Schock hat sich New York erholt. Aber die neuen Fassaden sind brüchig, denn die Corona-Pandemie hat in der Stadt tiefe Gräben hinterlassen.

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Zwei Wolkenkratzer sollen am Ground Zero nach in den Himmel wachsen © Getty Images
 

Am Ground Zero wird wieder gebaut. Lautes Hämmern schallt vom Rohbau des Ronald O. Perelman Performing Arts Center herüber zum Denkmal für den ehemaligen Südturm des Word Trade Centers. 2023 soll der Bau abgeschlossen sein, doch die Neugestaltung des ehemaligen Standorts der Twin Towers ist damit noch nicht abgeschlossen.

Mindestens zwei Wolkenkratzer fehlen noch, die irgendwann die New Yorker Skyline ebenso prägen sollen, wie es die Zwillingstürme einmal getan haben und wie es das One World Center bereits tut, der Prunkturm mit acht Seiten, der bereits seit sieben Jahren von der Südspitze Manhattans aus in den Himmel ragt. Doch wann die Arbeiten für die nächsten Skyscraper beginnen sollen, ist heute noch nicht abzusehen.

Terroranschläge: 20 Jahre nach 9/11: Die Bilder, die die Welt erschütterten

Die Bilder sind wahrscheinlich die bislang berühmtesten des 21. Jahrhunderts. Fast jeder weiß noch, wo er damals war, als er die unglaubliche Nachricht hörte an jenem 11. September 2001.

(c) imago images/PCN Photography (Chris Trotman/DUOMO/PCN via www.imago-images.de)

Das World Trade Center in New York, eines der zentralen Symbole des Kapitalismus und der Freien Welt, ist zum Ziel islamistischer Attentate geworden.

(c) AFP (SETH MCALLISTER)

Durch die präzise geplanten und ausgeführten Al-Kaida-Terroranschläge des 11. September - zwei Passagierflugzeuge wurden entführt und nacheinander in die Zwillingstürme gejagt - stürzten diese im Abstand von nur 20 Minuten ein: 2753 Menschen starben.

(c) AFP (SETH MCALLISTER)

In New York war es ein sonniger Morgen, in Europa Nachmittag. Die ganze Welt saß vor den Fernsehapparaten und starrte fassungslos auf das unbegreifliche Geschehen.

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Zwischen dem Treffer des ersten und dem Einsturz des zweiten Turms lagen 102 Minuten. Gut eineinhalb Stunden, in denen auch das Gefühl vermeintlicher Sicherheit in der westlichen Welt zerbarst.

(c) AFP (DOUG KANTER)

Ein weiteres Foto, das sich ins kollektive Gedächtnis einbrannte: Marcy Borders, deren Bild nach den verheerenden Anschlägen am 11. September 2001 in New York um die Welt ging, verstarb 2015 an den Folgen einer Krebserkrankung.

(c) APA/AFP/STAN HONDA (STAN HONDA)

US-Präsident George W. Bush wollte die Nation aus ihrer Schockstarre erlösen, als er neun Tage nach den Anschlägen vom 11. September 2001 vor dem Kongress sprach: "Unsere Trauer hat sich in Zorn verwandelt und der Zorn in Entschlossenheit." Von einem Ende der internationalen Terrorbedrohung kann auch 20 Jahre später keine Rede sein.

(c) AFP (PAUL J. RICHARDS)

Seit dem Anschlag auf das World Trade Center in New York im September 2001 gab es auch in Europa eine lange Reihe von blutigen Attentaten, die auf das Konto islamistischer Täter gehen.

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In vielen Fällen bekannten sich das Terrornetzwerk Al-Kaida oder die Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) zu den Anschlägen.

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Spätestens die Abzugspläne von US-Präsident Donald Trump und seinem Nachfolger Joe Biden setzten in Afghanistan eine Dynamik in Gang, die zur erneuten Machtübernahme der Taliban geführt hat.

(c) dapd (Marty Lederhandler)

Doch die Trümmerhaufen des amerikanischen Schicksalstages türmten sich damals ebenso im Pentagon in Washington, in das eines der Flugzeuge hineinpflügte.

(c) APA/AFP/DoD/TECH. SGT. CEDRIC H. RUDISILL (TECH. SGT. CEDRIC H. RUDISILL)

Ein Teil des US-Verteidigungsministeriums stürzte ein.

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Erst 60 Prozent der Opfer sind inzwischen identifiziert. Mit immer neuen Technologien und Methoden wird an den verbleibenden Überresten gearbeitet, ein mühsamer und langwieriger Prozess.

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Was bleibt ist eine Tragödie, deren Aufarbeitung selbst nach 20 Jahren nicht abgeschlossen ist.

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Die Bilder aus New York blieben im Gedächtnis - und boten den Fotografen die entsetzlichsten Motive.

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Al-Kaida ist nach Einschätzung der Denkfabrik Soufan Group heute "unermesslich stärker" als zum Zeitpunkt der Anschläge von 9/11 vor 20 Jahren.

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Das Netzwerk zählt demnach weltweit 30.000 bis 40.000 Mitglieder mit Ablegern unter anderem im Nahen Osten, Nordafrika, Südasien und auf der Arabischen Halbinsel.

(c) AFP (STAN HONDA)

Trotz vieler Rückschläge könne Al-Kaida nach dem US-Abzug jetzt auch in Afghanistan wieder Kraft sammeln und neue Mitglieder gewinnen.

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In New York musste das Leben am nächsten Tag weitergehen. Es brauchte lange, bis feststand, was mit dem Ort des Geschehens solle. Der neue Komplex des World Trade Center ist bis heute nicht ganz fertig ist: Ein Hochhaus befinde sich noch im Bau.

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Die Gedenkstätte am Ort des Geschehens soll den Hinterbliebenen Trost geben - in vielen Fällen fanden sie ihn nie. Es war nicht der erste Al-Kaida-Anschlag auf das World Trade Center. Im Februar 1993 zündeten sechs Terroristen in der Tiefgarage des Nordturms eine 700-Kilo-Bombe: Sechs Menschen starben.

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Das Ziel war wohl eigentlich gewesen, den Nordturm einstürzen und ihn auf den Südturm fallen zu lassen. Doch dafür war die Sprengkraft zu gering. Erst achteinhalb Jahre später zerfiel das verhasste Symbol der westlichen Welt zu Staub - im zweiten Versuch.

(c) AFP (KENA BETANCUR)

Bevor US-Präsident George W. Bush schlafen ging, schrieb er in sein Tagebuch: "Das Pearl Harbor des 21. Jahrhunderts hat sich heute ereignet (...) Wir glauben, es ist Osama bin Laden."

(c) imago images/ZUMA Wire (imago stock&people)

Er is der maßgebliche Drahtzieher hinter den Anschlägen vom 11. September 2001: 2011 wurde er von US-Spezialeinheiten bei einem Einsatz in Pakistan getötet.

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Es gibt keine Zweifel: Der 20. Jahrestag der Terrorattacken wird die ohnehin vernarbte Seele der Amerikaner wieder bluten lassen.

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Das Gedenken wird intensiv und schmerzvoll. Doch New York stand als Stadt nicht nur wieder auf, sondern wuchs weiter.

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Kampf mit dem Erbe

Ganz unpassend ist die Verzögerung nicht. Schließlich kämpft New York auch zwei Jahrzehnte nach den verheerendsten Anschlägen der amerikanischen Geschichte noch mit deren Erbe. Hier, im Financial District unweit der Wall Street, ist die Katastrophe noch immer allgegenwärtig. Plakate mit den Bildern verstorbener Feuerwehrmänner, Polizisten und Rettungssanitäter hängen an Gebäuden rund um Ground Zero. Ein Tribut an die Menschen, die auf das Inferno zugerannt sind, um zu helfen – und mit ihrem Leben bezahlt haben.

9/11 lässt die Stadt nicht los. Und wie sollte es auch? Die Anschläge trafen New York, Heimat von mehr als acht Millionen Menschen und das Zentrum des internationalen Handels, der Kultur und der Hochfinanz, ins Mark. Vor den Angriffen befand sich die Metropole im Aufschwung. Sie hatte den Optimismus der 1990er-Jahre ins 21. Jahrhundert gerettet. Doch dann kam der Schock. Von den 2977 Menschen, die am 11. September 2001 durch die Angriffe ihre Leben verloren, starben 2753 am World Trade Center. Und es hätten noch viel mehr sein können, hätte der Start des Schuljahrs nicht dafür gesorgt, dass anstatt der üblichen 50.000 Menschen schätzungsweise nur rund 17.400 an ihren Arbeitsplätzen in den Twin Towers waren, als um 8:46 Uhr American-Airlines-Flug 11 zwischen dem 93. und 99. Stockwerk in den Nordturm einschlug.


„Ich werde diesen Anblick nie vergessen“, sagt Joan Mastropaolo. Sie und ihr Mann Frank lebten damals in einem Apartmentgebäude direkt neben dem World Trade Center. Der Südturm stand vor ihrem Küchenfenster. Kurz vor dem Angriff war Joan zur Arbeit nach Jersey City gefahren, ans andere Ufer des Hudson Rivers. Aus dem Konferenzraum ihres Büros konnte sie direkt auf die Zwillingstürme schauen. „Ich hörte plötzlich ein lautes Geräusch“, erinnert sie sich. Dann sah sie das Flugzeug viel zu niedrig über den Fluss schießen. „Und dann hat das Gebäude es einfach verschluckt.“ Sofort rief sie ihren Mann Frank an, der noch im Apartment war. „Ich glaube, wir wurden angegriffen“, sagte sie ihm.

Joan Mastropaolo vor einem Plakat der Türme, die nicht mehr existieren. Foto © Heißler

Für die Mastropaolos folgte eine harte Zeit. Nachdem um 9:03 Uhr United-Flug 175 in den Südturm einschlug, verlor das Ehepaar den Kontakt zueinander. Erst Stunden später fanden sie sich wieder. Der Zusammensturz der Türme begrub ihr Apartment und alles darin unter einer dicken Schicht giftigen Staubs, der bis heute für den Tod Hunderter Menschen verantwortlich gemacht wird, die die toxische Luft am Ground Zero einatmen mussten. Einen festen Wohnsitz fanden die Mastropaolos erst Monate später wieder – in einem Haus nur einen Block vom World Trade Center entfernt. Sie leben dort bis heute. Losgelassen hat sie die Erinnerung an 9/11 nie. Ihr Mann leide unter posttraumatischer Belastungsstörung, sagt Joan. „Er erträgt keine lauten Geräusche mehr.“ Sie selbst schaut immer wieder ängstlich zum Himmel. „Wenn ich ein tief fliegendes Flugzeug sehe, bekomme ich Panik“, sagt sie.


Doch wie dieses Ehepaar hat sich auch New York trotz der Wunden zurück in die Normalität gekämpft. In den Jahren nach 9/11 erholte sich die Stadt, emotional und wirtschaftlich. Auf rund 36 Milliarden Dollar taxierte die New Yorker Zentralbank die Schäden der Anschläge, doch schon 2004 hatte die Stadt den finanziellen Schock ausgeglichen. Seit den frühen 2000er-Jahren hat sich die Metropole weiter modernisiert, ist sicherer und lebenswerter geworden. Doch wie brüchig diese Fassade ist, hat New York nun wieder erlebt.

Pandemie

Im vergangenen Jahr brachte die Corona-Pandemie die Stadt einmal mehr an ihre Grenzen – und nun kam auch noch Hurrikan „Ida“. Bei den verheerenden Sturzfluten sind in den vergangenen Tagen mindestens 41 Menschen ums Leben gekommen. Auch das hinterlässt Risse.


Während Corona mussten zeitweise die Toten außerdem in Kühltransportern gestapelt werden, da die Leichenhallen überfüllt waren. Und anders als nach 9/11, als Metropole und Land zusammenkamen, hat Covid-19 neue Gräben geschaffen. Auch hat das Virus das Potenzial, die Erinnerung an die Anschläge nachhaltig zu überschatten. Im 9/11-Tribute-Museum ist an diesen Tagen kaum Betrieb. Nur wenige Touristen kommen in die Stadt. Für das kleine private Erinnerungsinstitut, das die Geschichten von Überlebenden sammelt, ein enormes Problem. Ohne Kartenverkäufe wird die Situation angespannt bleiben.


Dabei könnten die Erfahrungen im Umgang mit 9/11 helfen, auch die Verwerfungen der Pandemie gemeinsam zu verarbeiten, glaubt man im Museum. „Wir haben gelernt, dass wir uns erinnern müssen, um hoffnungsvoll nach vorne zu blicken“, so ein Tourguide. „Und wir haben gelernt, dass New York eine robuste Stadt ist, die alles überleben kann.“

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