9/11Wenn sich die Welt verschwört

9/11 war die „Mutter der Verschwörungstheorien“ im 21. Jahrhundert: Gerade soziale Medien wirken heute wie ein Feuerbeschleuniger kruder Theorien.

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Plakate und Taferln sind schon lange nicht mehr die alleinigen Agitationsmittel der Verschwörungstheoretiker
Plakate und Taferln sind schon lange nicht mehr die alleinigen Agitationsmittel der Verschwörungstheoretiker ©  AFP via Getty Images (NICHOLAS KAMM)
 

Die Wahrheit ist irgendwo dort draußen. Auf dem Gelände der „Area 51“ in Nevada soll die US-Regierung Experimente an außerirdischen Lebensformen durchführen. Barack Obama war der erste US-Präsident, der dieses militärische Sperrgebiet öffentlich erwähnte. Was dort genau passiert, sagte er verständlicherweise nicht – was eine der großen Verschwörungstheorien des 20. Jahrhunderts weiterhin am Leben hält.

Als die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA ein kollektives Trauma auslösten, explodierten die Verschwörungstheorien just in einer Zeit, in der das Internet schon eine entscheidende Rolle im weltweiten Kommunikationsgeschehen spielte und soziale Medien bereits im Vormarsch waren. Eine Theorie, die sehr schnell auftauchte, war: „9/11 was an inside Job.“ Die Anschläge auf das World Trade Center (WTC) in New York hätten die US-Geheimdienste und die Regierung selbst inszeniert. In einer UNO-Vollversammlung im September 2010 unterstützte der damalige Präsident des Iran, Mahmoud Ahmadinejad, sogar diese Verschwörungstheorie und sagte, dass die Anschläge auf das WTC von den USA selbst ausgeführt worden wären. Warum? „Um das zionistische Regime zu retten“ und den Verfall der amerikanischen Wirtschaft zu stoppen. Für Politiker wie Ahmadinejad sind antisemitische Erklärungsmuster Programm, doch auch „normale Bürger“ flüchten sich in solche abstrusen Theorien.

„Verschwörungstheorien bieten eine schlüssige und klare Geschichte mit klar benannten Tätern und Opfern“, erklärt Tobias Jaecker, Journalist beim „Deutschlandfunk Kultur“ in Berlin und Experte für Verschwörungstheorien. Diese einfachen Erklärungsmodelle „geben den Menschen das Gefühl, durchzublicken, was gerade passiert.“ Und immer dort, so Jaecker, wo es zu gesellschaftlichen Umbrüchen, Krisen oder Kriegen kommt, die für Menschen undurchschaubar sind, entstehen Verschwörungstheorien.

Privat "9/11 war der Wendepunkt, die Mutter der modernen Verschwörungstheorien und führte zu einem Boom im 21. Jahrhundert", sagt Jaecker
"9/11 war der Wendepunkt, die Mutter der modernen Verschwörungstheorien und führte zu einem Boom im 21. Jahrhundert", sagt Jaecker © Privat

Warum hat die Flugabwehr der größten Militärmacht der Welt nicht funktioniert? Oder: Warum wird ein völlig unversehrter Pass eines Terroristen am völlig verheerten Gelände rund um das WTC gefunden? Aus diesem Warum, durch das sich Verschwörungstheoretiker zu Propheten der Wahrheit stilisieren, entstehen jene Fragen, die zu kruden Theorien führen, dabei jedoch die Fakten auslassen und die Wahrheit negieren. „Den Leuten, die diese Theorien verbreiten, geben sie das gute Gefühl, der Welt nicht mehr hilflos ausgesetzt zu sein. Man hat aber auch einen klaren Schuldigen, wo man durchaus seinen Hass herauslassen kann. Angeknüpft wird dabei an bestehende Ressentiments“, sagt Jaecker. Die Triebkraft sei sehr oft ein Hass auf bestimme Gruppen: Zum Beispiel auf „die Juden“ oder „die Amerikaner“.
„Ein anderer Nutzen ist kommerzieller Natur. Autoren verkaufen Bücher und verdienen gut damit. Es gibt auch Verlage wie den Kopp-Verlag in Deutschland, der massiv solche Verschwörungstheorien in Buchform verkauft“, sagt Jaecker. Auch das rechtsextreme Compact-Magazin von Jürgen Elsässer verbreitet Verschwörungstheorien. Soziale Medien wirken in diesem Umfeld wie ein Brennglas: „Es wird unheimlich viel krudes Material verbreitet. Weil die Social-Media-Algorithmen in der Regel Geschichten, die viele Klicks erzielen, höher bewerten, ist es auch schwer dagegen zu halten.“
Die Flugabwehr der USA hat bei den Terroranschlägen am 11. September schlichtweg deshalb nicht funktioniert, weil das Militär sich nicht vorstellen konnte, dass Flugzeuge zu Massenvernichtungswaffen missbraucht werden und weil die Verteidigung des Luftraumes von Zivilisten improvisiert worden war. Und der Pass von Satam al-Suqami, einer von fünf Entführern des Fluges American-Airlines 11, der in den Nordturm flog? Al-Suqamis Pass war nicht das einzige Objekt aus Papier, das in tadellosem Zustand gefunden wurde.
Die Anschläge auf das World Trade Center (American-Airlines-Flug 11 und United-Airlines-Flug 175), auf das Pentagon (American-Airlines-Flug 77) und der in Pennsylvania abgestürzte United-Airlines-Flug 93 waren für Jaecker „Kipp- und Wendepunkt“ und die daran anknüpfenden Mythen „Mutter der modernen Verschwörungstheorien“. Seither gab es sowohl zum Irak-Krieg, dem Krieg in der Ukraine, der Flüchtlingskrise und nicht zuletzt zur Corona-Pandemie krudeste Theorien, die gerade durch soziale Medien an Fahrt aufgenommen haben. Die politische Kultur eines US-Präsident Donald Trump oder des ungarischen Präsidenten Victor Orban hat nicht gerade dazu beigetragen, Sachlichkeit in den Vordergrund weltpolitischer Überlegungen zu stellen. Aber mit Fakten ist Verschwörungstheoretikern ohnehin nur schwer beizukommen, wie Jaecker betont: „Die werden als Propaganda abgetan.“

Hintergrund

Terroranschläge: Am 11. September 2001 wurden vier Flugzeuge entführt, die Selbstmordattentäter flogen in die Zwillingstürme des World Trade Center sowie ins Pentagon, ein viertes Flugzeug wurde zum Absturz gebracht. Drahtzieher der Anschläge war nach Erkenntnis der USA das Terrornetzwerk Al-Quaida unter Führung von Osama bin Laden.
World Trade Center: Dieses bestand aus mehreren Gebäuden, nicht nur den Zwillingstürmen. So wurde von Verschwörungstheoretikern behauptet, dass Gebäude 7 (in das kein Flugzeug flog) gesprengt worden sei.
Hintergrund: Tobias Jaecker, Journalist bei „Deutschlandfunk Kultur“ sowie Autor, hat unter anderem die Bücher „Antisemitische Verschwörungstheorien nach dem 11. September“ und „Hass, Neid, Wahn -Antiamerikanismus in den deutschen Medien“ geschrieben.

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