Die Zeit bleibt nicht stehen – auch nicht bei der Vierschanzentournee, die heuer ihr bereits 74-jähriges Bestehen feiert. Ein Dreivierteljahrhundert lang stürzen sich nun bereits waghalsige Athleten über die Bakken von Oberstdorf, Garmisch, Innsbruck und Bischofshofen hinunter, um am Ende möglicherweise einen Platz in den ruhmreichen Annalen des alljährlichen Schanzen-Spektakels zu finden.
Seit der Tournee 2001/02 begleite ich den Tross bis auf einen einmaligen krankheitsbedingten Ausfall Jahr für Jahr durch die Alpen, habe dabei unzählige Kilometer bei Schneestürmen, Regen und Sonnenschein abgespult und unzählige Erfahrungen sammeln dürfen. Diese hier alle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen, doch sei zumindest mein Tournee-Einstand erwähnt, erlebte ich doch meine Feuertaufe ausgerechnet in jenem Jahr, als Sven Hannawald als erster Springer der Historie den Tournee-Grand-Slam schaffte. Es war übrigens bis heute der letzte Gesamtsieg der Deutschen, aber das ist eine andere Geschichte ...
Abschied von Edi Federer
Ich war dabei, als Gregor Schlierenzauer als erst 16-Jähriger die Skisprungbühne eroberte, sah die Karrieren des heutigen DSV-Cheftrainers Stefan Horngacher und Andreas Goldberger ausklingen (unvergessen bleibt dabei der emotionale Moment, als sein damaliger Ziehvater und Manager Edi Federer Anfang 2012 sterbenskrank noch einmal die Tournee besuchte) und staune heute über das Können eines Daniel Tschofenig oder Domen Prevc. Sie sind die aktuellen Stars der Szene, während sich einstige Größen in den Ruhestand verabschieden: So springen der dreifache Gesamtsieger Kamil Stoch, Österreichs Evergreen Manuel Fettner (zum 27. Mal!) und wohl auch Simon Ammann (der Schweizer gewann in seiner Laufbahn alles außer die Tournee) heuer ein letztes Mal mit. Ja, wie im Leben herrscht auch auf den Schanzen ein ständiges Kommen und Gehen.
Gekommen und gegangen sind in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten auch viele Veränderungen im Materialbereich. Einmal wurden die Anzüge voluminöser, dann wieder enger. Einmal war ein Wunderwachs das heiße Thema, dann ließ wieder die stetige Skisprung-Problematik Magersucht die Alarmglocken schrillen. 2010 revolutionierte Ammann mit seiner Stabbindung die Szene. Es war (und ist) ein ewiges Ringen um noch mehr Meter – und das nicht immer innerhalb des Regulatives. Nach dem Anzugskandal bei der WM in Trondheim sind die Kontrollen und die drohenden Strafen heute zwar so scharf wie noch nie, trotzdem werden nach wie vor bei jedem Bewerb Disqualifikationen ausgesprochen. Und auch die Betrugsvorwürfe ebben nicht ab, wie der gerade erst von Norwegens Medien heraufbeschworene, aber völlig haltlose Skandal bezüglich Fettners Bindung zeigt.
Absturz der schreibenden Presse
Einen großen Wandel hat in den vielen Jahren auch die Berichterstattung vollzogen. Vor allem bei den schreibenden Journalisten, die von Jahr zu Jahr weniger werden. Platzten bis Ende der 2010er-Jahre die Pressezentren noch aus allen Nähten, sind es heuer aus österreichischer Sicht nur noch zwei Tageszeitungen, die bei allen vier Stationen vor Ort berichten. Eine Tatsache, die nicht etwa einem schwindenden Anreiz der Tournee geschuldet ist. Im Gegenteil, die Stadien (vor allem in Deutschland) sind stets ausverkauft und die TV-Quoten klettern Jahr für Jahr in noch ungeahntere Höhen. So ist die ausbleibende, schreibende Zunft vielmehr das Ergebnis eines rigorosen Sparkurses, den sämtliche Printmedien mittlerweile fahren müssen und der einen großteils von der österreichischen Presse-Agentur bedienten, medialen Einheitsbrei zur Folge hat.
Das ist in vielerlei Hinsicht schade. Auch, wenn man sieht, welche Faszination die Tournee nach wie vor auf die Menschen ausübt. Trotz eisiger Temperaturen pilgerten die Massen bereits vier Stunden vor Beginn des Wettkampfs ins Garmischer Olympiastadion. An den Händen ihrer Eltern viele Kinder mit funkelnden Augen, würden sie heute doch erstmals live fliegende Menschen auf zwei Brettern zu sehen bekommen. Ein Moment, der in ihren noch jungen Leben vielleicht den Traum gebärt, später selbst einmal durch die Lüfte gleiten zu wollen. So wie es vor ihnen in den vergangenen 25 Jahren schon so viele Kinder geträumt haben.
Die Zeit bleibt nicht stehen – und die Vierschanzentournee entwickelt sich stetig weiter. 2026/27 soll es parallel zu den Männern endlich auch die erste Tournee der Frauen geben. Ein toller Schritt Richtung Gleichberechtigung und ein zusätzlicher Anreiz für jeden Sportjournalisten. Ich hoffe, ich kann wieder vor Ort davon berichten – bei meiner dann 24. Vierschanzentournee.