Die Meistergruppe ist fixiert. Haben Sie Wünsche in Bezug auf Verpflichtungen oder Verlängerungen?
NESTOR EL MAESTRO: Es ist gefährlich für mich, das Einfachste zu machen. Ich halte es nicht für richtig, immer die einfachen Entscheidungen zu treffen.

Welche wären das?
EL MAESTRO: Der einfachste Weg ist, jeden zu verlängern. Ich hätte aber kein gutes Gefühl, wenn wir die Saison auf Platz fünf beenden und nach zwei enttäuschenden Jahren mit denselben Spielern und demselben Trainer in die neue Saison gehen. Ich weiß nicht, ob die Fans dann einen guten Eindruck haben. Mein Eindruck ist: Die Fans wollen alles. Sie wollen ihre Lieblingsspieler verlängert bekommen und auch neue, die frischen Wind bringen.

Aus Sicht der Fans legitim.
EL MAESTRO: Ja, aber das geht leider nicht. Ich würde es gut finden, wenn bei Stammspielern eine größere Ergebnisverantwortung gegeben wäre. Ein Stammspieler hat nur für seine Leistung Verantwortung. Aber was ist mit dem Klub? Müssen wir nicht bedenken: Was sind die realistischen Ziele des Vereins? Reicht Platz fünf? Das Gefühl ist, der Trainer ist immer schuld. Alle haben gut gespielt, haben ihre Leistung gezeigt und haben neue Verträge, aber mein Vorgänger musste gehen. Das kann mir dieses Jahr auch passieren. Es sollen aber alle die Verantwortung tragen. Kurz gefasst: Im Erfolgsfall möchte ich mit allen weiterarbeiten – und im Misserfolg Änderungen vornehmen. Das ist mein Wunschdenken.

Was ist für Sie ein Erfolg?
EL MAESTRO: Platz drei ist natürlich ein Erfolg. Platz vier ist eine Verbesserung zum Vorjahr. Misserfolg ist sicher Platz sechs. Platz fünf muss man definieren. Aber man kann nicht wirklich so planen, weil die Spieler auch Angebote haben. Zum Glück sind Vertragsverlängerungen nicht meine primäre Aufgabe.

Entspricht der aktuelle Kader Ihren Vorstellungen?
EL MAESTRO: Überwiegend ja. Für unsere finanziellen Rahmenbedingungen wird es schwierig, bessere Spieler zu finden.

Salzburg, Rapid, Austria, der LASK und WAC haben es demnach leichter?
EL MAESTRO: WAC zählen wir nicht dazu. Das ist bei allem Respekt ein kleiner Verein. Sie müssen ausschließlich auf das Preis-Leistungs-Verhältnis schauen.

Inwiefern ist es bei Sturm anders?
EL MAESTRO: Bei uns geht es darum: Wie alt ist der Spieler? Ist der Spieler Österreicher? Wie lange läuft sein Vertrag? Ist das eine lang- oder kurzfristige Lösung? Gibt es bei Leihspielern eine Kaufoption oder nicht? Diese Sachen spielen bei großen Klubs eine wichtige Rolle. Jeder Transfer wird genau durchleuchtet und kritisiert. Der WAC darf alte Ausländer holen. Bei uns hätte man am liebsten die Geyrhofers, dann kommen die Jägers und Friesenbichlers. Wenn aber einer kommt, der einen Hattrick macht, ist es egal, ob er Ausländer ist und einen Leihvertrag hat.

Sollte man bei Sturm umstellen und so arbeiten wie der WAC?
EL MAESTRO: Für mich als Trainer wäre es am besten, wir nehmen den besten und teuersten Spieler.

Wie beurteilen Sie den Kader bei Sturm?
EL MAESTRO: Wir haben Leute geholt, die jetzt sofort Leistung bringen. Und wir haben Leute mit Potenzial geholt – Donkor etwa. Wir haben mit Jäger eine weitsichtige Verpflichtung geholt. Es ist eine gute Mischung.

Wäre es nicht besser, einen Weg einzuschlagen und diesen radikal durchzuziehen?
EL MAESTRO: Wenn ich nur an mich und meinen Erfolg denke, dann würde ich sagen: Gebt mir sieben Leihspieler! Aber das ist unseriös, unrealistisch und sicher der falsche Weg für Sturm. Wir müssen weiterhin vielfältig und gemischt weiterarbeiten. Der Verein muss ja auch schauen, dass er Spieler verkaufen kann.

Können sieben Leihspieler wirklich eine Erfolgsgeschichte werden?
EL MAESTRO: Für Sturm ist mehr als ein Leihspieler im Kader bedenklich. Mehr als zwei sind sicher der falsche Weg. Dafür sind wir zu groß und namhaft. Wir haben diese Saison eineinhalb.

Ist es für einen Trainer wichtig, dass man seine Handschrift erkennt?
EL MAESTRO: Wenn die Handschrift erfolgreich ist, ja. In der Karriere eines Trainers sollte man schon erkennen können, wie seine Vorstellungen sind.

Ziehen Sie die Vorstellung Ihres Spiels durch, oder gehen Sie darauf ein, welche Spieler Ihnen zur Verfügung stehen?
EL MAESTRO: Ich schaue sehr oft, was ich im Kader habe. Je klarer die Linie ist, desto einfacher ist es, den Kader zusammenzustellen. Große Erfolge stellen sich ein, wenn über lange Zeit eine Idee durchgezogen wird. Die Idee ist egal, sie muss aber von einem oder mehreren Trainern durchgezogen werden. Es ist nicht diese klare Linie, die gewinnt.

Sondern?
EL MAESTRO: Du musst über sechs, sieben, acht Transferperioden genau die richtigen Leute holen und aussortieren. Am Ende hast du einen Kader, der genau diesen Spielstil erfolgreich spielen kann. Das Durchziehen dieser klaren Linie ist ergebnisabhängig. Es ist mit am schwierigsten, eine Linie durchzuziehen, wenn die Ergebnisse fehlen. Es geht bei Vereinen leichter, bei denen kein Druck da ist.

Also ist es bei Sturm unmöglich?
EL MAESTRO: Bei Traditionsvereinen ist es schwierig. Es gibt kaum einen Traditionsverein, der über Jahre eine Linie durchzieht. Es ist nicht die Spielausrichtung, die gewinnt, es ist diese Kontinuität. Brauchst du Physis oder Technik, lautet eine Frage.

Welche Spielertypen bevorzugen Sie?
EL MAESTRO: Ich bevorzuge Spieler mit Charakter und Physis. Aber mir ist auch bewusst, dass auf einer oder zwei Positionen Technik und Strategie benötigt werden. Ich will den wuchtigen Fußball.

Um noch einmal zur Kontinuität zurückzukommen: Demnach müssten Sie ja auf einen langfristigen Vertrag pochen.
EL MAESTRO: Im Idealfall wäre ich Alex Ferguson von Sturm. Aber es ist unrealistisch. Es wird dir niemand solch ein Vertrauen schenken. Du musst dir mit Glück und wahnsinnstoller Arbeit das Vertrauen erarbeiten. Bei Ivica Osim und bei Franco Foda war das der Fall.

Nehmen wir an, Sie hätten für zwei Jahre eine Jobgarantie. Inwieweit würde das Ihre Entscheidungen beeinflussen hinsichtlich langfristiger Hintergedanken?
EL MAESTRO: Ich würde nicht so weit gehen. Ich bin Trainer und mir macht Gewinnen am meisten Freude im Leben. Ich würde nie die Gewinnwahrscheinlichkeit für irgendetwas anderes eintauschen. Es gibt aber Vereine, wo du weißt, dass gewisse Spieler immer spielen müssen. Bei Partizan Belgrad müssen die Geyrhofers spielen. Denn davon lebt der Verein, von den Verkäufen.

Würden Sie eine Vorgabe seitens des Vereines akzeptieren?
EL MAESTRO: Die Frage stellt sich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendeine Vorgabe in irgendeinem Verein in dieser Liga gibt. Es gibt viele Meinungen, Vorgaben gibt es keine.

Wie können Sie sich eigentlich die ständige Nervosität bei Sturm erklären?
EL MAESTRO: Eigentümervereine, also Klubs, die von jemandem gekauft wurden, erlauben mehr Stabilität. Wenn der Eigentümer an etwas glaubt, dann lässt er einen Trainer einmal arbeiten. Gewählte Vorstände sind selbst unter Druck. Dann hat häufig der mediale oder Fandruck mehr Auswirkungen. Denn klar ist: Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, denkt jeder an sich selbst.