David Cunio beugt sich aus dem Fenster des Wagens, der ihn ins Krankenhaus fährt. „Wegen euch bin ich hier. Wegen euch… Danke!“ ruft er immer wieder und schickt Luftküsse in Richtung der Wartenden, die gekommen sind, um ihn zu begrüßen. Cunio ist eine der 20 Geiseln der Hamas, die an diesem Montag nach 738 Tagen in Freiheit kamen. Am Donnerstag war das von US-Präsident Donald Trump vermittelte Abkommen zu einem Waffenstillstand in Gaza und der Freilassung der 20 noch lebenden Geiseln unterschrieben worden.
Um sieben Uhr läuft die Botschaft über alle Kanäle: Die ersten sieben israelischen Geiseln sind in Gaza von der Terrororganisation Hamas an das Rote Kreuz übergeben worden. „Sie sind in Ordnung und stehen alle auf ihren Beinen“, heißt es kurz darauf im israelischen öffentlich-rechtlichen Sender Kan.
Auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv, wo sich um die 70.000 Menschen versammelt haben, lösen die Worte spontane Freudenausbrüche und Jubel aus. Um zehn Uhr dann der gänzlich erlösende Satz: „Es gibt keine lebenden Geiseln mehr in Gaza.“ Und damit ist förmlich zu spüren, wie das gesamte israelische Volk gemeinsam einen tiefen Atemzug nimmt und nach zwei unendlich langen Jahren zum ersten Mal aufatmet.
Kurz zuvor ist an diesem Morgen US-Präsident Donald Trump in Israel gelandet. In Jerusalem wehen amerikanische Flaggen, nach dem Abkommen zur Beendigung des Gaza-Krieges aus seiner Feder gleicht die Visite eher einem triumphalen Siegeszug als einem gewöhnlichen Staatsbesuch. Es ist ein Empfang ganz nach seinem Geschmack. Trump spricht vom „ewigen Frieden für den Nahen Osten“ und wird im israelischen Parlament, der Knesset, mit stehenden Ovationen bejubelt.
„Sie sind der größte Freund, den Israel je im Weißen Haus hatte“, sagte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Auch Trump ist voll des Lobes, obwohl er „Bibi“ als „schwierigen Charakter“ bezeichnet. Aber gerade deshalb sei er so erfolgreich, meint er. Allerdings hat Trump den Premier einen Tag zuvor in seine Schranken verwiesen – und zwar mit nur zwei Sätzen. In einer Fernsehansprache hatte Netanjahu gesagt, „die Operation ist noch nicht vorbei“, und meinte damit den Krieg in Gaza. In Washington hörte der Präsident offenbar mit und sagte: „Der Krieg ist zu Ende. Ist das verstanden?“ Und Netanjahu gehorcht, am Montag mag auch er plötzlich das Wort „Frieden“.
Während Trumps Ansprache treffen die Geiseln auf ihre Familien. Eine der bewegendsten Szenen ist das Treffen des 23-jährigen Bar Kuperstein mit seinem Vater Tal. Als der junge Israeli in der Militärbasis Re’im ankommt, steht sein Vater auf, um ihn zu begrüßen. Jahrelang hatte er im Rollstuhl gesessen – und extra für diesen Tag gelernt aufzustehen. „Ich werde stehen, wenn Bar nach Hause kommt“, hatte er versprochen. Niemand kann in diesem Moment die Tränen zurückhalten.
Videos und Bilder der Armee zeigen auch den Moment, in dem die Geiseln Segev Kalfon und die Brüder David und Ariel Cunio noch im Gazastreifen an IDF-Truppen übergeben werden. Es ist das erste Mal seit dem 7. Oktober 2023, dass es Aufnahmen der drei gekidnappten Männer gibt.
Besonders bei der Familie von Matan Angrest fließen an diesem Tag Freudentränen. Vor einigen Wochen noch hatten seine Eltern die Nachricht bekommen, dass der 22-jährige Soldat „bald sterben könnte“. Sein Gesundheitszustand habe sich sehr verschlechtert, habe die Armee erfahren. Matans Mutter Anat Angrest flehte damals in Richtung der Regierung in Jerusalem verzweifelt: „Holt ihn endlich aus Gaza raus!“ Später werden Bilder veröffentlicht, wie der junge Israeli neben einem Fahrzeug steht und mit einer Soldatin spricht. Es sind Fotos, die die Israelis und vor allem seine in der Armeebasis Re’im wartenden Eltern überwältigen. Die beiden springen von ihren Stühlen auf, umarmen sich, weinen und lachen gleichzeitig.
Der befreite deutsch-israelische Doppelstaatsbürger Alon Ohel schreibt im Armeehelikopter auf dem Weg ins Spital einige Zeilen aus einem Lied auf ein Schild. Es sei die Musik, die er hören möchte, wenn er in Freiheit ist, erzählen seine Eltern später: „Ein Lied ist ein Windhauch, mein Fenster ist geöffnet, die Quelle meiner Stärke, Lachen und Weinen, das Ende meiner Tortur. Ich bin daheim.“