David Cunio beugt sich aus dem Fenster des Wagens, der ihn ins Krankenhaus fährt. „Wegen euch bin ich hier. Wegen euch… Danke!“ ruft er immer wieder und schickt Luftküsse in Richtung der Wartenden, die gekommen sind, um ihn zu begrüßen. Cunio ist eine der 20 Geiseln der Hamas, die an diesem Montag nach 738 Tagen in Freiheit kamen. Am Donnerstag war das von US-Präsident Donald Trump vermittelte Abkommen zu einem Waffenstillstand in Gaza und der Freilassung der 20 noch lebenden Geiseln unterschrieben worden.

Um sieben Uhr läuft die Botschaft über alle Kanäle: Die ersten sieben israelischen Geiseln sind in Gaza von der Terrororganisation Hamas an das Rote Kreuz übergeben worden. „Sie sind in Ordnung und stehen alle auf ihren Beinen“, heißt es kurz darauf im israelischen öffentlich-rechtlichen Sender Kan.

Auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv, wo sich um die 70.000 Menschen versammelt haben, lösen die Worte spontane Freudenausbrüche und Jubel aus. Um zehn Uhr dann der gänzlich erlösende Satz: „Es gibt keine lebenden Geiseln mehr in Gaza.“ Und damit ist förmlich zu spüren, wie das gesamte israelische Volk gemeinsam einen tiefen Atemzug nimmt und nach zwei unendlich langen Jahren zum ersten Mal aufatmet.

Freed Israeli hostage Avinatan Or gestures from a van as he arrives at Beilinson hospital in Petah Tikva, Israel, after he was released from Hamas captivity in the Gaza Stripl, Monday, Oct. 13, 2025. (AP Photo/Ariel Schalit)
Befreit: Avinatan Or vor dem Beilinson Spital in Petah Tikva © AFP/Ariel Schalit

Kurz zuvor ist an diesem Morgen US-Präsident Donald Trump in Israel gelandet. In Jerusalem wehen amerikanische Flaggen, nach dem Abkommen zur Beendigung des Gaza-Krieges aus seiner Feder gleicht die Visite eher einem triumphalen Siegeszug als einem gewöhnlichen Staatsbesuch. Es ist ein Empfang ganz nach seinem Geschmack. Trump spricht vom „ewigen Frieden für den Nahen Osten“ und wird im israelischen Parlament, der Knesset, mit stehenden Ovationen bejubelt.

„Sie sind der größte Freund, den Israel je im Weißen Haus hatte“, sagte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Auch Trump ist voll des Lobes, obwohl er „Bibi“ als „schwierigen Charakter“ bezeichnet. Aber gerade deshalb sei er so erfolgreich, meint er. Allerdings hat Trump den Premier einen Tag zuvor in seine Schranken verwiesen – und zwar mit nur zwei Sätzen. In einer Fernsehansprache hatte Netanjahu gesagt, „die Operation ist noch nicht vorbei“, und meinte damit den Krieg in Gaza. In Washington hörte der Präsident offenbar mit und sagte: „Der Krieg ist zu Ende. Ist das verstanden?“ Und Netanjahu gehorcht, am Montag mag auch er plötzlich das Wort „Frieden“.

A woman reacts as people celebrate at Hostage Square in Tel Aviv as news came out that a Red Cross convoy is on its way to pick up a second group of Israeli hostages to be freed by Hamas on October 13, 2025. A Red Cross convoy is on its way to pick up a second group of Israeli hostages to be freed by Hamas as part of a Gaza ceasefire deal October 13, the Israeli military said. An army statement said the handover would take place at
Viele konnten es gar nicht glauben – dann war die Freude umso größer © AFP/MENAHEM KAHANA

Während Trumps Ansprache treffen die Geiseln auf ihre Familien. Eine der bewegendsten Szenen ist das Treffen des 23-jährigen Bar Kuperstein mit seinem Vater Tal. Als der junge Israeli in der Militärbasis Re’im ankommt, steht sein Vater auf, um ihn zu begrüßen. Jahrelang hatte er im Rollstuhl gesessen – und extra für diesen Tag gelernt aufzustehen. „Ich werde stehen, wenn Bar nach Hause kommt“, hatte er versprochen. Niemand kann in diesem Moment die Tränen zurückhalten.

Videos und Bilder der Armee zeigen auch den Moment, in dem die Geiseln Segev Kalfon und die Brüder David und Ariel Cunio noch im Gazastreifen an IDF-Truppen übergeben werden. Es ist das erste Mal seit dem 7. Oktober 2023, dass es Aufnahmen der drei gekidnappten Männer gibt.

Besonders bei der Familie von Matan Angrest fließen an diesem Tag Freudentränen. Vor einigen Wochen noch hatten seine Eltern die Nachricht bekommen, dass der 22-jährige Soldat „bald sterben könnte“. Sein Gesundheitszustand habe sich sehr verschlechtert, habe die Armee erfahren. Matans Mutter Anat Angrest flehte damals in Richtung der Regierung in Jerusalem verzweifelt: „Holt ihn endlich aus Gaza raus!“ Später werden Bilder veröffentlicht, wie der junge Israeli neben einem Fahrzeug steht und mit einer Soldatin spricht. Es sind Fotos, die die Israelis und vor allem seine in der Armeebasis Re’im wartenden Eltern überwältigen. Die beiden springen von ihren Stühlen auf, umarmen sich, weinen und lachen gleichzeitig.

A magnificent welcome in Tel Aviv for Israelis returning after nearly two years in captivity TEL AVIV, ISRAEL - OCTOBER 13: An aerial view of the large-scale installation, spread over an area the length of three football fields, designed by the groups Prisoner Families Activists and Comrades in Arms to display a message of gratitude to US President Donald Trump and to be visible from helicopters on the way back to the released Israeli hostages in Tel Aviv, Israel on October 13, 2025. A huge welcome event was held in front of the US Embassy in Tel Aviv for the Israelis who were released after being held by Hamas in Gaza for 738 days. Stringer / Anadolu Tel Aviv Israel. Editorial use only. Please get in touch for any other usage. PUBLICATIONxNOTxINxTURxUSAxCANxUKxJPNxITAxFRAxAUSxESPxBELxKORxRSAxHKGxNZL Copyright: x2025xAnadoluxStringerx
Mit allen Ehren und Dankbarkeit Empfangen: Eine Mega-Installation begrüßte den amerikanischen Präsidenten © IMAGO/Stringer

Der befreite deutsch-israelische Doppelstaatsbürger Alon Ohel schreibt im Armeehelikopter auf dem Weg ins Spital einige Zeilen aus einem Lied auf ein Schild. Es sei die Musik, die er hören möchte, wenn er in Freiheit ist, erzählen seine Eltern später: „Ein Lied ist ein Windhauch, mein Fenster ist geöffnet, die Quelle meiner Stärke, Lachen und Weinen, das Ende meiner Tortur. Ich bin daheim.“

Matan Zangauker meeting his mother at the initial reception point after being released from Hamas, in Israel on Monday, Oct. 13, 2025. (IDF via AP)
Matan Zangauker trifft nach der Freilassung seine Mutter © AP
This handout picture released by the Israeli army shows released Israeli hostage Alon Ohel, one of the former captives in Gaza since the 2023 October 7 attacks by Palestinian militants, aboard an Israeli military helicopter with his family after being handed over in a prisoner-hostage swap and a ceasefire deal between Israel and Hamas in Israel on October 13, 2025. (Photo by Israeli Army / AFP) / === RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT
Der 24-jährige Alon Ohel wird per Helikopter ins Spital geflogen. Für seine Eltern hat das bange Warten nach zwei Jahren ein Ende © AFP
Release of Israeli hostages starts in Gaza Strip GAZA CITY, GAZA - OCTOBER 13: Hamas members hand over some of the 20 Israeli hostages to International Committee of the Red Cross ICRC teams as part of the ceasefire and hostage-prisoner exchange agreement between Hamas and Israel on October 13, 2025 in Gaza City, Gaza. The ICRC announced on Monday morning the start of the process of releasing Israeli hostages in the Gaza Strip as part of a ceasefire agreement. Khames Alrefi / Anadolu Gaza City Gaza. Editorial use only. Please get in touch for any other usage. PUBLICATIONxNOTxINxTURxUSAxCANxUKxJPNxITAxFRAxAUSxESPxBELxKORxRSAxHKGxNZL Copyright: x2025xAnadoluxKhamesxAlrefix
Am frühen Morgen verlässt ein Konvoi des Roten Kreuzes mit den Geiseln den Gazastreifen © IMAGO