Während Israel die Freilassung der letzten lebenden Geiseln feiert, mahnen Ärzte zu Geduld und Respekt für ihre Privatsphäre. „Dies ist nicht das Ende ihrer Tortur“, sagt Professor Hagai Levine, Leiter des medizinischen Teams des Forums der Familien von Geiseln. „Es ist nur der Beginn eines langen Heilungsprozesses – für Körper und Seele.“
Selbst mit intensiver Pflege wird die Genesung Monate oder Jahre dauern. Viele könnten lebenslange medizinische oder psychische Folgen haben. Krankenhäuser in Israel haben eine kontinuierliche Nachsorge durch „Rückkehrerkliniken“ und kommunale Rehabilitationsprogramme eingerichtet, während Sozialarbeiter die langfristige Unterstützung für Familien, die zwei Jahre der extremen Angst erlebt haben, koordinieren.
Kommentar
Levine nennt die Situation „einen gesundheitlichen Notfall von internationaler Tragweite“. Viele der Geiseln litten unter körperlichen Schäden, psychischen Traumata und beschleunigtem Alterungsprozess. „Je länger sie in Gefangenschaft waren, desto größer sind ihre psychischen und physischen Schäden.“ Selbst wenn man bei den Freilassungen denkt, „sie sehen ja ganz gesund aus, weil sie auf ihren Beinen gelaufen sind und gesprochen haben“, habe sich gezeigt, dass scheinbar stabile Rückkehrer häufig unter Nieren-, Herz- und neurologischen Problemen litten.
Levine beschreibt, wie die freigelassenen Geiseln von der Entmenschlichung durch Terroristen wieder zu Menschen mit Autonomie und Selbstbestimmung werden müssten. „Wir haben einige Erfahrungen aus früheren Freilassungen, aber es ist ein komplexer Prozess.“
Die leitende Rehabilitationspsychologin des Familienforums, Einat Yehene, betont die Bedeutung einer gleichzeitigen Freilassung aller letzten lebenden Geiseln, um das emotionale Leiden zu mindern, „denn wir haben die negativen Auswirkungen aufeinanderfolgender Freilassungen nicht nur auf die Geiseln selbst, sondern auch auf die Familien und ihre Genesungsfähigkeit erfahren“.
Die unterschiedlichen Schicksale – überbordende Freude über die Rückkehr auf der einen Seite, Verzweiflung über den Verlust auf der anderen – würden die Familien und die ganze Gesellschaft vor eine enorme psychologische Belastung stellen, erklärt Yehene. „Dies ist ein Moment, der tief in die israelische Seele einschneiden wird.“