Die einen glauben, dass er der ideale Kandidat ist, um in Gaza „das Unmögliche möglich zu machen“. Sie sehen in Sir Tony Blair jemanden, der genug diplomatisches Geschick und praktischen Sinn hat, um auf den Trümmern des Kriegs einen noch äußerst schwachen Friedenswillen zu stärken zwischen Palästinensern und Israel.

Der frühere britische Premierminister, meinen dessen Anhänger, habe schließlich nicht nur vor einem Vierteljahrhundert schon zwei ewig verfeindete Lager in Nordirland für eine neue Form von Zusammenarbeit und Zusammenleben gewonnen. Er sei auch mit dem Nahen Osten seit Jahren bestens vertraut.

Tatsächlich verfügt Blair auch Jahre nach seinem Ausscheiden aus der Regierung allseits über gute Kontakte. Und Donald Trump hält offenbar große Stücke auf ihn. Nicht zufällig fand Blairs Name als einziger Erwähnung bei der Präsentation des Trump-Plans für Gaza vor wenigen Wochen – als möglicher Geschäftsführer eines internationalen Gremiums, das in fünfjähriger Übergangszeit den Boden bereiten soll für die Rekonstruktion Gazas und für (erstmals) dauerhaften Frieden in der Region.

Blairs Kritiker andererseits halten das für reines Wunschdenken. Für sie ist Tony Blair die ganz falsche Wahl. Das zeige schon seine enge Assoziation mit Trump und mit dessen Schwiegersohn Jared Kushner. In Washington, in Israel und in einigen Golfstaaten genieße Blair zweifellos Vertrauen, meint der frühere britische Außenamts-Administrator Sir Simon Fraser: „Aber die Araber haben ihm nicht vergeben, was in Irak geschah.“

Buildings that were destroyed during the Israeli ground and air operations stand in the northern Gaza Strip, as seen from southern Israel, Thursday, Oct. 9, 2025, following the announcement that Israel and Hamas have agreed to the first phase of a peace plan to pause the fighting. (AP Photo/Ariel Schalit)
Am Montag soll es zum Austausch von Geiseln und Gefangenen kommen © AP/AFP

Dass Blair 2003 an der Seite George W.Bushs wegen nicht-existenter „Massenvernichtungswaffen“ gegen Saddam Hussein in den Krieg zog, ist auch in Großbritannien in deutlicher Erinnerung geblieben. Bis heute wird er für den Tod Hunderttausender von Zivilisten verantwortlich gemacht und von manchen Landsleuten als „Kriegsverbrecher“ beschimpft.

Glücklich waren auch die Palästinenser nie über die Rolle, die Blair nach seinem Auszug aus No 10 Downing Street im Jahr 2007 spielte, als ihn „das Quartett“ aus UNO, USA, Europa und Russland zum Sonderbeauftragten für die palästinensischen Gebiete, mit Sitz in Jerusalem, ernannte. Greifbare Erfolge erzielte er über die folgenden acht Jahre hin nur in geringem Maße.

Palästinenser bleiben reserviert

Die meisten Palästinenser sahen auch keinen echten Vermittler in ihm. „Als wir 2011 vor die UNO zogen, um unsere Anerkennung als Staat und UNO-Mitgliedschaft zu fordern, wurde klar, dass er dem entgegenwirkte“, klagt heute Xavier Abu Eid, damals im PLO-Diplomatenteam. Vorgeworfen wurde Blair auch, dass er wenig gegen den Neubau israelischer Siedlungen in der West Bank unternommen habe.

2015 gab Blair seine Nahost-Rolle wieder auf. Misstrauen trugen ihm danach seine Geschäftsverbindungen ein, als er 2016 sein „Tony-Blair-Institut für Globalen Wandel“ gründete und bald schon mit Hunderten von Mitarbeitern auch autokratische Regimes in aller Welt zu beraten begann. Mit Jared Kushner stand er bereits vor Trumps erster Amtszeit in Kontakt.

Gemeinsam mit Kushner scheint er denn auch in diesem Sommer für den US-Präsidenten zentrale Teile des 20-Punkte-Friedensplans erarbeitet zu haben. Auch Blairs einstiger Stabschef Jonathan Powell, heute Nationaler Sicherheitsberater in London, hatte angeblich Anteil an der Entwicklung des Plans.

Beteiligung am „Riviera Projekt“ Trumps

Bei der Vorlage des Plans im Weißen Haus Ende August durch Blair und Kushner hätten beide im Übrigen darauf bestanden, dass beim erhofften Neuaufbau Gazas dessen zwei Millionen Bewohner Gaza nicht zu verlassen hätten, hat seither nachdrücklich ein Sprecher des Blair-Instituts versichert. Im Februar hatte Trump ja noch dafür plädiert, die Gaza-Palästinenser erst einmal auszusiedeln, damit Investoren und Baufirmen Gaza in US-Regie in eine lukrative „Riviera des Nahen Ostens“ verwandeln könnten.

Nicht ganz abzuschütteln vermochte Tony Blair derweil Berichte, denen zufolge Mitarbeiter seines Instituts am ursprünglichen „Riviera-Projekt“ beteiligt waren. Mittlerweile beharrt das Institut aber darauf, es wolle ganz einfach „für die Menschen in Gaza ein besseres Gaza bauen“.

Blair übe zweifellos „einen guten Einfluss“ auf den US-Präsidenten aus, meint dazu der ehemalige britische Top-Diplomat Sir Peter Ricketts. Es werde sich zeigen, dass Blair – der sich gegenwärtig noch vorsichtig im Hintergrund hält – „eine bedeutende Rolle“ zufallen werde, so es wirklich zu einer Übergangs-Regierung für Gaza komme. Bereit steht der Brite dafür auf jeden Fall.