Die Diskussion über Kernenergie wird emotional geführt, ist aber eine Frage von Realitäten im Energiesystem. Erneuerbare Technologien wie Wind- und Solarenergie sind zentral für eine klimafreundliche Zukunft. Ihr Ausbau schreitet voran. Aktuell stehen sie noch nicht in ausreichendem Maßstab zur Verfügung, um jederzeit eine stabile Vollversorgung zu gewährleisten. Ihre wetterabhängige Produktion erfordert umfangreiche Speicherlösungen und Netzinfrastruktur, die bislang nur begrenzt vorhanden sind.
Batteriespeicher sind für kurzfristige Schwankungen geeignet, doch für mehrere Tage wären enorme Kapazitäten notwendig – für Wien für fünf Tage Energieautarkie wäre die Fläche der Leopoldstadt nötig. Alternativen wie eFuels sind ineffizient und teuer. Sie sind dem Flugverkehr vorbehalten – dort gibt es keine anderen Alternativen.
Die Frage „Kernenergie JA oder NEIN?“ ist die falsche Frage. Wir sollten die Frage nach dem Entweder-oder stellen: „Kernenergie oder fossile Energie“. So wurde anstelle von Zwentendorf Dürnrohr gebaut – bis 2018 der größte CO₂-Verursacher Österreichs (2019 geschlossen). Solange erneuerbare Energien nicht ausreichend verfügbar sind, bedeutet Verzicht auf Kernenergie mehr Gas oder Kohle. Kernenergie hingegen verursacht über ihren gesamten Lebenszyklus sehr geringe Emissionen und liefert kontinuierlich große Mengen Strom.
Das Risiko von Kernenergie ist real, muss aber ins Verhältnis gesetzt werden: Auch der Klimawandel birgt erhebliche Gefahren. Die WHO schätzt, dass der Klimawandel zwischen 2030 und 2050 jährlich etwa 250.000 zusätzliche Todesfälle durch Unterernährung, Malaria, Durchfallerkrankungen und Hitzestress verursachen wird. Die Kosten für Extremwetterereignisse sind enorm und heute schon beobachtbar.
Das Endlagerproblem kann durch Transmutation gelöst werden: 1992 stellte Carlo Rubbia das Konzept vor – hochradioaktiver Müll wird in minderradioaktiven umgewandelt. Weltweit werden gerade mehrere Anlagen gebaut, die etwa 2030 im industriellen Maßstab ein Endlager überflüssig machen.
Die Energiefrage ist stark von geografischen Gegebenheiten abhängig. Länder ohne große Wasser- oder Windressourcen (Tschechien) haben weniger Optionen für erneuerbare Energien und setzen daher rational auf Kernenergie. Insgesamt spricht vieles dafür, Kernenergie nicht als Gegensatz, sondern als Ergänzung zu Erneuerbaren zu betrachten – zumindest für eine Übergangsphase mit Versorgungssicherheit, Klimaschutz und wirtschaftlicher Stabilität. Und viele können jetzt schon Energie sparen: Tempo 80/100.
Atomkraft löst weder unsere Klima- noch unsere Energiekrise. Sie ist teuer, gefährlich und verstärkt unsere Abhängigkeit. Atomenergie ist ein Relikt aus der Vergangenheit, und dort sollte sie auch bleiben.
Beginnen wir beim Strompreis: Während erneuerbare Energien aus Wind und Sonne zunehmend zu minimalen Kosten Strom einspeisen, zeichnet sich für neue AKW ein Strompreis von rund 200 Euro pro Megawattstunde ab. Die Differenz wird, wie jetzt von den Regierungen vereinbart, die Steuerzahler tragen.
Gravierend ist auch die Bauzeit. Neue AKW benötigen heute mindestens 20 bis 25 Jahre bis zur Inbetriebnahme. Für das Erreichen der Klimaziele ist das viel zu spät. Erneuerbare Energien liefern schon nach wenigen Jahren Strom.
Auch die Baukosten geraten regelmäßig außer Kontrolle. Ein Atomkraftwerk mit zwei Reaktoren schlägt aktuell mit rund 50 Milliarden Euro zu Buche – Verzögerungen nicht eingerechnet. Diese Summe fehlt uns beim Ausbau von Netzen, Speichern und erneuerbaren Energien.
Atomenergie wird als Weg in die Energieunabhängigkeit verkauft. Das ist ein Trugschluss: Uran bzw. der angereicherte Brennstoff kommt vor allem aus Russland oder Kasachstan. Doch auch die Reaktoren selbst werden in Russland, Südkorea und den USA gebaut. Wartungsverträge mit diesen Ländern laufen über Jahrzehnte. Wer also auf Kernenergie setzt, tauscht die Abhängigkeit von fossilen Lieferanten gegen eine neue und keineswegs stabilere Abhängigkeit ein.
Ungeklärt bleibt zudem die Endlagerfrage. Hochradioaktiver Abfall muss über Jahrtausende sicher verwahrt werden. Bis heute gibt es in Europa keine Lösung. Finnland hat als einziges Land ein Endlager errichtet – zu enormen Kosten für den Staat und unter anhaltender Kritik. In Europa fehlen die finanziellen und politischen Voraussetzungen. Wer will schon ein Atommüll-Lager in der Nachbarschaft?
Hinzu kommen technologische Versprechen ohne Substanz. Kleine modulare Reaktoren, sogenannte SMR, werden als Hoffnungsträger präsentiert. Sie existieren aber faktisch nur auf dem Papier, belastbare Kosten- oder Zeitpläne liegen nicht vor.
Und schließlich bleibt noch das Restrisiko. Die Fälle Tschernobyl und Fukushima zeigen, dass Atomkraft ein permanentes Risiko darstellt. Mit gravierenden Folgen: Die verstrahlten Gebiete sind bis heute unbewohnbar.
Atomkraft ist eine Last aus der Vergangenheit. Wind, Sonne und Biomasse machen uns in Zukunft unabhängig, und sie sind sicher.