Als Maarte Preller die folgenden Zeilen las, machte sich große Erleichterung in ihr breit: "Liebe Frau Preller, mit diesem Urteil wurde Ihrem Klagebegehren stattgegeben und das Sozialgerichtsverfahren in positivem Sinne beendet." Eineinhalb Jahre kämpfte die Long-Covid-Betroffene dafür, dass ihre Erkrankung und die damit einhergehenden Einschränkungen auch rechtlich anerkannt werden. Nun wurde vom Sozialgericht über eine vorübergehende Berufsunfähigkeit entschieden, die rückwirkend ab dem 1. März 2021 zu gewähren ist. Im Hinblick auf Long Covid ist es in Österreich die erste dementsprechende Entscheidung, die bekannt ist.

Ein langer Weg

Bis dahin hatte Maarte Preller einen langen Weg hinter sich. Als heute vor zwei Jahren der erste Lockdown in Österreich begann, war die medizinische Masseurin  bereits an Covid-19 erkrankt. Auf die Genesung folgte der Rückschlag: Symptome kamen wieder und Maarte war nicht mehr fähig, ihrem Beruf oder einem normalen Alltag nachzugehen. Darauf folgte ein Ärztemarathon: Denn damals war noch sehr wenig über Long Covid bekannt. Damit es andere Patientinnen und Patienten leichter haben, gründete Maarte Preller schließlich die Selbsthilfegruppe und Patientenorganisation Long Covid Austria.

Trotz anhaltender Erschöpfung und Entzündungen im Körper verwendete Maarte ihre begrenzte Energie im letzten Jahr für ihre intensive Arbeit bei Long Covid Austria, um für die öffentliche Sichtbarkeit und Behandlung von Long-Covid-Betroffenen einzutreten und dafür, endlich auch einen rechtlichen Beschluss über ihren Gesundheitsstatus zu bekommen.

Vom Krankenstand bis zur Notstandshilfe

Denn ihr Leben zu finanzieren, war seit ihrer Erkrankung schwer. Einer Arbeit konnte sie nicht nachgehen. Ihr Krankenstand wurde immer wieder beendet und musste erneut genehmigt werden. Als das nicht mehr möglich war, musste sich die Steirerin dann schließlich beim AMS arbeitslos melden und Rehabilitationsgeldanträge stellen. Auch hier war letztlich die Frist für den Arbeitslosengeldbezug überschritten und in der letzten Zeit vor dem Gerichtsbeschluss bezog Maarte Preller Notstandshilfe.

Mit dem Urteil hat das kräftezehrende Hin-und-Her nun vorerst ein Ende. Alle zwölf Monate soll erneut erhoben werden, ob Maarte Preller immer noch als vorübergehend berufsunfähig eingestuft wird. Grundlage für die Entscheidung des Gerichts war vor allem ein aufwendiges neurologisches Gutachten, das erstellt wurde. Dieses belegte ein postvirales Müdigkeitssyndrom, eine Post-Exertional Malaise (ein Kardinalsymptom der Krankheit ME/CFS) sowie eine vermutlich mitgemachte entzündliche Manifestation im Rückenmark. Internistisch konnte außerdem eine Kreislauflabilität sowie das Long-Covid-Syndrom im Allgemeinen festgestellt werden.

Verschlechterung möglich

Der neurologische Gutachter gab auch an, dass im Falle einer derzeitigen Berufstätigkeit die Gefahr einer Verschlechterung des körperlichen Zustands gegeben sei. Zudem könnten Druck, Stress und körperliche Belastung durch eine derzeitige berufliche Tätigkeit auch psychische Folgen hervorrufen. Interessanterweise sind die Diagnosen und das Gutachten von Preller auch sehr typisch für die ME/CFS, obwohl bei der Krankheit immer wieder Klagen von Betroffenen mit diesen Symptomen und Befunden abgelehnt werden.

Für Maarte Preller war es kein leichter Weg zu diesem Urteil: "Man muss sich in dem Antragsprozess um vieles selbst kümmern. Oft hat man auch das Gefühl, durch Gutachter sehr herablassend behandelt zu werden. Das alles führt zu Stress und dieser wiederum zu einer Verschlechterung der Long-Covid-Symptomatik. Ich war mir lange nicht sicher, ob ich mir diese Belastung wirklich antun soll. Und ich kenne einige, denen das zu viel ist."

Kritik am System

Das österreichische Sozialsystem sieht die Grazerin seither zweischneidig: "Zum einen finde ich es großartig, dass wir diese soziale Versorgung haben. Aber der Weg dorthin, um diese Versorgung beanspruchen zu können, ist eine große Belastung und damit kontraproduktiv. Und somit widerspricht sich dieses System eigentlich selbst. Das Versprechen, das man bekommt, ist doch eigentlich, dass man Geld einzahlt, während man arbeiten kann, und versorgt wird, wenn es einem nicht gut geht. In der Realität sah es dann aber so aus, dass ich dafür eineinhalb Jahre kämpfen musste."

Maarte Preller ist nicht die Einzige, die diesen Kampf aufgenommen hat: Derzeit laufen in Österreich mehrere Klagen von Long-Covid-Betroffenen, die sich dafür einsetzen müssen, dass ihre Krankheit auch rechtlich als solche anerkannt wird: "Ich hoffe, dass der Weg, den ich gegangen bin, es Long-Covid- und ME/CFS-Betroffenen in Zukunft leichter macht, zu ihrem Recht zu kommen", sagt Preller.