DunkelzifferStudie: Hatten bereits drei Millionen Österreicher Corona?

Wie hoch ist die Durchseuchungsrate in Österreich: Dazu gibt es viele unterschiedliche Daten, aber keine einheitliche Meinung. Die Ischgl-Studie legt etwa Durchseuchung von rund 30 Prozent nahe.

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THEMENBILD, Coronavirus Pandemie, Teststraße Schladming
Wer hatte in Österreich Corona? Die Schätzungen reichen von sieben bis 30 Prozent der Bevölkerung © (c) Martin Huber
 

Wie viele Österreicher bisher eine auch unentdeckte Covid-19-Erkrankung durchgemacht haben, liegt im Dunkeln. Die letzte, repräsentative "Dunkelzifferstudie" liegt auch schon etwas zurück und stammt aus Herbst 2020. Aktuelle Schätzungen dazu, wie viele Österreicher schon in Kontakt mit dem Coronavirus waren, reichen von sieben bis etwa 30 Prozent. Das ist eine recht große Spannbreite. Die 30 Prozent hatte Franz Allerberger von der AGES kürzlich im parlamentarischen Gesundheitsausschuss angegeben. Sie fußt auf Daten aus Ischgl.

Bei dieser Untersuchung der Medizinischen Universität Innsbruck handelt es sich um die einzige Kohortenstudie in Österreich, aus der sich ein Rückschluss auf die Fallsterblichkeit - also der Anteil der Verstorbenen unter den insgesamt Infizierten - ableiten lässt, erklärte die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). Unter einer Kohorte wird ein Ausschnitt einer Population verstanden, der beispielsweise die Gesamtbevölkerung in einem bestimmten Gebiet oder auch regionsübergreifend einen bestimmten Jahrgang umfassen kann. Derartige Studien brauche es im Bereich der Öffentlichen Gesundheit, um sich dem tatsächlichen Risiko einer Infektionskrankheit anzunähern.

Die Ischgl-Kohortenstudie hat eine Sterblichkeit von 0,26 Prozent ermittelt. Damit liege sie in jenem Bereich, zu dem u.a. auch eine ähnliche regionale Studie in Deutschland kommt. Allerberger dazu: Nehme man die bis zum 23. Februar verzeichneten, mit Covid-19 in Zusammenhang stehenden Todesfälle her (8.317 Menschen laut "AGES Dashboard COVID19") und geht davon aus, dass es sich dabei um jene 0,26 Prozent handelt, die die Tiroler Studie nahelegt, kommt man hochgerechnet in etwa auf über drei Millionen Österreicher, die bisher vermutlich eine symptomatische oder asymptomatische Covid-19-Erkrankung durchgemacht haben.

Vorsichtig geschätzt, entspräche dies rund 30 Prozent der Gesamtbevölkerung. Zum Vergleich: Bisher haben sich laut AGES-Daten hierzulande seit Beginn der Pandemie rund 447.000 Menschen nachweislich mit SARS-CoV-2 infiziert.

Popper geht von rund 15 Prozent aus

Eine durch österreichweite Daten gestützte repräsentative Hochrechnung lässt sich zum aktuellen Zeitpunkt jedoch nicht heranziehen. So ging der Simulationsforscher Niki Popper von der Technischen Universität (TU) Wien am Ende der vergangenen Woche davon aus, dass rund 15 Prozent der Österreicher eine SARS-CoV-2-Infektion hinter sich haben - inklusive Dunkelzifferfällen. Das wären zwischen 1,3 bis 1,5 Millionen Menschen, "die zumindest temporär immun sind", sagte Popper bei einer Pressekonferenz.

Nicht zuletzt steht die Frage der Durchseuchung stark damit im Zusammenhang, ob und wann in Verbindung mit Immunisierungen durch Impfungen eine Herdenimmunität die Ausbreitung der Erkrankung sozusagen automatisch unterbindet. Laut Expertenmeinungen müssten dafür aber Immunitätsraten von mindestens 50 bzw. eher 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung erreicht werden.

Schätzmethode: Sieben Prozent

Mit einer indirekten Schätzmethode der Durchseuchung warteten Ende Jänner Wissenschafter vom Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) sowie der TU Wien auf. Die Berechnung mit der im Fachblatt "PLOS One" vorgestellten Methode für Österreich ergab um den Zeitpunkt der Publikation einen Anteil von rund sieben Prozent.

Bis Mitte bzw. Ende Oktober vergangenen Jahres hatten rund 349.000 Personen oder 4,7 Prozent der österreichischen Bevölkerung eine Covid-Infektion durchgemacht. Das ergab eine Prävalenzstudie des Bildungsministeriums. Diese Hochrechnung basierte auf Antikörpernachweisen im Blut von insgesamt 92 Proben unter 2.229 Personen über 16 Jahren, die an der Untersuchung teilgenommen haben.

Neue Studie notwendig

Wir sehen, es gibt zu viele unterschiedliche Zahlen und Daten, die in verschiedenen Studien erhoben wurden. Das Bild, dass sie ergeben ist kein klares, der Spielraum ein breiter. Auch aus diesem Grund denkt man, nach Informationen der APA, im Bildungsministerium eine weitere Prävalenzstudie an. 

Kommentare (18)
Hausberger
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Spannend wird der nächste Virus,

der nicht überwiegend die Alten und Schwachen attackiert, sondern die Jungen und Gesunden! Da wird es dann richtig still im Land! Oder ist das gar die kleinere Wählerklientel?

LUR
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Dunkelziffern

Diese mögliche Streuung ist eben das Wesen einer Dunkelziffer.
Ich sehe es auch als gefährlich und falsch an, basierend auf solchen Zahlen Entscheidungen quasi politisch vorwegzunehmen und Druck zu machen. Das selbe gilt beim Grünen Pass. Wer segnet dort die vorgangsweisen ab ohne sicher zu sein wie die Virus Weitergabe durch bereits geimpfte sein wird? Bewegungsfreiheit ohne sichere Fakten zu haben wie die Virus Weitergabe durch, Z.Bsp. bereits geimpfte sein kann, ist genauso nicht in Ordnung.

styrianprawda
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LUR

So wie früher die Masernparties?

Auch wenn daran nur Menschen teilnehmen, die nicht der Risikogruppe angehören: was, wenn da wer danach stirbt?

Liemo
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@LUR

Ob ein Geimpfter das Virus weitergeben kann oder nicht, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist doch nur, die Kapazität der Krankenhäuser nicht zu überfordern. Ein Geimpfter wird keinen schweren Krankheitsverlauf durchmachen, entsprechend wird er auch die Krankenhauskapazität nicht belasten.
Wenn man nun den geimpften Personen Vorteile ermöglicht, steigt hoffentlich die Bereitschaft in der Bevölkerung sich impfen zu lassen, damit wären die Krankenhäuser entlastet und wir könnten wieder aufsperren. Ausschlaggebend ist halt, genügend Impfungen zur Verfügung zu stellen....
Die Anzahl der Neuinfektionen pro Tag wäre damit obsolet!
Das verstehen viele (Politiker) nicht....

styrianprawda
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@Liemo

Die Impfbereitschaft ist eher nicht das Thema, mehr die Verfügbarkeit eines Impfstoffes.

Liemo
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@styrianprawda

Wie ich geschrieben habe: "Ausschlaggebend ist halt, genügend Impfungen zur Verfügung zu stellen...."

LUR
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Habt ja beide recht

styrianprawda hat erfasst worauf ich hinauswollte.
Genügend Impfungen geht nicht kurzfristig das wurde ja bereits verbockt.

Mein Graz
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Schätzungen zwischen 7% und 30%.

Und das alles durch "Experten".

Und alles noch weit weg von der Herdenimmunität...

checker43
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Der

Allerberger-Experte hat halt mehr eine persönliche Wunschzahl angegeben. Ohne gute fachliche Begründung für seine Schätzung. Den könnens schon mal rausnehmen aus de, Schätzerpool.

Franzzz
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Allerberger nein danke

Was der Leiter der AGES schon alles im Sinne der Herdenimmuniät verzapft hat, das disqualifiziert ihn als Experten. Warum wird im AGES Dashboard eine Letalität von 2% angeführt wenn der Herr Allerberger dann von 0,26% und Herdenimmuniät träumt. Die Bevölkerung von Ischgl war wohl nicht repräsentativ für ganz Österreich m

calcit
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Wenn man eine Ahnung von Statistik hat...

...ist das nicht so überraschend. Und das hat nichts mit „Experte“ sein zu tun. Die wissen schon was sie tun, es hängt halt von des Stichproben ab, den einzelnen Berechnungsmodellen, usw...

Mein Graz
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@calcit

Man sollte sich halt einigen, was man wie berechnet, und welche Grundlagen man dafür nimmt.

Auch ich habe während meines Berufslebens Statistiken erstellt. So eine Bandbreite hätte mein Vorgesetzter niemals geduldet.

selbstdenker70
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...

Egal ob so oder so, es hilft trotzdem nix. Manche hatten einen asymptomatischen Verlauf und haben noch 6 Monate später Antikörper, andere einen schweren Verlauf und schon nach 3 Monaten keine Antikörper mehr.

smotron1
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Wenn wirklich bereits 30% infiziert waren,

dann haben wir auf das falsche Pferd gesetzt. Dann wäre der bessere Weg eine einwöchige große Corona Party mit Abschottung der Risikopatienten der vernünftigere gewesen.

Monolog75
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Das wäre so oder so

der vernünftigste Weg gewesen. "Durchrauschen lassen" und die Gruppe der Verwundbaren für 2 Wochen isolieren. Mit dem Lockdown Theater verhindert man fast nix, die lange Zeit in der die vulnerable Gruppe in Gefahr ist schnalzt die Todeszahlen weiter in die Höhe. Aber dagegen stehen halt andere Interessen.

derhannes
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Das sehe ich anders

Schauen Sie nach Australien. Dort gibt es praktisch kein Covid19 mehr.

adidasler
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Wie kommt ein Simulationsforscher...

...zu einer Aussage, dass die Infizierten "zumindest temporär immun" sind?? Ich denke er überschätzt sich, der Hr. Popper!!! Das sollte er jenen überlassen, die dafür zuständig sind und sich auf das wesentliche SEINER Arbeit beschränken: Zahlen!!! Damit wird eh schon genug schaden angerichtet.

scionescio
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@adidasler: da er schon mehrmals eindrucksvoll bewiesen hat, dass auch die Zahlen nicht so sein Ding sind und seine Simulationen weit von der Realität entfernt waren ...

... macht es sich halt in anderen Gebieten wichtig - auf den qualitativen Inhalt seiner Aussagen hat das anscheinend keinen Einfluss ;-)