„Eine Mama liebt ihr Kind. Ein Kind liebt seine Mama. Und trotzdem kommt es vor, dass die beiden nicht oder nur sehr schwer zusammenfinden“, stellt Birgit Gliber fest. Sie arbeitet seit drei Jahren als eine von fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die mobile SOS-Familienhilfe, die in Osttirol rund 35 Familien unterstützt. Vor 20 Jahren hat das von Tirol aus in die Welt wirkende Unternehmen SOS Kinderdorf diese Unterstützung zusätzlich zu seinen Kinderdörfern ins Leben gerufen. In Osttirol hat das Angebot ein Jahr später Fuß gefasst.
Man kann lernen, seine Liebe so zu zeigen, dass sie auch verstanden werden kann
„Liebe muss man nicht lernen, weil sie ja das ist“, meint Gliber. „Man kann aber lernen, sie zu zeigen.“ Sie höre manchmal von Elternteilen: „Selbstverständlich liebe ich mein Kind.“ Wenn aber Worte, Gesten und Taten fehlen, wenn sich jemand schwer tut mit einer Umarmung beim eigenen Kind, dann ist Hilfe von außen möglich. „Es ist schön und für mich persönlich bereichernd, wenn nach meiner Arbeit ein Kind mit Tränen in den Augen sagen kann: Das wünsche ich mir von dir. Und wenn die Mama und der Papa das Kind dann liebevoll in den Arm nehmen.“ Oft sind es kleine Schritte, die Kraft abverlangen. „Erste Erfolge machen Mut und entfalten ungeheure positive Wirkung.“
Ein Kind habe immer gerne eine gute Beziehung zu seinen Eltern, unterstreicht die Beraterin. „Das ist für alle Kinder wichtig. Egal, ob sie im Kinderdorf aufwachsen und dort besucht werden, oder mit ihren leiblichen Eltern zusammenleben.“ Eltern bleiben Eltern, ihr ganzes Leben lang. Auch, wenn eine Liebes- oder Paarbeziehung beendet ist. Kinder dürfen ihre Mama und ihren Papa ganz ohne schlechtes Gewissen liebhaben.
Die Arbeit von SOS Kinderdorf beginnt seit 20 Jahren in den Familien
„Unsere Tätigkeit unterliegt schon länger einem Wandel“, erklärt Egon Wibmer, pädagogischer Leiter der SOS-Kinderdorf-Familien in Nußdorf-Debant. Der Kinderdorf-Standort in Osttirol ist der zweitälteste weltweit und wurde vor 70 Jahren gegründet. Seither hat sich vieles verändert. Es gibt inzwischen nur noch eine klassische Kinderdorf-Mutter in Osttirol. Dabei leben aktuell insgesamt 54 Kinder und Jugendliche in Wohngruppen mit bis zu neun Mitgliedern in Nußdorf-Debant. Teams von Sozialpädagoginnen betreuen und begleiten ihre Schützlinge rund um die Uhr und ziehen sie groß.
Plätze, die frei werden, sind schnell wieder vergeben. Dabei soll es die Ausnahme bleiben, dass Kinder aus ihrem Familienverbund geholt werden. Es kommt vor, dass Kinder wieder in ihre Herkunftsfamilien zurückgeführt werden können, weil sich die Umstände dort nachhaltig zum Besseren verändert haben. Der Kontakt zu den leiblichen Eltern bleibt stets erhalten. Je nach Situation können Besuche zum Beispiel vierzehntägig, monatlich oder halbjährlich stattfinden. Wibmer: „So viel, wie es die Beteiligten schaffen. Für die Entwicklung eines Kindes ist es aber immens wichtig, zu wissen, wie es seinen biologischen Eltern geht.“
Die mobile Unterstützung gibt Anleitung zur Selbstständigkeit
Der Wunsch, Kinder und Jugendliche nicht nur „fremduntergebracht“ zu umsorgen, sondern bereits in den Herkunftsfamilien tätig zu werden, wenn diese vor Herausforderungen stehen, ist einst von öffentlicher Seite an SOS Kinderdorf herangetragen worden. So entstand damals die mobile SOS-Familienhilfe, die in Osttirol ebenfalls Egon Wibmer leitet. „Unser Ziel ist, dass niemand aus seiner Familie geholt werden muss“, führt seine Mitarbeiterin aus. „Wir stehen mit Rat und Tat zur Seite und helfen dem Familiensystem auf die Sprünge, damit es gut funktioniert.“
Ein halbes Jahr lang dauert die Unterstützung üblicherweise in jedem Fall. Erscheint die Hilfe länger als zwei oder drei Jahre notwendig, dann „müssen wir uns noch einmal genau anschauen, was wir noch tun können“, ergänzt der Teamleiter. „Präventionsarbeit ist immer effizienter, als zu warten, bis ein Problem sehr groß geworden ist.“ Die Familienhilfe dürfe selbst aber niemals Teil des Systems werden, sondern gibt Anleitung zur Eigenständigkeit. Die Vermittlung geschieht ausschließlich über die Abteilung der Kinder- und Jugendhilfe in der Bezirkshauptmannschaft. Stellt diese den Bedarf fest, wird mobile Familienhilfe zuerkannt. Inzwischen haben sich im Bezirk Lienz vier Träger mit einem solchen Angebot etabliert.
„Wir betreuen unsere Familien allein oder zweit, das hängt ganz von den Herausforderungen ab“, sagt Gliber. „Es kann nämlich vorkommen, dass in einer Familie mehrere Parteien unterstützt werden müssen. Wir treffen uns regelmäßig.“ Im Grundberuf ist die junge Frau Lehrerin. Sie hat zusätzliche Ausbildungen im sozialen Bereich absolviert. Ihre Berufsbezeichnung ist aufsuchende Familienberaterin.
In den Familien geht es von Anfang an um Vertrauen und Kommunikation
Häufig sind Kommunikationsprobleme ein Grund für die Beauftragung der SOS-Familienhilfe. „Jedes Kind wünscht sich, dass seine Stimme gehört wird“, erklärt Wibmer. „Hat das Kind das Gefühl, nicht gehört zu werden, reagiert es vielleicht mit Aggression. Eine weitere Möglichkeit ist der Rückzug, bis hin zum Verstummen, weil die Mitteilung der eigenen Gedanken sinnlos erscheint. Wenn solche Prozesse zu lange andauern, können körperliche Symptome die Folge sein. Es kann Auffälligkeiten in der Schule geben. Es fehlt ein Freundeskreis, der Kontakt zu Gleichaltrigen.“
Der erste Schritt in eine neue Familie ist der Aufbau von gegenseitigem Vertrauen. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, heißt es“, sagt der Teamleiter. „Eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg unserer Arbeit ist die Bereitschaft der Betroffenen, etwas verändern zu wollen. „Wie bei einer Zwiebel schenkt man uns mit der Zeit Schicht für Schicht mehr Vertrauen“, wählt die Familienberaterin ein Bild.
„Alle müssen sich verstanden fühlen“
In Einzel- sowie gemeinsamen Gesprächen lernen die Familienmitglieder, einander besser zu verstehen. Sie zeigen die Gemeinsamkeiten auf, um aus der Abwärtsspirale herauszukommen. Worte und Berührungen müssen mit Bedacht gewählt und liebevoll eingesetzt werden, dann muss niemand schreien. „Eine Mutter sieht ihre Tochter vielleicht immer noch als Kind. Dabei ist die Tochter längst eine junge Frau und möchte auf Augenhöhe wahrgenommen werden“, nennt die Beraterin ein Beispiel aus dem Alltag, wie er in allen Familien vorkommen kann. „Kleine Impulse reichen, damit etwas aufblüht. Alle, Kinder und Eltern, müssen sich verstanden fühlen.“
Die Familienberater verabschieden sich nach ihrer Arbeit von ihren Klienten
Die fünf Berater in Osttirol stehen miteinander regelmäßig im kollegialen Austausch. Einmal im Monat trifft sich das Team zur Supervision. Wenn weitere Unterstützung nicht mehr notwendig ist, verabschiedet sich die Familienhilfe und verlässt die Systeme wieder. Natürlich kommt es vor, dass sich Sozialarbeiter und ihre ehemaligen Klienten ab und zu wieder begegnen, vielleicht auch erst nach Jahren. „Ich freue mich darüber und tausche gern ein paar Worte aus“, lächelt der Teamleiter. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass das Kinderdorf-Kind und sein Sozialarbeiter in derselben Musikkapelle spielen. Das ist Osttirol.“