„Ich mache das schon seit 25 Jahren, der Kollege seit 35 Jahren.“ In aller Ruhe besprechen Bernd Beck und Karl Dobermaier die Details ihrer Route, von Nervosität keine Spur. Dabei werden die beiden Lkw-Routiniers in den kommenden Stunden einen Giganten durch Osttirol lotsen. 80 Meter ist der Straßenzug lang, davon 42 Meter starre Achse – also nur im XXL-Radius um Kurven steuerbar. In der Mitte des blauen Zugs der Transportfirma Felbermayr thront der Grund des von hunderten Schaulustigen begleiteten Spektakels: ein zwölf Meter langer, vier Meter breiter, fünf Meter hoher und 236 Tonnen schwerer Transformator, der im Auftrag der Austrian Power Grid (APG) vom Umspannwerk Nußdorf-Debant über die B 100 und B 108 in das neue Werk nach Matrei soll.
Der ganze Zug ist fast 500 Tonnen schwer
489 Tonnen wiegt das gesamte Trumm, das sich um 18.40 Uhr in Bewegung setzt. Vorne gezogen von einem 630 PS starken Lkw mit Dobermaier am Steuer. Beck wird sich erst auf der Bundesstraße dazu spannen, um mit ebenso vielen Pferdestärken von hinten zu schieben oder gegebenenfalls zu verzögern. Fast eine Dreiviertelstunde ist es später geworden als geplant, der Andrang nicht zuletzt der Medien ist enorm. Und schon die Ausfahrt aus dem Umspannwerk ist Millimeterarbeit:
Maximal 20 Stundenkilometer kann der Koloss fahren, oft aber ist Schrittgeschwindigkeit angesagt. Um die ersten Kurven zu meistern, wurden diese mit Frostkoffern und Platten verbreitert, ein paar Sträucher mussten im Vorfeld ihr Leben lassen, damit Dobermaier den Zug gen Bundesstraße manövrieren kann. Auch Nußdorf-Debant-Bürgermeister Andreas Pfurner weilt dem Ganzen bei, um seine Gemeindestraßen macht er sich dabei keine Sorgen: „Die APG kam vor zweieinhalb Jahren mit dem kompletten Planungsbuch auf mich zu. Das ist hoch professionell, wie die das zusammen mit der Firma Felbermayr abwickeln.“ So überwiegt bei Pfurner der Spaß am Zusehen: „Ich bin Bauingenieur und weiß grundsätzlich, wie es bei Transporten zugeht. Aber so einen Riesenzug sieht man wahrscheinlich nur einmal im Leben.“
Beim Trafo handelt es sich um einen gebürtigen Burgenländer. „Unsere Transformatoren haben eine Lebensdauer von bis zu 50 Jahren. Manchmal kommt es vor, dass so ein Riese den Standort wechselt“, erklärt Wolfgang Ranninger, der bei der APG seit zehn Jahren Umspannwerkprojekte leitet. Da im Südburgenland inzwischen Windräder enorme Strommengen erzeugen, wurde dort im vorherigen Sommer ein Trafo mit mehr Einspeisekapazität installiert. Der „kleinere“ Vorgänger wiederum passt ideal zu den Anforderungen seines neuen Arbeitsplatzes in Matrei, wo er als Umspanner das österreichweite APG-Netz mit 380 kV mit dem regionalen 110-kV-Verteilernetz der TINETZ verbinden wird. Dies soll laut APG die Stromversorgung Osttirols sicherer machen. Außerdem kann vor Ort erzeugter, nicht zur Gänze verbrauchter Strom aus erneuerbaren Quellen weitergeleitet und österreichweit verteilt werden.
„Die ersten Überlegungen zur Überstellung hatten wir 2021, seitdem wurde das Ganze generalstabsmäßig geplant“, erinnert sich Ranninger. Angereist war der Trafo zunächst per Schiene ab Oberwart im Burgenland über St. Veit bis nach Dölsach und dann in die Debant. Den Weitertransport auf der Straße sieht Ranninger entspannt: „So einem Transport gehen jahrelange Planungs- und Abstimmungsprozesse mit verschiedensten Behörden voraus. Die Route wurde akribisch geprüft. Wir haben Kurvenradien und Brückenüberfahrten vermessen und teilweise sogar digital simuliert. Außerdem ist die B 108 gut ausgebaut, und es gibt keine großen Steigungen.“
15 Mitarbeiter auf und um den Zug herum, die meisten per Funk verbunden, unterstützen die Fahrer. „Das geht nur mit Teamarbeit“, so Dobermaier, der das Prozedere erklärt: „Ich gebe als vorderer Fahrer das Tempo vor, sage die Kurven an, aber auch, ob der hintere Fahrer Schub geben oder bremsen soll.“ Dabei ist der „Neu-Matreier“ nicht einmal der schwerste Transformator, den Dobermaier und Beck je transportiert haben: „Einmal hatten wir einen eingespannt, der hatte rund 350 Tonnen.“
Auch auf der Bundesstraße verläuft die ganze Unternehmung mit maximaler Professionalität und Umsicht. Kaum wird Becks Lkw am Heck dazu geschlossen, nutzen Begleitmannschaft und Polizei die Gelegenheit, den wartenden Verkehr vorbeizulassen. So dauert es rund eine Stunde, bis der Zug am Mobilitätszentrum vorbei durchs Herz von Lienz tuckert. Zuseher sind nur noch wenige unterwegs, fast unbemerkt geht es Richtung Felbertauern Straße und ins Iseltal:
Spannend wird es im Verlauf der Strecke, da sieben Brücken warten, die zum Teil für solche Lasten nicht ausgelegt sind. Ranninger: „Drei Brücken müssen über sogenannte Flyover, eine mobile Brückenkonstruktion, überfahren werden. Ein echter Drahtseilakt, bei dem die Fahrer extrem langsam und präzise arbeiten, damit sich das Gewicht gleichmäßig verteilt. Abrupte Bremsmanöver oder kurzfristige Beschleunigung würden zu ungewollten Belastungen auf der Brücke führen.“ Alleine die Auflage und Überquerung aller Flyover dauert drei Stunden.
Ankunft nach Mitternacht
Und dennoch: Eine halbe Stunde früher als erwartet, um 1.30 Uhr, fährt der Transformator im Umspannwerk ein. Die Arbeit ist damit noch nicht zu Ende. „Es braucht weitere vier Stunden, bis das Schwergewicht auf seinem wasserdichten Fundament platziert ist“, sagt Ranninger. Auch das ist Präzisionsarbeit: „Zuerst wird nötiges Equipment in Position gebracht, um den Trafo vom Transporter abzulassen und auf den Zugschienen zu platzieren. Von zwei hydraulisch angetriebenen Seilzügen wird er dann auf seinen Bestimmungsort gezogen.“ Bis der Umschalter nach der buchstäblich spannenden Trafo-Rochade ans Netz geht, dauert es immer noch ein wenig: Ab dem Sommer und damit rund vier Jahre nach Planungsbeginn wird der Koloss seinen Teil zur Versorgungssicherheit Osttirols beitragen.