Der neuerliche Triumph der KPÖ in Graz bricht laut Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle gleich zwei politische Grundregeln: Protest müsse nicht rechts sein und Regierende würden nicht automatisch abgestraft. Bürgermeisterin Elke Kahr steigerte das Ergebnis der KPÖ auf 35,6 Prozent und baute den Abstand zur ÖVP deutlich aus. Entscheidend sei die glaubwürdige, über Jahre konsequent verfolgte Politik der KPÖ, die Kahr überzeugend verkörpere.
Die ÖVP blieb mit Kurt Hohensinner zwar klar Zweite, verfehlte aber ihr Ziel, die linke Mehrheit zu brechen. KPÖ und Grüne können nun ohne SPÖ weiterregieren. Die FPÖ legte leicht zu, blieb aber hinter den Erwartungen, während die SPÖ mit 5,6 Prozent ein Debakel erlebte. Auch die Neos verfehlten ihr Ziel der Klubstärke. Für Stainer-Hämmerle ist die KPÖ zudem mehr als nur Kahr.
„ÖVP und SPÖ haben schlechtes Image selbst erarbeitet“
Im Forum der Kleinen Zeitung zeigt sich kaum ein User überrascht vom Ergebnis des Urnengangs. Ebendieses sei, so „Imandazu“, als „dunkelrote Karte“ gegenüber den einstigen Großparteien zu verstehen, denn: „Sowohl ÖVP als auch SPÖ haben ihr schlechtes Image selbst erarbeitet.“ Nun würde sich von ebendiesen weder der Mittelstand noch die wachsende Zahl der „Working Poor“ vertreten fühlen: „Sonst wäre es, bei aller Sympathie für die authentische Wahlsiegerin Elke Kahr, nicht möglich, dass Parteien mit dubiosen ideologischen Altlasten wie KPÖ und FPÖ Wahlsiege feiern.“
Für „Esgehtunsgutinösterreich“ steht außer Frage, dass das politische System insgesamt nicht mehr für aktuelle Herausforderungen gewappnet ist: „Wenn dann in einer Fernsehdiskussion jemand erwähnt, dass sich viele Menschen, auch hart arbeitende, ihr Leben nicht mehr leisten, ihre Familie nicht mehr versorgen können, und dann Vertreter der Großparteien darauf antworten, dass Gelder für Sozialleistungen in ‚dunkle Kanäle‘ fließen und vor allem Leistung belohnt gehört, dann brauchen sie sich über ihren Zustand nicht wundern.“
Ein anderes Phänomen prognostiziert „HypoPotamus“. Nämlich, dass sämtliches Wählerpotenzial links der Mitte früher oder später bei den Kommunisten landen wird: „Da bleibt spätestens bei der nächsten Wahl nichts mehr übrig, denn die Grünen werden weiter eine so schlechte Autopolitik machen, dass sogar die ÖVP wieder gewählt wird.“ Grund dafür sei, dass Kahr ihre grüne Koalitionspartnerin „ins offene Messer laufen lasse“, während die Grazer Sozialdemokratie im Schatten der Kommunisten auch weiterhin kein Licht sehen würde. Schlussfolgerung: „(Die) einzige echte Koalition der breiten Interessen wäre KPÖ und ÖVP.“
„Die Zeiten der Polit-Schauspieler sind vorbei“
Den erneuten Erfolg von Bürgermeisterin Kahr ordnet „Zeitgenosse“ folgendermaßen ein: „Die Zeiten der Polit-Schauspieler sind vorbei. Die Menschen haben es satt, dass Politiker nur in die eigene Tasche wirtschaften, nach persönlichem Triumph streben und das Volk komplett vergessen.“
Ähnlich die Erklärung von „poet16“, wonach Kahr als einzige Kandidatin glaubhaft vermitteln konnte, dass sie ihr Amt „offensichtlich nicht als Mittel zur Maximierung der eigenen Einkünfte“ verstehe. Kritischer Nachsatz: „Ich glaube allerdings nicht, dass ihre politische Tätigkeit ausreichend für eine gute wirtschaftliche Entwicklung der zweitgrößten Stadt Österreichs ist.“
Einen differenzierten Blick hat auch „Johanna55“ auf die politischen Kräfteverhältnisse in der steirischen Landeshauptstadt: „Für mich ist es völlig egal, ob extrem rechte oder extrem linke Politiker die Wahl gewinnen. Für mich sind beide Seiten schwierig für die Demokratie, nur bei Frau Kahr scheint es echt anders zu sein.“ Das heiße zwar nicht, „dass sie alles richtig macht – das geht gar nicht“, aber „ihr scheint es echt wichtig zu sein, das Ohr beim Bürger zu haben und es auch zu sehen, dass in unserem reichen Land (und das meine ich nicht sarkastisch) auch noch Menschen gibt, denen es wirklich nicht gut geht.“
Unabhängig vom Ergebnis – „Kandidaten und Wahlprogramme hin und her“ – will „k.esamen“ eines noch hervorstreichen: „Was mir wirklich Sorge bereitet, ist, dass es nur noch knapp 50 Prozent der Grazer für wichtig erachten, überhaupt zur Wahl zu gehen.“ Ursachenforschung müsse im Sinne aller Parteien sein, denn: „Die Stadt geht uns schließlich alle etwas an!“