Franz Josef Radermacher nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Der emeritierte Professor für Informatik (Datenbanken und Künstliche Intelligenz) leitet als Vorstandsvorsitzender das Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW/n) in Ulm und sieht Europas Klimastrategie kritisch. Dass ob der Pläne der Frust in der Bevölkerung steigt, kann er gut nachvollziehen: „Global betrachtet ist unser Beitrag winzig, allerdings furchtbar überteuert. Wir zahlen zu viel Geld, um quasi nichts zu bewirken.“ Die Bewältigung des Klimawandels entscheide sich nämlich in China, Indien und Afrika.
Am Mittwoch wird Radermacher seine teils kontroversiellen Thesen verteidigen. Welche Kritikpunkte er beim 3. Kärntner Wirtschaftsgespräch an der Uni Klagenfurt vorbringen wird, entscheide er kurzfristig. Dass Länder wie Deutschland und Österreich das Ziel der Klimaneutralität schon vor 2050 erreichen wollen, kann Radermacher wenig abgewinnen: „Das hält bilanziell keine Tonne CO₂ von der Atmosphäre ab. Wer das Null-Ziel der EU vorzieht, ermöglicht anderen Ländern einen langsameren Umstieg, weil alle Emissionen ja gegengerechnet werden. Die Umstellung selbst kostet jährlich 800 Milliarden Euro.“
Klimaneutrale Technologieoffenheit gefordert
Bei der Energiewende warnt der Wirtschaftswissenschaftler vor falschen Prioritäten, die sich negativ auf ohnehin steigende Netzkosten auswirken würden. „Wächst der Anteil von Wind- und Sonnenenergie im Stromsystem auf über 50 Prozent, drohen zu hohe Kosten aufgrund der Volatilität.“ Anstelle einer „unbezahlbaren“, völligen Elektrifizierung mit neuen Erneuerbaren schlägt er als zweite Säule zuverlässige, steuerbare Energieträger vor, die bei Überproduktion still stehen und bei einer Dunkelflaute hochgefahren werden. Auch Gas- und Kohlekraftwerke sind für Radermacher in Zukunft kein Tabu: „Wenn diese nicht weiterlaufen, müssen die Netze noch stärker ertüchtigt werden. Wir bauen uns gerade ein teures Klimagefängnis. Das Problem sind nicht fossile Energieträger, sondern deren Emissionen.“ Letztere ließen sich aber mit CO₂-Abscheidung und -Speicherung in den Griff bekommen. Grüner Wasserstoff sei hingegen als „Champagner der Energiewende prohibitiv teuer“.
Eine Renaissance der Kernenergie hält er sogar in Deutschland für vorstellbar. Die Windkraft-Skepsis in Kärnten hält er nicht für problematisch, österreichweit sei man aufgrund der Topografie mit einem hohen Erneuerbaren-Anteil mit Wasserkraft und Holz verwöhnt. In beiden Ländern müsse man bei den Energiekosten gegensteuern und alles tun, um Wachstum zu erzeugen und Unternehmen zu halten.
Rund um die Mobilitätswende fordert Radermacher eine „ehrliche Bilanzierung“ bei Elektroautos, die alle Emissionen erfasst: „Ich sehe ein Nebeneinander von Lösungen. Verbrenner werden im globalen Süden sowie im Schwer- und Langstreckenverkehr auch in Zukunft eine sehr große Rolle spielen.“ In Brasilien sehe man, wie dort mit Bio-Ethanol klimaneutral gefahren werde. International vermisst Radermacher Kooperationen und zwischenstaatliche Vereinbarungen, die klimaneutrales Wachstum ermöglichen: „Um unsere Klimaziele zu erreichen, ist es preiswerter, den Entwicklungs- und Schwellenländern zu helfen.“ Während die Vermeidung einer Tonne CO₂ hierzulande mehrere Hundert Euro koste, wäre das im globalen Süden für 50 Euro möglich und würde zudem dort die Wirtschaft ankurbeln. Praktische Beispiele wären etwa massive Aufforstungen oder die Förderung von Humusbildung als CO₂-Senken.