Kinder leiden oft im Stillen. Zu groß ist die Angst, über Erlebtes zu sprechen, zu groß die Scham. Das erleben die Mitarbeitenden der 36 Kinderschutzzentren in Österreich tagtäglich in ihrer Arbeit mit gewaltbetroffenen Kindern und Jugendlichen. Teils über Jahre hinweg sind zahlreiche Kinder in Österreich Gewalt in unterschiedlichster Form ausgesetzt, angefangen bei körperlicher und psychischer Gewalt bis hin zu sexualisierter Gewalt, Vernachlässigung und dem Miterleben von Gewalt zwischen den Elternteilen.

Bislang wurden Kinder direkt in den Anlaufstellen – acht sind es in der Steiermark, zusätzlich gibt es drei Zweigstellen, die Sprechstunden anbieten – aufgefangen. Jetzt haben Betroffene erstmals auch die Möglichkeit, via Chat-Funktion digital Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Niederschwellig, einfach und anonym“, wie Gabriela Ulram, fachliche Leiterin des Digitalen Kinderschutzzentrums am Donnerstag bei einer Pressekonferenz erklärte.

Digitaler Raum: Kinder in ihrer Welt abholen

Warum diese neue digitale Anlaufstelle so wichtig ist? „Bei Kindern ist das Risiko von Gewalterfahrungen zwei bis drei Mal so hoch wie bei Erwachsenen“, sagt Petra Birchbauer, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Österreichischer Kinderschutzzentren und Bereichsleiterin von „Rettet das Kind Steiermark“. Auf die Entwicklung hat anhaltende Gewalt im Kindesalter weitreichende Folgen. Gewalt in der Kindheit führt in weiterer Folge häufig dazu, dass die Betroffenen auch im Erwachsenenalter viermal so häufig in Gewaltbeziehungen landen. „Auch gesundheitliche Probleme resultieren aus Gewalterfahrungen, die Beziehungs- und Arbeitsfähigkeit kann massiv beeinträchtigt werden.“

Vier Frauen stehen vor einer Leinwand und hinter zwei Stehtischen mit weißen Tischtüchern
Im Rahmen einer Pressekonferenz wurde das neue digitale Angebot präsentiert © Die Österreichischen Kinderschutzzentren

Der digitale Raum stellt einen großen Teil der Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen dar. „Deswegen muss man sie genau dort abholen“, erklärt Miriam Sturm, eine der Mitarbeitenden im Digitalen Kinderschutzzentrum. „Kindern und Jugendlichen fällt es extrem schwer, über traumatische Erlebnisse offen zu sprechen. Sie leben in ständiger Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird, oder sie nicht verstanden werden“, weiß die Expertin aus der Praxis.

Kinderschutzzentren: Chatten ist selbstverständliche Kommunikationsform

Neben der Anonymität des Chatbots verringere auch die Option des Schreibens die Hemmschwelle bei Jugendlichen. „Chatten ist eine selbstverständliche Kommunikationsform für sie.“ Anonyme Orte, an denen Kinder selbst entscheiden können, wie viel sie preisgeben, stellen laut Sturm zudem eine Form der Kontrolle dar – etwas, das den Betroffenen im Alltag durch Gewalterfahrungen oft genommen wird.

9,8 Millionen Euro seitens des Sozialministeriums wurden im Rahmen der Förderung „Stärkung der Krisenintervention in Österreich“ seit Herbst 2024 in die Weiterentwicklung der Kinderschutzzentren in Österreich gesteckt, unter anderem auch in die Entwicklung des Digitalen Kinderschutzzentrums. Gleichzeitig konnten in dem Förderzeitraum, der im September 2026 endet, bislang 18.999 Minderjährige in Krisensituationen betreut werden, legt die Geschäftsführerin des Bundesverbandes, Karin Thiller, die Zahlen offen.

Vor allem für die Peripherie sei die digitale Anlaufstelle ein großer Gewinn, wie Birchbauer sagt. „Am Land sind die Wege viel länger, Kinder müssen durch unzureichende Busverbindungen von ihren Eltern geführt werden, dadurch erreichen wir viele gewaltbetroffene Kinder und Jugendliche nicht.“ Das digitale Angebot soll als Brücke dienen, bei Bedarf können die Kinder dann vor Ort an eine Anlaufstelle weiterverwiesen werden. Ein wichtiger Faktor: Der Chat deckt in Zukunft auch die Abendstunden ab 18 Uhr ab. „Das ist der Zeitraum, in dem Kinder oft das Bedürfnis nach Gesprächen verspüren“, so Birchbauer.

„Klapse“ werden in Österreich oft toleriert

Kommt es in weiterer Folge zu einer Betreuung durch ein Kinderschutzzentrum, werden die Eltern immer involviert, so Birchbauer. „Oft sind gewaltausübenden Personen Menschen, die den Familien nahestehen, das ist auch für die Eltern belastend.“ Eltern zu involvieren sei aber auch essenziell, wenn sie die Gewaltausübenden sind, betont die steirische Expertin. Eine Beobachtung, die Birchbauer teilt: Die Fälle der körperlichen Gewalt in Form von Ohrfeigen gehe zwar zurück, „Klapse“ seien aber immer noch weit verbreitet.

„Auch in einer sonst liebevollen Eltern-Kind-Beziehung hat diese Form der Gewalt Wirkung und kann ein erhöhtes Aggressionsniveau beim Kind hervorrufen“, weiß Birchbauer. Viele Leute seien sich außerdem nicht bewusst, dass es ein Gewaltverbot in Österreich gibt, „da gehört auch ein Klaps dazu.“ Die Toleranz dieser Form der Gewalt gegenüber sei aber noch extrem hoch.

Im September 2026 endet der Gesamtzeitraum der Förderung des Sozialministeriums für die Kinderschutzzentren inklusive des neuen digitalen Angebots. Über eine weitere Förderperiode wurde noch nicht gesprochen, so Thiller. „Wir haben versucht, Kontakt mit den Ministerien aufzunehmen, aber noch keine Rückmeldung erhalten.“ Kann das Projekt ohne Zuschuss des Bundes überhaupt überleben? „Dafür werden wir mit Zähnen und Klauen kämpfen, denn hier geht es um das Wohlergehen von Kindern.“