Es wirkt wie ein ganz normales Kinderzimmer: Der kleine Raum ist liebevoll gestaltet, mit einem bunten Spielteppich am Boden, einem Bällebad mit kleinen Quietschenten, mit Spielsachen und einem Bücherregal. In wenigen Tagen wird hier Benjamin (Name von der Redaktion geändert) einziehen – sobald er seinen fünften Geburtstag gefeiert hat. Mit einem „normalen“ Wohnen, wie die meisten Kinder es kennen, hat dieses Zimmer freilich wenig zu tun.
Wohnen auf Zeit
Im Haus „Tilia“ finden neun Kinder und Jugendliche von 5 bis 15 Jahren ein Zuhause auf (längere) Zeit. Es sind junge Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht bei ihren Familien leben können – Vernachlässigung, Gewalt, Missbrauch oder Überforderung der Eltern bei der Erziehung sind einige Beispiele. Die Kinder- und Jugendwohngruppe, betrieben von Jugend am Werk, ist seit November in Betrieb und wurde am 17. März feierlich eröffnet. In dem Haus in der Kobenzer Goldregenstraße führte Jugend am Werk zuvor 25 Jahre lang einen Standort für Menschen mit Beeinträchtigung.
Die kernsanierte Wohngruppe ist das erste entsprechende Angebot für Kinder und Jugendliche im Bezirk Murtal, die jungen Bewohner kommen aber aus der ganzen Steiermark hierher. „Schutz und Geborgenheit sind uns besonders wichtig, hier arbeitet ein hochprofessionelles Team mit unterschiedlichsten Methoden an der Traumabearbeitung“, erklärt Sandra Schimmler, Geschäftsführerin von Jugend am Werk Steiermark.
365 Tage im Jahr betreut
Geleitet wird die Wohngruppe von Eleonora Kapaun-Kübeck-Montenuovo, insgesamt arbeitet ein elfköpfiges Team mit den Kindern und Jugendlichen. „Wir sind kein kurzfristiger Krisenplatz, dafür gibt es andere Einrichtungen. Wer zu uns kommt, braucht eine längerfristige Unterbringung“, erzählt die Leiterin. Mindestens ein Betreuer ist 24 Stunden am Tag bei den Kindern, „theoretisch könnten sie mit fünf Jahren kommen und bleiben, bis sie 15 sind“. Die neun Bewohner besuchen während ihres Aufenthaltes in Kobenz Kindergarten und Volksschule sowie die Mittelschule Seckau. Meist gibt es in geschütztem Rahmen einen Kontakt zur Ursprungsfamilie, manche können auch ihre Freizeit bei den Eltern verbringen.
Bedarf ist riesig
Klar ist: „Für die Kinder ist es eine große Umstellung und Herausforderung, ihr Zuhause zu verlassen“, so Schimmler. „Die Eltern bleiben die Eltern.“ Die bislang acht Bewohner der Einrichtung seien aber „unglaublich tapfer und gefasst“, so Kapaun-Kübeck-Montenuovo. Der Bedarf sei riesig, „wir bekommen unzählige Anfragen“. Am Standort arbeiten erfahrene Sozialarbeiter, Elementarpädagogen, Psychologen, Pflichtschullehrer und Pädagogen Hand in Hand.
Eng ist die Zusammenarbeit auch mit der Bezirkshauptmannschaft Murtal als Träger der Kinder- und Jugendhilfe. Bezirkshauptfrau Nina Pölzl freut sich über das neue Angebot, „wir haben lange Jahre Gespräche zu diesem Thema geführt, es ist schön, dass wir die erste Wohngruppe hier im Murtal eröffnen können.“ Groß ist die Freude über die Neueröffnung auch bei Walter Ferk, Aufsichtsratsvorsitzender von Jugend am Werk, Soziallandesrat Hannes Amesbauer und der Kobenzer Bürgermeisterin Eva Pickl. Sie betonten die große Verantwortung der Einrichtung, Kinder bestmöglich zu unterstützen, aufzufangen sowie zu fördern.
Zur feierlichen Eröffnung waren nur wenige Vertreter aus Politik, Schulwesen, Behörde und Polizei geladen. Ein bewusst kleiner Rahmen, leben doch bereits acht Kinder und Jugendliche in dem Haus, das nun ihr Zuhause ist. Der Name „Tilia“ ist übrigens lateinisch und steht für Linde: Ein Baum, der Schutz, Geborgenheit und Gemeinschaft verkörpern soll.