„Poppa nicht Autofahren“, sagt der dreijährige Julian mit einem tiefen Kinderseufzer zu Johann Hebenstreit. Dann gibt er seinem Opa ein Bussi aufs Knie. Für den Buben ist klar: Ohne Beine kann man halt nicht Autofahren. Johann lächelt, als er die Geschichte erzählt. Für ihn ist das Glas immer halb voll – und nicht einmal die Ereignisse der vergangenen Jahre haben ihm seine positive Lebenseinstellung genommen.

Ein falscher Schritt am Strand

Immer, wirklich immer gehe ihr Mann mit Badeschuhen ins Wasser, sagt Birgit Hebenstreit und schüttelt den Kopf. Die Erinnerung an den Campingurlaub im kroatischen Biograd im Sommer 2021 setzt ihr noch immer zu. Kein Wunder, hat sich das Leben des Ehepaars damals für immer verändert. Ausgerechnet an diesem einen Tag bleiben die Schuhe im Wohnwagen. Macht nix, denkt sich Johann, die Schlapfen, die noch in der Badetasche sind, tun’s ja auch. Beim Spielen mit den Enkeln Amelie und Jasmin im seichten Wasser rutscht er mit dem linken Fuß aus dem Schlapfen und steigt im seichten Wasser auf etwas Spitzes. Seeigel? Petermännchen? Darüber sind sie die Ärzte später nicht einig. „Ich hab‘ nicht viel gespürt“, erinnert sich Johann. Erst am nächsten Tag bemerkt er „ein kleines Locherl“. Er desinfiziert die Stelle und pickt ein Pflasterl darauf.

Drei Tage später fahren Johann und Birgit einkaufen. Schon beim Einparken merkt Birgit, dass etwas nicht stimmt. Ihr Mann wirkt fahrig, stößt im Geschäft gegen einen Warenstapel und stürzt. Birgit denkt sofort an seinen Diabetes – vielleicht ist er ja einfach unterzuckert. Sie kauft ihm etwas Süßes, und tatsächlich geht es Johann gleich besser. Doch zurück am Campingplatz bekommt Johann hohes Fieber, die Rettung wird gerufen. Die Erleichterung, dass Johann nun gut aufgehoben ist, währt nur kurz: „Ich war schon drin im Rettungswagen, da haben sie mich wieder ausgeladen“, erzählt er. Ein anderer Notfall mit Erstickungsgefahr hat Vorrang.  

Wettlauf gegen die Zeit

Länger warten ist keine Option, also packt seine Stieftochter Johann ins Auto und bringt ihn selbst ins Krankenhaus nach Zadar. Die Aufnahme erfolgt in einem Container, vieles läuft in den nächsten beiden Tagen gar nicht gut. Fieberhaft versucht Birgit, über ihren Autoclub einen Rücktransport zu organisieren – aber der Austausch zwischen den Ärzten klappt nicht. Erst als sie sich an ihr Kreditkartenunternehmen wendet, geht alles plötzlich schnell: Nur wenige Stunden nach dem Anruf landet ein Rettungsjet mit Ärzteteam und Fahrzeug am Flughafen von Zadar. „Sie haben ihn direkt aus dem Zimmer geholt“, erzählt Birgit. In Graz wartet bereits das Grüne Kreuz – doch das Team des Rückholservices begleitet Johann selbst ins Krankenhaus. „Wenn ich diesen Menschen einmal begegnen könnte, ich würde mich so gern bedanken“, sagt Birgit sichtlich gerührt.

Im LKH Graz handeln die Ärzte sofort, amputieren den Vorfuß. Doch am nächsten Tag wird klar, dass auch der Unterschenkel nicht zu retten ist. Es folgen Monate der Rehabilitation, eine Prothese, viele Stunden Training und eine langsame Rückkehr in den Alltag.

Johanns Appell: „Niemals ohne Badeschuhe ins Meer!“
Johanns Appell: „Niemals ohne Badeschuhe ins Meer!“ © Hebenstreit

Das Schicksal schlägt zum zweiten Mal zu

Lange Zeit scheint es, als hätte das Schicksal genug zugeschlagen. Doch im Sommer 2023 macht plötzlich der rechte Fuß Probleme – eine harmlose Verletzung entwickelt sich zu einer schwerwiegenden Infektion. Zwei Zehen werden amputiert, später ein Teil des Vorfußes. „Alles war tiptop“, wischt Johann das Geschehene mit einer Handbewegung beiseite. „Piekfein war das zum Gehen mit den orthopädischen Schuhen.“

Im Frühling 2025 bemerkt Johann eine Blase auf seiner Fußsohle. „Nichts Tragisches“, meint er, „vielleicht ein Sandkörndl“. Die Hausärztin behandelt die Stelle regelmäßig und empfiehlt schließlich, im Krankenhaus abgestorbenes Gewebe entfernen zu lassen. Die Blase wird im Spital geöffnet, die Wunde versorgt, rasch ist Johann wieder zu Hause. Doch wenige Tage später bekommt er hohes Fieber. Er bricht zusammen und wird ins Krankenhaus Feldbach gebracht.

Die Blutwerte zeigen eine lebensbedrohliche Blutvergiftung. Staphylococcus aureus, ein Krankenhauskeim, lautet später die Diagnose. „Die Ärztin hat gesagt: ,Es hilft nichts, wir müssen den Fuß abnehmen‘, erinnert sich Johann an die Minuten, bevor er mit seiner Unterschrift die Einwilligung zur Amputation gibt.

Als Johann nach der Operation aufwacht und das Laken hebt, sieht er erst das Ausmaß des Eingriffs. „Ich hab‘ gedacht, sie nehmen nur den Vorderfuß. Aber das Bein war bis unter das Knie weg.“ Selbst bei dieser dramatischen Erinnerung klingt sein Respekt für das medizinische Team durch: „Kein Verband, nur ein Pflaster. Ich konnte kaum glauben, wie toll sie das gemacht haben!“

Selbstbestimmt leben: der größte Wunsch des ehemaligen Bierführers
Selbstbestimmt leben: der größte Wunsch des ehemaligen Bierführers © Anneliese Horvath

Der Wille, wieder aufzustehen

Aufgeben kommt für ihn auch jetzt nicht infrage: „Mein erster Gedanke war: Ich will wieder gehen.“  Sobald die Prothese da ist, beginnt er zu trainieren. „Ich will kein Pflegefall werden“, so Johann. Er hält kurz inne und korrigiert sich: „Gut, ich bin zwar ein Pflegefall. Aber ich will trotzdem mein Leben leben!“ In der Reha bemerkt er sofort, wie wichtig der eigene Wille für den Erfolg ist.

Während der gesamten Zeit steht Birgit an seiner Seite, zeigt nicht, wie sehr sie sich Tag für Tag sorgt. Besonders schwierig sind für sie bis heute die Stiegen im Haus, das sie gemeinsam mit Birgits Mutter bewohnen. Als Johann das erste Mal mit beiden Prothesen hinuntergeht, geht Birgit voller Anspannung rückwärts vor ihm. „Falls etwas passiert.“ Und so machen sie es bis heute.

Das schmale, steile Stiegenhaus der Hebenstreits bleibt eine Herausforderung. Ein Treppenlift würde vieles erleichtern, ebenso eine barrierefreie Dusche. Denn im kleinen Bad ist Duschen für Johann derzeit kaum möglich. Doch die Kosten für einen Umbau übersteigen die finanziellen Möglichkeiten des Paares. Damit der Alltag wieder ein Stück leichter wird, bitten wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, um Unterstützung bei der Finanzierung dieser dringend benötigten Anschaffungen.

Und vielleicht geht für „Poppa“, den einstigen Berufsfahrer, auch ein weiterer Herzenswunsch bald in Erfüllung: selbst wieder mit dem Auto zu fahren. Bei diesem Gedanken muss er gleich noch einmal lächeln.