Stefan Brennsteiner zog vom Start „seiner“ Weltmeisterschaft weg. Eins, zwei, drei, vier, fünf Tore, dann kam der Schwung zu Tor sechs, knapp zehn Sekunden waren da auf der Uhr. Und mitten in diesem Schwung löste sich der Außenski – das Rennen war beendet, bevor es so richtig begonnen hatte. Und während der gesamte Zielraum geschockt verstummte, war Brennsteiner anzusehen, welch Welt in ihm da gerade zusammengebrochen sein muss – ohne zu verstehen, warum. „Ja, das ist sicher eine meiner bittersten Stunden. Aber es kann noch bitterer enden und es war auch schon bitterer für mich. Wenn du mit einer Verletzung wegfährst, ist es nochmals härter. So viel hat mich der Skisport schon gelehrt“, sagte der Niedernsiller.
Und doch: So ganz umgehen konnte er mit der Situation noch nicht, trotz allen Bemühens. „Der Blick nach vor ist heute brutal schwierig. Aber es ist vorbei, man braucht nicht mehr hadern. Aber die Motivation für die nächsten Tage zu finden, das gelingt mir auch nicht gerade so richtig. Man sagt nach so einem Vorfall oft, man ist schlampig am Ski gestanden, aber ich bin schon viel schlampigere Kurven gefahren und der Ski ist dran geblieben. Es ist unglücklich gelaufen.“ Es gelte nun, die ganze Gewichtung dieses einen Tages, um den sich in den vergangenen fünf Jahren alles drehte, neu zu finden, zu versuchen, sie brutal nach unten zu skalieren. „Freilich wäre es schön gewesen, eine Medaille zu holen, aber das ist schwer, da muss alles passen. Wenn aber so gar nichts zusammenpasst und nach zehn Sekunden alles vorbei ist, ist das schon ein blödes Ereignis.“
Und Brennsteiner schaffte es doch, das tiefe Loch, das sich da mental auftun muss, schnell in Ansätzen zu füllen. „Ich war ja noch nicht einmal richtig im Rennen, da ist das mit dem Ärger noch nicht so hart. Schlimmer wäre es, wenn man mit einer Sekunde Vorsprung im zweiten Lauf zwei Tore vor dem Ziel ausfällt.“ Viel mehr schmerzt da das Kommen seiner Familie und weiterer rund 150 Leute aus dem Heimatort, auch wenn die Anreise mit 35 Kilometer überschaubar war: „Aber die kommen alle und ich fahre nur zehn Sekunden, das tut mir leid.“ Es fällt schwer, einzuordnen, solange nicht klar ist, was wirklich passierte: „Ich hätte wohl etwas im Ziel zerlegt, wenn es mein Standard-Innenskifehler gewesen wäre, aber es hätte vielleicht weniger weh getan. Aber so?“, sagte er.
Brennsteiners traurige Historie bei Großereignissen ist damit um ein weiteres Kapitel leichter. In Pyeongchang hatte er im zweiten Lauf beim Angriff von Platz 14 aus einen Kreuzbandriss erlitten, es war der vierte. Er gab nicht auf, lag vier Jahre später in Peking abermals auf Medaillenkurs, stieg sich aber selbst auf die Ski. Und vor zwei Jahren bei der WM gab es den undankbaren vierten Platz. „Was wäre wenn, den Satz habe ich schon zu oft gehört“, hatte er in Peking schon erklärt. Auch diesmal ein Satz, den er streichen wird, wenn er kann. „Es ist unglaublich, seit fünf Jahren reden wir nur über diese WM, es gab immer wieder Medientermine, ich wurde immer wieder gefragt und habe habe mich so gefreut. Und ich habe es geschafft, mich in Form zu bringen wie nie zuvor. Und dann fährt man nur zehn Sekunden...“ Irgendwie stellt sich da schon der Glaube nach einer höheren Macht ein, die etwas gegen einen Brennsteiner bei Großereignissen hat. „Irgendwas holt mich raus, kommt mir vor. Mir ist es schon sehr oft gelungen, vor Großveranstaltungen in einer super Form zu sein. Heute habe leider nicht einmal einen Lauf runtergebracht.“
Der „kleine Mann“ daheim soll‘s richten
Was bleibt, ist die momentane Ratlosigkeit, die fehlende Antwort auf die quälende Warum-Frage. „Fakt ist, dass es passiert ist. Ich habe, wie gesagt, schon bitterere Stunden erlebt, aber vor Heimpublikum fünf Tore zu fahren...“ Es wird dauern, bis der Schmerz gelindert ist und dieses Erlebnis verarbeitet ist. Es wird dauern, bis Brennsteiner für sich entscheidet, ob er sich das noch einmal antun wird, kommende Saison wartet wieder Olympia, es wäre ein guter Ort, um das ganze Pech wenigstens einmal in Glück zu drehen. Aber es wird nicht dauern, bis er Ablenkung bekommt – daheim wartet sein kleiner Sohn: „Da ist ein kleiner Mann, dem ist das alles gleich. Der sagt mir zwar sicher zehnmal: ‚Papa ausgefallen‘, aber die Miene ändert sich nicht. Und das hilft sicher.“
Davor drückte er die Daumen für die Teamkollegen. „Anschauen werde ich mir das Rennen sicher. Ich weiß nur nicht, wo. Aber ich hoffe, für die anderen drei geht es gut – für einen ist das nicht eingetroffen.“