„Er war immer der Kleinste, der Schmalste und körperlich retardiert, sprich er war entwicklungsmäßig eher im Hintertreffen.“ Aber er sei extrem zäh gewesen, mit einer gesunden Dosis an Ehrgeiz. „Leichte Rennen hat er nie gewonnen, sie mussten schwierig und selektiv sein“, erzählt Walter Odermatt, der Mann, der Skistar Marco Odermatt besser kennt, als jeder andere – und das seit mehr als 27 Jahren.
Die Aussage, dass „es sich bereits in frühen Jahren abgezeichnet hat“, wird mit dem Eidgenossen häufig assoziiert, doch der 56-Jährige kann dieser Nachricht nichts abgewinnen. „Es ist unmöglich, bei einem Zehnjährigen vorherzusagen, ob er es jemals in den Weltcup schafft. Es war bei uns auch nie ein Projekt dahinter. Natürlich hatte ich einen Plan, aber aufgrund von Marcos Begeisterung für den Skisport. Ich habe gesehen, wie talentiert er ist, dass er sich sehr gut bewegt und kognitive Fähigkeiten besitzt. Ein Vorteil war zudem, dass er in einem inspirierenden Skiklub aufgewachsen ist“, verdeutlicht Walter Odermatt.
„Es war Zufall“
Er wurde hier und da mit der Tatsache konfrontiert, seinen Sohn Marco auf eine Karriere im alpinen Skirennsport hin gedrillt zu haben. „Aber da war kein Zwang dahinter. Es war Zufall. Marco hatte viel Freude am Skifahren und ja, ich bin froh, dass er nicht lieber Synchronschwimmer oder Ähnliches geworden ist. Dazu habe ich keinen Zugang. Wir waren viel frei Skifahren, im Gelände und sind drangeblieben.“ Es waren die gewissen, unerlässlichen Puzzlestücke, die letztlich das Pendel Richtung Sportkarriere ausschlagen haben lassen – und nicht der Fokus auf reines Stangentraining.
Als damals Neunjähriger ließ „Odi“, dessen großes Idol Didier Cuche gewesen ist, beim Migros-Grand-Prix, dem größten Kinderskirennen in der Schweiz, sein großes Potenzial aufblitzen – und gewann auf Anhieb. „Das war für mich als Vater sehr emotional und da war mir bewusst: Es könnte etwas aus ihm werden.“ Der erste Meilenstein sei 2016 gewesen, als sich Marco zum Junioren-Weltmeister kürte. Zwei Jahre später feierte er in Davos bei der Junioren-WM gar fünf Weltmeistertitel. „Da war klar: Wenn er sich nicht verletzt, schaut es ganz gut aus.“ Trotz aller Euphorie von außen habe es aber durchaus auch einige Harakiri-Rennen gegeben,
In einer ganz bestimmten Hinsicht bezeichnet er den Riesentorlauf-Olympiasieger von Peking 2022 als Phänomen. „Wie Marco mit Druck umgeht, ist einzigartig. Während vielleicht der ein oder andere an gewissen Situationen zerbrechen würde, bleibt er stark.“ Diesbezüglich macht Walter Odermatt, einst selbst Skifahrer und Trainer, kein Geheimnis daraus,
„Nicht jeder kann sich selbst Schmerzen zufügen“
Als Vater sei es logischerweise das Wichtigste, dass es dem Sohn gut gehe, bei allem, was er tue. „Es ist ihm nicht immer wohl bei allem, das ist logisch. Es ist beinharte Arbeit. Du musst stets hungrig bleiben, darfst dich selbst nicht beschwindeln. Im Sommer muss man Masochist sein – und nicht jeder kann sich selbst Schmerzen zufügen. Da ist Marco extrem konsequent.“ Diese Grundsätze und positiven Schlüsselerlebnisse habe er so verinnerlicht, dass sein Erfolgsweg nicht mehr zu stoppen war.
Abseits der Skipiste pflegt der 44-fache Weltcupsieger, der aus dem Kanton Nidwalden stammt, seine Freundschaften. „Jemanden auszuwechseln, käme für ihn nie infrage.“ Der Paradeathlet ist ein Naturliebhaber, jeglicher Sportart zugetan, aber absolut nicht der Typ, der jemals in einer Großstadt leben könnte. Daheim ist er auch einfach nur mal Sohn, „isst, was auf den Tisch kommt“, sagt Odermatt. Und: Marco liebt es, seine Schwünge in den Pulverschnee zu ziehen oder ausgiebige Bergtouren zu genießen.
Odermatt ticke als Sportler und im „wahren“ Leben ziemlich ähnlich. Er ist niemand, der sich verstellt, sondern ein großzügiger, unkomplizierter, ruhiger, offenherziger, grundehrlicher Mensch und Teamplayer, der eindrucksvoll demonstriert, dass er den Skisport liebt. Auf die spontane „Friseurtätigkeit“ in Saalbach angesprochen, meint Walter Odermatt: „Seine Freundin hatte schon einen Schock, aber er hatte eine Gaudi dabei. Das zeigt auch den Teamspirit, der im Augenblick herrscht. Das ist schön zu sehen.“ Welche Eigenheit man verraten darf? Nach kurzer Nachdenkpause konkretisiert der Herr Papa:
„Er war ein cleveres Riesenschlitzohr“
Walter Odermatts Aussagen zufolge hatte Marco schließlich eine ganz spezielle Gabe. „Wenn ,Scheiße‘ gebaut wurde, und wer hat das als Junger nicht, war er zwar dabei, aber immer in der zweiten Reihe. Er hat in den richtigen Momenten den Ungeschickteren den Vortritt gelassen und kam somit nie selbst zum Handkuss. Er war ein cleveres Riesenschlitzohr und ich habe vieles in Relation gesetzt. Wir wollten ja schnell Skifahren, keine Klosterschüler“, plaudert Walter Odermatt aus dem Nähkästchen und ist überzeugt, dass sich der Publikumsliebling in der Zukunft über Kinder freut.
„Er ist ein absoluter Familienmensch. Es gibt auch keinen Hund, der bei ihm begraben ist, es gibt keine Skandale“, sagt der Papa, der den Begriff „Superstar“ bis dato selbst noch nie für seinen Sohn in den Mund genommen hat. Und es vermutlich auch nie tun wird.