Felix Gall ist kurz davor, abermals österreichische Radsportgeschichte zu schreiben. Zwar sind bei der Tour de France noch zwei Etappen zu bestreiten, doch hat das Peloton die Alpen und damit die letzte ganz große Schwierigkeit hinter sich gelassen. Der Osttiroler zeigte auch in der zweiten Alpen-Etappe eine ganz starke Form und verbesserte sich auf den fünften Platz des Gesamtklassements. Im Jahr 1996 schaffte Peter Luttenberger (Carrera) diese Platzierung im Rahmen der Frankreichrundfahrt. Adolf Christian wurde im Jahr 1957 mit 22 Jahren sogar Dritter.
Den Tagessieg in La Plagne sicherte sich Thymen Arensman (Ineos), der sich im Schlussanstieg abgesetzt hatte. Dahinter folgten Jonas Vingegaard (Visma) und Dominator Tadej Pogačar (UAE), der damit wohl seinen vierten Gesamtsieg nach 2020, 2021 und 2024 gesichert hat. Gall kam als Sechster ins Ziel.
Die Strecke der 19. Etappe musste kurzerhand geändert werden. Nach dem Auftreten der Rinderseuche in einer Herde auf dem Col des Saisies wurde der Pass gestrichen und die Strecke von 130 auf 95 Kilometer verkürzt. „Wir stehen im Austausch mit den zuständigen Behörden. Sie haben in den Bergen eine sich schnell ausbreitende Krankheit bei den Rindern entdeckt und wir wurden gebeten, die Tour dort nicht vorbeizuführen“, sagte Thierry Gouvenou, der technische Direktor der Tour. Der Col du Pré (HC), der Cormet de Roselend (2. Kategorie) und der Schlussanstieg nach La Plagne (HC) blieben bestehen.
Roglič riskierte und verlor
Es war wie schon am Vortag Primož Roglič (Red Bull), der bereits in den Serpentinen des Col du Pré die Initiative übernahm und attackierte. Gemeinsam mit Ventoux-Sieger Valentin Paret-Peintre (Soudal) und Lenny Martinez (Bahrain) passierte er die ersten zwei Berge. Der Abstand wuchs allerdings nicht wirklich an. Denn das Trio wurde von den Helfern Tadej Pogačars an der kurzen Leine gehalten. In der Abfahrt vom Cormet de Roselend nahm sich Roglič ein Herz und fuhr seinen Gefährten davon. Im Tal und im Regen wurde der Slowene vom verbliebenen Peloton unter dem Diktat von „UAE“ regelrecht gejagt und auch gestellt. Felix Gall hielt sich mit vier Helfern von „Decathlon“ an seiner Seite.
Und es war Gall, der mit seinem Team (Callum Scotson und Aurélien Paret-Peintre) zu Beginn des langen und finalen Anstiegs die Tempoarbeit übernahm. Gall fuhr offensiv vor seinen direkten Konkurrenten und dem abgehängten Roglič davon. Die große Show um den Tagessieg eröffnete wieder Pogačar, der den Turbo zündete. Nur Jonas Vingegaard (Visma) und Thymen Arensman (Ineos) folgten sogleich dem Slowenen bei seinem Angriff, den er 14 Kilometer vor der Ankunft lancierte.
Gall fuhr unbeeindruckt von den Nadelstichen, die um ihn herum gesetzt wurden, ein konstantes Tempo, während Roglič immer weiter hinter ihm nicht nachsetzen konnte und permanent Zeit verlor. Zwischenzeitig beruhigte sich das Treiben und die Favoriten kamen wieder zusammen – lediglich Arensman fuhr vorne weg. Pogačar schüttelte mit einem weiteren Angriff auch Gall ab und verfolgte mit Vingegaard, Oscar Onley (Picnic) und Florian Lipowitz (Red Bull) den Entflohenen. Als erster Fahrer „explodierte“ Onley, der damit Lipowitz Platz drei in der Gesamtwertung überlassen musste.
Gall zufrieden, aber „noch ist es nicht vorbei“
Gall erklärte im Ziel, dass seine Teamkollegen ihm im Schlussanstieg helfen wollten, Roglič zu distanzieren. Dass die Etappe gekürzt wurde, sei ihm entgegengekommen: „Ich habe mich am Schluss gut gefühlt und bin sehr zufrieden“, sagte der 27-Jährige. Schon, als er Siebenter war, meinte er, dass er zufrieden wäre, mit dieser Platzierung am Sonntag in Paris einfahren zu dürfen. „Dass ich nun Fünfter bin, ist unglaublich. Ich hätte mir nie gedacht, dass es so funktioniert.“ Schlussatz: „Aber es ist noch nicht vorbei.“
Ineos-Betreuer abgereist
Unterdessen könnte sich am Firmament etwas zusammenbrauen. Ineos hat gegenüber dem „Guardian“ bestätigt, dass ein Betreuer die Tour verlassen hat. Gegen ihn wurden – ohne Namen zu nennen – in der ARD-Dokumentation „Im Windschatten“ Vorwürfe ruchbar, die ihn in Zusammenhang mit Dopingpraktiken bringen. Die International Testing Agency (ITA) soll Untersuchungen eingeleitet und den Betreuer zu einem Gespräch bestellt haben.