Der Mont Ventoux, er hat es nicht gut gemeint mit Felix Gall. Es waren noch mehr als zehn Kilometer den Berg hinauf, als der Osttiroler reißen lassen musste. Er war der erste Fahrer aus den Top zehn der Gesamtwertung, der brutal abgeworfen wurde. Jonas Vingegaard (Visma) tat, was die Pflicht des Verfolgers ist: Er griff Tadej Pogačar (UAE) immer wieder an, der immer an seinem Hinterrad blieb. Der Rest konnte nicht folgen und verlor Zeit auf das Duo. Gregor Mühlberger fuhr eine starke Etappe und kam als Elfter ins Ziel. Unterdessen lief die Uhr gegen Gall, der auf Platz 17 ins Ziel kam. Er bleibt Siebenter der Gesamtwertung. „Es war ein schwerer Tag“, sagte der Osttiroler, „ich habe mich am Morgen nicht so gut gefühlt. Irgendwie war mir kalt und heiß gleichzeitig, aber am Rad war es ganz okay. Ich habe das hohe Tempo am Fuße des Anstiegs nicht halten können und habe mein eigenes Ding gemacht. Schlussendlich war es doch noch ein ganz guter Anstieg und von dem her war nicht viel falsch und ich hoffe, dass ich mich morgen erholen kann.“ Am Mittwoch geht es nur über zwei kleine Berge von Bollène nach Valence.

Es sind nicht nur die Längen und Steigungen der drei möglichen Auffahrten auf den Mont Ventoux, die die Schwierigkeit dieses Berges ausmachen. Der aus dem Nordwesten kommende Mistral, der wie der Berg selbst die Provence dominiert, trägt immer wieder feinen Sand mit sich, und die Hitze kommt nicht nur von oben, denn auch der Kalkstein strahlt sie aus. Das bekamen die Profis auch bei der 112. Tour de France zu spüren. Auf der langen Anfahrt preschte früh Marco Haller heraus, der seinen Teamkollegen Marc Hirschi (Tudor) und Xandro Meurisse (Alpecin) im Schlepptau hatte. Aufgrund des Zwischensprints am Fuße des Berges und der Hoffnung auf den prestigeträchtigen Tagessieg hatten viele Teams kein Interesse, das Trio fahren zu lassen. Nach 60 Kilometern bekamen sie von 31 Fahrern Gesellschaft, das Feld fuhr unter dem Diktat von Tadej Pogačar nicht aggressiv genug, um den Abstand gering zu halten. So gehörte der Triumph mit Valentin Paret-Peintre (Soudal) einem aus der Fluchtgruppe.

Doch spielt der „windige Berg“ in der Geschichte eine weitere bedeutendere Rolle als jene, die ihm die „Tour der Leiden“ mit den Dramen bis hin zum Tod des mit Dopingmitteln und Alkohol vollgepumpten Tom Simpson (13. Juli 1967) in der Neuzeit zukommen lässt. Der Berg, der oberhalb der Baumgrenze an eine Mondlandschaft erinnert, gilt als die Wiege des Alpinismus und Francesco Petrarca als ihr Vater. Am 26. April 1336 erreichte er aus freien Stücken und von Neugierde getrieben den Gipfel. „Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht unverdient Ventosus, den Windumbrausten, nennt, habe ich am heutigen Tage bestiegen, einzig von der Begierde getrieben, diese ungewöhnliche Höhenregion mit eigenen Augen zu sehen“, schrieb er in seinem Bericht und dieser gilt einerseits als erste Beschreibung einer Bergtour, ihm wird aber auch zugeschrieben, die Renaissance eingeleitet zu haben. Denn der in Arezzo (ITA) geborene Dichter beschreibt in besonderer Weise neben der Schönheit des Irdischen auch seinen Blick nach innen auf die Seele.

Nach dem Sprint wurde die Südrampe von Bédoin aus befahren: 15,9 Kilometer auf 1909 Meter hinauf, mit einer mittleren Steigung von 8,7 Prozent. Oben bot sich den Zusehern, die in Massen die Strecke säumten, ein packender Sprint, den Paret-Peintre (Soudal) gegen den Iren Ben Healy (EF) für sich entschied. Pogačar spurtete kurz darauf Vingegaard nieder und festigte Platz eins.

Schon vor dem Rennen „verlor“ die Tour einen ihrer schillerndsten Fahrer: Matthieu van der Poel, der zwei Etappen gewonnen hatte, hat nach dem Ruhetag aufgegeben. Der Niederländer laboriert an einer Lungenentzündung. Sein Großvater Raymond Poulidor gewann übrigens am 6. Juli 1965 eine Touretappe auf dem Ventoux.