Der Mont Ventoux ist einer der prestigeträchtigsten Gipfel der Tour de France: Der „Gigant der Provence“ markiert auf der morgigen 16. Etappe der Frankreich-Rundfahrt den Beginn der finalen, dritten Tour-Woche: „Die härteste Woche steht uns noch bevor“, sagt Felix Gall von der französischen Decathlon-Equipe, der sechs Etappen vor Schluss auf dem siebenten Gesamtrang liegt.
Für Gall ist es die dritte Tour, den Mont Ventoux befährt er zum ersten Mal – zumindest auf Tour-Ebene. Vor drei Jahren hat er sich im Rahmen eines Eintagesrennens auf den markanten, kahlen Gipfel gequält: „Die Erinnerungen daran sind nicht so toll. Es war extrem heiß, wir sind zwei Mal hinaufgefahren. Aber ich weiß, was mich erwartet. Es ist ein besonderer Anstieg“, meint der Osttiroler. Dieser ist nicht nur aufgrund seiner topografischen Gegebenheiten (15,7 Kilometer Länge, 8,8 Prozent Steigung) überaus anspruchsvoll, sondern auch, weil die Natur auf über 1900 Metern Seehöhe gnadenlos sein kann: Die Winde auf dem kahlen Gipfel sind gefürchtet. Der zähe Anstieg lädt zu Attacken ein, das UAE-Team rund um den Gesamtführenden Tadej Pogačar und der Slowene selbst werden alle Hände voll zu tun haben, um diese abzuwehren.
Ob eine solche Attacke von Gall ausgeht, wird sich weisen. 2023 hat er die Tour auf dem achten Platz beendet, nun liegt er den Top fünf mit 99 Sekunden Rückstand dicht an den Fersen. Auf den drittplatzierten Florian Lipowitz (Red Bull/Bora) fehlen derzeit knapp über vier Minuten: „Ich werde kein riesiges Risiko nehmen. Wenn es, wie in den Pyrenäen, die Möglichkeit gibt, Zeit gutzumachen, werde ich das machen. Aber es wird keine Harakiri-Attacke zu Beginn geben“.
Christian und Luttenberger schafften es in die Top fünf
Innerhalb der Top fünf am Schlusstag über die Champs-Élysées zu rollen, wäre für Gall „der Wahnsinn“. Mit Adolf Christian (Dritter, 1957) und Peter Luttenberger (Fünfter, 1996) ist dies erst zwei Österreichern gelungen. Aber Gall weiß, wie schwer die nächste Woche werde, es könne in beide Richtungen noch viel passieren. „Wenn ich am Ende auf dem siebenten Platz bin, bin ich auch absolut zufrieden.“ Über die Qualitäten der Konkurrenten, die es zu überholen gilt, weiß er Bescheid: „Ich weiß, was das für Typen sind, wer zum Beispiel im Hochgebirge stark ist. Aber eine dreiwöchige Rundfahrt ist so speziell, da geht es schon mehr darum, wer sich am besten erholt.“ Und nicht nur im Klettern sei Gall stark: „Die Ermüdungsresistenz, die Erholung nach einem harten Tag: Das ist eine meiner Stärken.“
Diesen Trumpf muss Gall in dieser Woche ausspielen: Am Donnerstag stellt sich der Col de la Loze vor dem Peloton auf – diese Königsetappe hatte er 2023 gewonnen. Mit dem Felix Gall von damals sei er heute nicht mehr zu vergleichen: „Man bemerkt schon eine Müdigkeit im Feld, auch ich bin müde. Vor zwei Jahren habe ich mich aber schon nach der ersten Woche so gefühlt, wie ich mich jetzt fühle. Und ich bin mental reifer.“