CoronakriseSportpsychologe Alois Kogler: "Mannschaftssportler haben es jetzt leichter"

Sportpsychologe Alois Kogler spricht über Probleme, mit denen Athleten während der Coronakrise konfrontiert sind, mögliche Auswege und wie Geisterspiele attraktiver gemacht werden könnten.

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Ein Fan des deutschen Bundesligisten Borussia Mönchengladbach beim Geisterspiel gegen den 1. FC Köln passend verkleidet © AP
 

Wie gehen die Athleten, die Sie betreuen, mit der außergewöhnlichen Situation um?
Alois Kogler: Im Allgemeinen mit Haltung und dem Wissen, es trifft uns alle gleich - es trifft alle Gesellschaften gleich. Also werden auch wir nach Möglichkeiten suchen, wie wir am besten damit umgehen können. Mit manchen kommuniziere ich in dieser schwierigen Zeit mehr, aber im Großen und Ganzen ist es gleich geblieben.

In der Regel haben Sie mit Ihren Klienten persönlichen Kontakt. Weichen auch Sie jetzt auf Videochats aus?
Ausschließlich, wobei das im sportlichen Bereich schon vor der Krise so war und nichts Neues ist, da ja die meisten Sportler bei Wettkämpfen oder Trainingslagern auf der ganzen Welt verstreut waren und ich nicht überall vor Ort sein konnte.

Alois Kogler
Alois Kogler in Diensten des ÖFB im Jahr 2015 Foto © Kleine Zeitung

Ist ein Unterschied zu bemerken, eine Art Barriere, wenn man diese beiden Arten der Kommunikation miteinander vergleicht - Sprichwort Datenschutz?
Natürlich haben wir auch über diese Problematik gesprochen, aber selbstverständlich schon vor der Krise. Andererseits haben wir uns gedacht, es geht allen so, also machen wir es einfach, weil es notwendig und alternativlos war beziehungsweise ist.

Nahezu alle sportlichen Großveranstaltungen wie die Olympischen Spiele, die Fußball-Europameisterschaft oder Tennis-Grand-Slam-Turniere wurden verschoben. Karrierehöhepunkte, auf die die Wettkämpfer jahrelang hingearbeitet haben. Wie kann man verhindern, dass die Betroffenen durch den geplatzten Traum in ein Loch fallen?
Mannschaftssportler haben es in diesem Punkt leichter, weil sie zum Großteil eingeschworene Partien und Freunde sind, da gibt es viel Austausch innerhalb der Teams - und sie sehen eben, dass es den Kollegen ganz gleich geht. Unter dem Motto: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Am schwersten ist es natürlich für jene Athleten, die nach dem jeweiligen Highlight die Karriere beenden wollten oder die sich gerade in der Form ihres Lebens wähnen. Für Sportler ist das Wichtigste, gesund zu sein. Die Frage, ob sie das auch dann sind, wenn die Wettbewerbe stattfinden, beschäftigt sie natürlich. Deswegen rate ich ihnen, alles runterzufahren, in ein regeneratives Training überzugehen, die Zeit dazu nutzen, jetzt nachzudenken und die Tagesabläufe zu organisieren. Und ganz wichtig: sich neue Ziele zu stecken und neu zu sortieren. Viele Sportler berichten mir aber auch, dass sie erleichtert sind, dass einmal für eine gewisse Zeit der Druck von ihnen abfällt.

Viele Sportler, man nehme zum Beispiel Tennisspieler, verbringen im Regelfall den Großteil Ihres Jahres bei Turnieren auf der ganzen Welt, leben in Hotels und sind nur wenige Wochen zu Hause. Eine vermutlich für diesen Personenkreis noch unbekanntere Situation?
Da kann und darf man natürlich nicht alle über einen Kamm scheren. Aber alle, die Familienmenschen sind, ich denke da etwa an Roger Federer, Rafael Nadal oder Dominic Thiem, sind vermutlich einmal froh, ein wenig zurückschalten zu können. Das kann für die sogar eine Wohltat sein.

Aber es kommen ja für viele ja weitere Probleme hinzu, nehmen wir etwa die Fußballer: Die sind es gewohnt, täglich über Stunden im Freien zu trainieren, sich also sportlich zu betätigen, was in diesem Ausmaß derzeit nahezu unmöglich ist. Und auch der Wettkampf fällt weg.
Im Grunde genommen ist das für diese persönlich natürlich eine Katastrophe, ein enormer körperlicher wie auch emotionaler Verlust. Aber man muss diese Zeit als Chance sehen, mit regenerativem Training zum Beispiel die Feinstmuskulatur zu stärken, sich um die Faszien zu kümmern oder die Defizite auszumerzen, die man bisher hatte. Auch die Möglichkeit, Kontrahenten zu studieren, herauszufinden, was diese besser machen, ist jetzt gegeben.

Alois Kogler

Alois Kogler ist unter anderem als Gesundheits- und Sportpsychologe, Psychotherapeut, Coach und Universitätslektor an der Universität Graz tätig. Der Leiter der Expertenkommission der Sportpsychologie des Landes Steiermark betreute bis 2018 den ÖFB und arbeitet mit ÖSV-Fahrern und Olympioniken zusammen.

Sport im Fernsehen erfreut sich guter Einschaltquoten, die Fans sind zurzeit aber zum Nichtzusehenkönnen verdammt. Der frühere DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig forderte deswegen, dem Fußball eine Sonderstellung einzuräumen und sprach sich für die Durchführung von Geisterspielen als "Beitrag zur Zerstreuung und damit für das Wohlbefinden der Menschen" aus. Ein richtiger Ansatz?
Sobald aus medizinischer Sicht keine Einwände bestehen, ja. Allerdings ist Fußball Show und funktioniert ohne Stimmung nicht, wie man beim Spiel zwischen dem LASK und Manchester United gesehen hat. Man müsste die Partien also 'showtechnisch' aufmöbeln. Ich denke da an Jubel, Klatschen oder Gesänge aus den Lautsprechern, vielleicht vergleichbar mit den eingespielten Lachern bei amerikanischen Sitcoms. Ich bin mir natürlich bewusst, dass diese Variante nie den Gang ins Stadion ersetzen könnte, aber zumindest das Erlebnis vor dem Fernseher ein wenig spannender machen.

Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche sagte einst: "Was mich nicht umbringt, macht mich stärker." Können Sportler etwas Positives aus der Coronakrise mitnehmen? 
Dieser Spruch gefällt mir nur zur Hälfte, weil darin nicht das Element der Resilienz enthalten ist. Denn ich werde nur dann stärker, wenn ich mir in der Krise intelligente Ziele setze und mich klug verhalte.

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