Es war die Aussage eines Arztes vor den Olympischen Spielen in Peking 2022, die sie völlig getroffen hat und die sie auch nicht wirklich wahrhaben wollte. „Frau Herzog, Sie werden mich jetzt hassen, aber mit der zweiten Bandscheibenproblematik ist Olympia Geschichte.“ Was macht Eisschnellläuferin Vanessa Herzog? Sie verpasst um sieben Hundertstel Bronze und wird Vierte. „Das war so bitter, da ich permanent mit Schmerzen gelaufen bin. Ja, ich habe mit Olympia eine Rechnung offen.“
In der vergangenen Saison durchlebte die Ferlacherin Phasen, die sie teilweise verzweifeln ließen. „Da waren Tiefpunkte dabei, ich hatte Panikattacken, wollte einfach nicht mehr. Wenn es nicht läuft, denkst du die ganze Zeit nur noch nach. Für mich war es sehr schlimm, weil ich sowas überhaupt nicht kannte. Das war wie ein Burn-out, anders kann ich es mir nicht vorstellen“, teilt die 30-Jährige ihre Gedanken und macht kein Geheimnis daraus, „dass Sportler oft die größten Sensibelchen sind.“ So entschied sich die Weltmeisterin von 2019 nach diversen Gefühls-Achterbahnen sich mit einem Psychologen auszutauschen.
Die heurige Sommervorbereitung absolvierten Vanessa und Tom Herzog wieder auf eigene Faust, ohne ein ausländisches Team. „Ich kann sagen, dass die Batterien aufgeladen sind und ich mich auf meine Stärken konzentrieren konnte. Der zehnwöchige USA-Trip letzte Saison hat immens viel Substanz gekostet, das fiel heuer weg. Wir haben hier viel gearbeitet, von Sprüngen, Sprints, Schnelligkeit und Explosivkraft war alles dabei.“ Das alles brauche sie, um ihre „Geheimwaffe“, die Oberschenkel zu entwickeln. „Was wichtig für meine Position ist“, verdeutlicht Herzog, deren Hüftbeuger letzte Saison zum Spielverderber wurde, was sich dementsprechend auf den Start ausgewirkt hat. „Bisher bin ich ohne Verletzungen durchgekommen, das stimmt mich positiv. Ich habe derzeit richtig Spaß.“
„Ich will an jeder möglichen Schraube drehen“
Die letzten Wochen verbrachte das Duo in Ferlach, die Kraftquelle der zweifachen Europameisterin. „Wenn ich den Tieren zuschauen kann, holt mich das komplett runter. Das genieße ich richtig.“ Doch die Olympiasaison steht vor der Türe und so geht es Mitte September nach Inzell, wo im Oktober die erste Standortbestimmung erfolgt, anschließend wartet in Übersee ein Trainingsblock mit dem amerikanischen Team.
Herzogs Devise ist so klar, wie schon länger nicht mehr: „Alles ist auf Olympia ausgerichtet. Es gibt nur Vollgas, aber ohne, dass ich mich versteife. Ich will an jeder möglichen Schraube drehen.“ Das Eis in Mailand, Schauplatz der Eisschnelllaufbewerbe, wird im Vorfeld zum ersten Mal von den Junioren bei einem Weltcup getestet.