Wär jetzt gern in Rom. Erleben, wie das ist, wenn die Welt zu Besuch kommt und sich zu einer endlosen Gemeinde formiert, vom entgleisten Präsidenten der Supermacht bis zu den Obdachlosen vor den Kolonnaden am Petersplatz, die in der Geschichte Andrea und Davide heißen. Soziologisch so was Ähnliches beim Begräbnis von Lady Di in London als junger Journalist erlebt, klassenlose Gesellschaft for one day. Die trauernden Punks Schulter an Schulter mit 80-jährigen Royalisten neben ihren Klappsesseln und der Thermoskanne, Hyde Park 1997, unvergessen. Der Papst, jetzt aufgebahrt mit Mitra, rotem Mantel und schwarzen, vielleicht orthopädischen Schuhen, wie unser Korrespondent Julius Müller-Meiningen mutmaßt, habe den Unbehausten ein WC eingerichtet, Duschen und jedem von ihnen zwei Mal im Jahr 150 Euro zukommen lassen; sie wollen es sich nicht nehmen lassen, morgen beim Begräbnis dabei zu sein, naturalmente. Wer eine Wasserflasche bei sich hat, muss bei der Personenkontrolle aus ihr trinken: Es könnte sich um Gift oder Explosives handeln. Das alles lässt sich in der heutigen Ausgabe in Erfahrung bringen, man erfährt viel, Bizarres und Beiläufiges, sogar den Dresscode: schwarzer Anzug mit langer, schwarzer Krawatte und einem schwarzen Knopf auf dem linken Revers, die Frauen tragen zum dunklen, langen Kleid schwarze Handschuhe und ein schwarzes Kopftuch. Nur ein Schmuckstück ist gestattet, eine Perlenhalskette.
Erinnerungen werden wach an die Pressefahrt zur Römischen Kurie vor zwei Jahren, mit Christoph Schönborn als Reiseführer. Ihm öffneten sich damals alle Tore, die wir im Gefolge ebenfalls durchschritten. Höhepunkt: der Besuch der Sixtinischen Kapelle, es war spät Abends, die Touristenströme waren längst ins Freie geleitet worden. Für solche Momente der Exklusivität muss man im Vatikan üblicherweise eine hohe vierstellige Summe berappen - oder einen Kardinal mit Papst-Nähe als Türöffner haben. Die bunten Wächter der Schweizer Garde schlugen die Hacken zusammen und salutierten, als sie Schönborn erblickten. Der heitere Wortwechsel auf Alemannisch. Die berühmteste Kapelle der Welt gehörte eine knappe Stunde lang der kleinen österreichischen Abordnung. Der Wiener Erzbischof, damals 78-jährig, erzählte uns auf den Holzbänken, wo er als Stimmberechtigter bei der Wahl von Papst Franziskus gesessen sei, wo das Ofenrohr angebracht war, wie man den Abstimmungsort elektronisch abgedichtet habe, wo im Boden die Störsender eingebaut seien und wie man das Ergebnis auf dem Zettel mit erhobener Hand zwei Mal stumm weitergereicht und erst aus dem Munde des dritten Augenzeugen laut ausgerufen habe.
Morgenpost
Mit dem Kardinal in der Sixtina
© IMAGO / Imago Stock&people