Als Weltklasse-Alpinist verbringt man viel Zeit in fernen Ländern. Spürt man dabei Verantwortung gegenüber sich selbst und denen, die zu Hause geblieben sind?
THOMAS HUBER: Das ist ein ganz schwieriges Thema. Erstens einmal hängen wir Bergsteiger am Leben. Du musst dir ein Selbstpsychogramm erstellen: Warum tun wir das? Warum gehen wir? Ich hab mich mittlerweile, auch durch mein Schreiben, sehr viel selbst hinterfragt. Und habe auch festgestellt, wir werden immer gejagt von diesen Linien am Fels, von diesem Wahnsinn, von dieser Kunst des Bergsteigens. Für mich ist Bergsteigen eine Kunstform, durch die du als Mensch Möglichkeiten hast etwas zu kreieren, das unsichtbar ist. Das ist so gewaltig. Natürlich sind wir gejagt von diesen Linien. Oder sind wir gejagt von unserem eigenen Ego? Und das habe ich dann plötzlich festgestellt. Warum willst du unbedingt diese Latok I-Nordwand in Pakistan gehen? Diese perfekte Linie. Eigentlich spiegele ich mich nur selber in dem, was ich bin und dem, was ich sein möchte. Dieses Heldenhafte. Ich glaube, die wirkliche Freiheit findest du erst dann, wenn du diesen Spiegel zertrümmerst und das Echte siehst und die Gefahren siehst. Wenn du weißt, was du tust, nicht gezogen wirst von deinem Ego, sondern vom Leben getragen wirst, dann kannst du verantwortlich mit dem Bergsteigen umgehen und dann wirst du auch wieder nach Hause kommen. Aber es gibt keine Garantie.

Wie oft ist die Versuchung da, zu sagen: Eigentlich möchte ich dort bleiben in dieser großen Welt der Berge.
Es gibt da einen alten Spruch: ,Bist lång dahoam, megst weg. Bist dånn weg, dann waßt wieder, wo dås Dahoam ist‘. Beides ergänzt sich wunderbar. Man braucht diese Verwurzelung, das Zuhause, diese Traditionen, diese Familie, mit Freunden zusammen zu sein. Um dann wieder losziehen zu können. Und wenn man da draußen ist, das Abenteuer voll lebt, dann merkst du plötzlich, was ist wirklich wichtig. Dann willst du wieder heim, aber man tut sich schwer beim Nachhausekommen, weil man sich natürlich verändert. Wir sind in einer archaischen Welt, wir hocken am Boden, wir essen mit den Fingern. Man lebt in einer anderen Welt, es gibt aber etwas, das wir mitnehmen und lernen durften.


Was ist das?
Ich habe immer gesagt:Hör auf die Natur, da lernst du viel. Die Leute, die nicht zuhören wollen, die lernen gar nichts. Bei der Pandemie hat es uns auch stark getroffen: Keine Aufträge mehr, keine Vorträge. Dann habe ich gemerkt, uns geht es eigentlich super gut. Wir haben Berchtesgaden (sein Bruder Alexander und er leben dort, Anmerkung), und wir können mit wenig auch glücklich sein. Und wir haben plötzlich gemerkt, du brauchst nur einen gewissen Grundstock zum Leben für deine Familie. Das lernen wir beim Bergsteigen, wir reduzieren uns ja beim Bergsteigen auf das Minimalistische hinunter, und merken eigentlich, dass man nicht so viel braucht.


Ist das Bergsteigen eine Schule fürs Leben?
Das Bergsteigen ist eine wahnsinnige Schule, eine Reduktion. Um beim Bergsteigen zu bestehen, musst du die Sprache der Berge verstehen. Und nur, wenn du diese Sprache der Berge wirklich kapierst, dann kannst du überleben.

Weltklasse unter sich bei der Paul-Preuss-Preisverleihung im Messner-Mountain-Museum Sigmundskron bei Bozen: Mich Kemeter, Mikhail Fomin, die jungen argentinischen Brüder Pedro und Tomas Odell, Thomas und Alexander Huber, Heinz Mariacher
Weltklasse unter sich bei der Paul-Preuss-Preisverleihung im Messner-Mountain-Museum Sigmundskron bei Bozen: Mich Kemeter, Mikhail Fomin, die jungen argentinischen Brüder Pedro und Tomas Odell, Thomas und Alexander Huber, Heinz Mariacher
© Andreas Kanatschnig


Kann man nur so gut werden wie Thomas Huber, wenn man über seine Grenzen geht?
Das ist ein falscher Ansatz, du darfst nie über deine Grenzen gehen. Wenn du über deine Grenzen gehst, bist du ein Hasardeur. Du pushst mit deiner ganzen Kraft das Limit nach vorne, aber du sollst nie über das Limit gehen. Wenn du drüber gehst, bist du in einem tödlichen Bereich. Aber ans Limit kannst du gehen. Mit deiner Kraft, mit deinem Können, aber jetzt im Alter schiebt sich diese Mauer wieder zurück. Da relativieren sich die Grenzen. Das ist die Verantwortung. Wenn dein Ego dich dann unbedingt dorthin bringen möchte, dann lebst halt nimmer lang. Das Leben ist einfach wahnsinnig schön.


Die Bergsteiger und Bergsteigerinnen sind wie Propheten, die aus einer anderen Welt kommen, um davon zu erzählen: Kann man anderen vermitteln, was man macht oder bleibt es ein Mysterium?
Teilweise bleibt das für viele ein Mysterium. Es ist nicht ein Berg, den man da sieht: Wir gehen in den Berg, wir sind Teil dieses Projektes, Teil der Linie, das ist so surreal, das ist Kunst. Das ist nicht nur Überleben. Ich bin da auf der Seite von Dean Potter (ein bereits verstorbener Kletter, Anmerkung), das Klettern und Bergsteigen ein Kunstmedium sind. Aber Alexander und ich haben es fertig gebracht, weil wir auch zuhören und uns inspirieren lassen, dass viele Leute aus unseren Vortragssälen rausgehen und sagen: ,Thomas, du hast mir Mut gemacht, ich muss jetzt endlich meinen Job kündigen.‘ Wir schenken mit unseren Vorträgen auch viel Mut, viel Energie. Wenn ich das nicht tun würde, würde ich mein Klettern auch ein wenig hinterfragen, weil wenn du das nur für dich behältst, dann ist es irgendwann nicht mehr existent.

Thomas Huber nimmt den Paul-Preuss-Preis in Sigmundskron entgegen
Thomas Huber nimmt den Paul-Preuss-Preis in Sigmundskron entgegen
© Andreas Kanatschnig