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"Diese Welle ist keine Überraschung. Umso schmerzhafter ist sie"

Wieso Angst in Sachen Covid-Impfung ein schlechter Ratgeber ist und woher die Bedenken vieler Menschen rühren, erklärt Infektiologe Christoph Wenisch. Und er spart nicht mit Kritik an am Pandemiemanagement der Regierung.

Christoph Wenisch
© (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
Christoph Wenisch
Martina Marx
Redakteurin Steiermark-Ressort, Gesundheit

Wie ist die Situation bei Ihnen auf der Station aktuell?
CHRISTOPH WENISCH:
Wir haben 68 Betten auf unserer Infektionsabteilung. Mitten in einer Pandemie sind wir voll belegt, und das ständig. Es wird auch noch ein paar Monate dauern. Ich halte an meiner Erwartung fest, dass diese Pandemie etwa zwei Jahre dauern wird. März, April, Mai – da sollten wir das Schlimmste hinter uns haben.

Wie wird Covid-19 dann aussehen?
Im Winter 22/23 sollte es wie ein grippaler Infekt verlaufen. Warum? Weil die Menschen entweder durch die Impfung immun sind oder die Erkrankung durchgemacht haben werden. Dann werden wir überwiegend milde Verläufe sehen, weil die Antikörper, die dann zirkulieren, den Infekt abschwächen. Sollte keine neue Mutation kommen, wird nur mehr in einzelnen Fällen mit Krankenhausaufenthalten zu rechnen sein.

Weil auch die Maßnahmen nicht mehr so strikt sind wie im letzten Jahr, ist die Wahrscheinlichkeit für eine stärkere Grippe-Welle gegeben. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Möglich wäre das, aber wir haben immer noch anti-epidemische Maßnahmen in Kraft, wie etwa die Maske. Wenn sich zusätzlich viele Menschen gegen die Grippe impfen lassen, schaut es nicht so schlecht aus. Im Moment traue ich mich gar nicht, hier eine Prognose abzugeben. In Australien, das üblicherweise früher von der Influenzawelle betroffen ist, scheint es jedenfalls keine besorgniserregenden Zahlen gegeben zu haben, aber natürlich sind da auch die Maßnahmen nicht unbedingt dieselben.

Grippe & Co.

Der Mythos der Langzeitfolgen nach Impfung hält sich hartnäckig. Mir scheint aber, dass die Langzeitfolgen nach der Infektion oft einfach ausgeblendet werden. Welche gibt es und wieso sind diese in den Augen vieler Ihrer Ansicht nach eher ungefährlich?
Das ist eine Frage von Kenntnis. Die Impfung kann keine direkten Langzeitfolgen auslösen. Das geht technisch nicht, da es sich allesamt um Totimpfstoffe (Anm. auch mRNA- und Vektorimpfstoffe werden zu dieser Kategorie gezählt) handelt. Der Impfstoff wird in den Muskel gespritzt, es bilden sich lokal Eiweiße, die vom Immunsystem erkannt und kurz darauf wieder abgebaut werden. So wird das Immunsystem trainiert und kann im Falle einer tatsächlichen Infektion viel schneller auf das Virus reagieren und es unschädlich machen. Indirekte Folgen wie Myokarditis bei Jüngeren, Thrombosen bei manchen Impfstoffen und Allergien sind bekannte Risiken der Impfung, die im Vergleich zum Nutzen (kein Covid 19, inkl. Long/Post Covid) sehr selten auftreten. Bei der Infektion eines nicht Immunen verteilen sich die Viren im gesamten Körper. Sie können Organe zerstören und chronische Entzündungen auslösen. Die Folge kann ständige Atemnot oder etwa ein ständiges Erschöpfungsgefühl sein, auch wenn die Viren selbst nicht mehr im Körper nachweisbar sind. Das führt zu einer massiven Einschränkung der Lebensqualität. Auch kognitive Probleme sind möglich. Patienten können etwa ein Gespräch nicht zu Ende führen, weil sie sich nicht mehr konzentrieren können. Das sind fürchterliche Phänomene, welche die Menschen mitunter aus der Gesellschaft ausschließen. Long Covid ist leise, aber viele Patientinnen und Patienten sind Opfer dieser Erkrankung. Man kennt ähnliche Folgeschäden auch von anderen Viruserkrankungen, nach einem Jahr sind diese meist vorbei. Doch auch ein Jahr ist eine verdammt lange Zeit. Das wünsche ich niemandem.

Hier kommen dann auch ökonomische Folgen zum Tragen, etwa Jobverlust.
Absolut. Jobverlust, einhergehend mit Perspektivenlosigkeit, das kann sehr schnell gehen, wenn man sein gewohntes Leben einfach nicht mehr leben kann. Depressionen sind ebenso häufige Folgeerkrankungen. Jeder einzelne Fall, den man hier verhindern kann, ist wichtig. Long Covid kann man durch eine Impfung sehr gut verhindern. Besonders in jenen Altersgruppen, 20 bis 40 Jahre alt, die sich nun wenig impfen lassen, weil sie glauben, sie haben, wenn sie sich infizieren, lediglich einen milden Verlauf.

Ein Covid-Patient erzählt

Wieso lassen sich die Folgen der Erkrankung und die Vorteile der Impfung so schwer transportieren?
Wenn ich all die bekannten Risiken, die in den letzten Monaten durch die Medien gegangen sind, zum Beispiel Herzmuskelentzündungen oder Sinusvenenthrombosen nummerisch bewerte, dann ist völlig klar, dass die Krankheit viel mehr Schaden anrichtet, als die Impfung. Das ist eine einfache faktenbasierte Entscheidung. Viele Menschen entscheiden aber emotional. Wenn ich emotional entscheide, dann wird es schwierig. Sobald ich vor etwas Angst habe, bin ich wie in einem Tunnel und dann mit rationalen Argumenten auch schwer zu erreichen. Die Angst, die bei so vielen Menschen im Moment vorherrscht, ist die Folge eines Vertrauensverlustes.

Woher rührt dieser Vertrauensverlust?
Es ist ein Vertrauensverlust in die Entscheidungsträger. Eine klare nachvollziehbare antipandemische Strategie, nach der die unterschiedlichen Phasen (Wellenberge und -täler, pharmakologische und nicht pharmakologische Maßnahmen, Kommunikation) gemanagt werden, gab es von Anfang an nicht. Es wurden stattdessen Debatten geführt, die völlig entbehrlich waren.

Was meinen Sie konkret?
Etwa die Aussagen „Mit der Impfung wird alles gut.“ oder „Die nächste Woche wird entscheidend“ oder „Das Virus kommt mit dem Auto“ oder „ein gutes Immunsystem reicht aus“ oder „Vitamin C, D und Zink schützen“ etc. Bislang wurde politisch ein medizinisches Problem behandelt, aber mir fehlt der medizinische Lead in dieser Pandemiebekämpfung. Wir hätten diese Expertinnen und Experten in der Ages und anderswo. Aber was hat man von unseren Entscheidungsträgern gehört? „Wenn ich die Experten frage, bekomme ich von drei Ärzten zehn Meinungen.“ Deren Meinung und Expertise ist so als irrelevant dargestellt worden.

Impfmythen erklärt

Wie könnte man die Menschen nun noch dazu bewegen, mit zu tun?
Das ist sehr schwierig. Im Moment ist die Glaubwürdigkeit weg, das Vertrauen ist weg, die Angst da. Aus diesem Grund ist die Impfrate so niedrig. Zu dem Zeitpunkt, wo genug Impfstoff vorhanden gewesen wäre, wollten es nicht mehr ausreichend Menschen machen, um die vielen Todesfälle, die uns jetzt noch bevorstehen, zu verhindern. Schwere Erkrankungen und Todesfälle könnten wir mit der Impfung verhindern, diese Option haben wir im Sommer nicht genutzt. Obwohl wir wussten, was auf uns zukommt. Diese Welle ist keine Überraschung. Umso schmerzhafter ist sie.

Können Sie sich noch an Ihren erste Covid-Patientin erinnern? Und was hat sich seitdem in der Behandlung verändert?
Alles. Da blieb kein Stein auf dem anderen. Wenn ich an all das denke, was wir versucht haben. Antivirale Therapie mit Chloroquin, war nutzlos. Ivermectin hat sich ebenso als schlecht herausgestellt. Remdesivir haben wir gegeben, nicht früh genug, wie sich später herausstellte. Der erste Durchbruch, der uns geglückt ist, war die Bauchlagerung – das war schon im März, April letzten Jahres. Diese Entscheidung damals war sehr schwierig. Denn zu diesem Zeitpunkt waren wir mit dieser Therapie eher allein. Das hat sich aber glücklicherweise bewährt. Das war ein großer Erfolg und wir konnten viele negative Verläufe verhindern. Seit dem Sommer haben wir ein Medikament, das die antientzündliche Therapie verändert hat. Und wir haben die monoklonalen Antikörper, die wir Menschen geben können, die keine Antikörper bilden können. Das sind zwei Verbesserungen in der Therapie. Vor allem die Antikörper geben wir seit Monaten mit Erfolg.

Die Impfung ist der „Sieg“ gegen die Krankheit, nicht der „Sieg“ gegen die Infektion.

— Christoph Wenisch

Vor gut einem Jahr, als diese Impfstoffe zugelassen wurden, war Euphorie vorhanden. Die wird auch in dem Foto von Ihnen transportiert, das um die Welt gegangen ist. Wieso war diese Euphorie nicht nachhaltig?
Der schon angesprochene Vertrauensverlust ist ein Faktor. Das fehlende Verständnis ein weiterer. Man muss es so erklären, dass es jeder verstehen kann. Die Antikörper, die durch die Impfung gebildet werden, schützen mich vor der Erkrankung. Sie schützen mich nicht vor der Infektion oder vor einem milden Verlauf. Das ist auch nicht wichtig, denn es ist egal, ob ich drei Tage einen Schnupfen habe oder nicht. Aber ich möchte nicht einen Schnupfen haben, der sich ausbreitet auf die Lunge und den restlichen Körper und diesen dann zerstören kann. Diese Ausbreitung im Körper kann ich mit der Impfung verhindern. Die Impfung ist der „Sieg“ gegen die Krankheit, nicht der „Sieg“ gegen die Infektion.

Der Aufruf zum dritten Stich scheint nun das letzte Vertrauen in die Impfung zerstört zu haben. So unter dem Motto: Bringt ohnehin nichts. Aber dieses Zwei-Dosen-Schema war doch nie in Stein gemeißelt, oder? Wie würden Sie dies erklären?
Zu sagen, dass eine Impfung die Pandemie beendet, war ein kommunikativer Fehler. Das Zwei-plus-Eins-Schema ist aus heutiger Sicht das optimale. Wir wissen noch nicht, wie lange der Schutz anhalten wird, das muss man einfach klar kommunizieren. Aber dieses Schema ist nichts Ungewöhnliches. Wir kennen das auch von FSME- oder Hepatitis-Impfungen. Wir sind in einer Geschichte, die sich ändert, da ist nichts in Stein gemeißelt. Daran müssen wir uns einfach gewöhnen.

Situationen, in welchen Fakten negiert werden, wenn Sie jeden Tag die Menschen sehen, die erkrankt sind, um ihr Leben kämpfen – wie gehen Sie damit um? Handy aus?
Ja, Handy aus ist manchmal eine Option. Aber ich versuche auch das Negieren als Reaktion auf eine kollektive Kränkung zu verstehen. Ich denke an Erwin Ringel, der, als ich Student war, ein Buch über die österreichische Seele geschrieben war. Ein Sager daraus war: Alles was kränkt, macht krank. Aber umgekehrt kränkt auch Krankheit. Durch die Pandemie sind wir jedenfalls alle gekränkt worden. Die Maske, die Lockdowns, die sich laufend ändernden Maßnahmen, die Veränderungen in unserem Lebensalltag, all das ist kränkend. Eine Reaktion darauf ist, den Kopf in den Sand zu stecken. Einige praktizieren die „Kopf in den Sand“-Strategie und sagen nichts. Andere reagieren mit dem Floriani-Prinzip: „Heiliger Sankt Florian / Verschon’ mein Haus, zünd’ and’re an!“ Corona gibt es, aber mich betrifft es nicht. Da gibt es sogar Politiker, die behaupten: Ich habe ein gutes Immunsystem, aber das von anderen ist schlecht. Aus dem Grund werde ich nicht krank (und muss mich an keine Maßnahmen halten, brauche keine Impfung), der andere schon. Auch diese Einstellung, Probleme nur dann wahrzunehmen, wenn man selbst direkt davon betroffen ist, das ist ein typischer Kränkungsreflex. Durch die sozialen Medien und die Individualisierung der Gesellschaft wird dieser Reflex verstärkt. Es ist nicht die richtige Strategie der Kränkung Raum zu geben. Die Pandemie ist für mich wie ein Fußballmatch, in dem wir alle Spieler sind und auf dem Feld stehen. Im Moment gibt es leider immer noch manche, die glauben, dass sie Zuschauer sind oder auf der Bank sitzen. Aber wir müssten alle gemeinsam gegen den Gegner antreten. Ein guter Teamchef, der sagt , wie wir am besten aufgestellt sind, wäre auch hilfreich für unseren Erfolg.