Entwicklung wie 2020?Wie schnell sich die Infektionsdynamik verändern kann

TU-Experte Martin Bicher sagt, ein Übergreifen der Infektionen auf vulnerable Altersgruppen wird durch Impfquote nur verlangsamt. Dennoch könne die Dynamik auch wieder diese Gruppen erreichen.

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Illustration by Schanes
"Wir rechnen zwar damit, dass dieses Überschwappen durch die Impfquoten in den vulnerablen Altersgruppen langsamer vonstattengehen wird, passieren wird es aber wohl", sagt Simulationsforscher Martin Bicher. © (c) As13Sys - stock.adobe.com (Schanes)
 

Während das Covid-Prognosekonsortium rasch steigende Infektionszahlen für Österreich vorhersagt, stagnieren indes annähernd die Erstimpfungen - eine ausreichende Durchimpfungsrate scheint in weiter Ferne. Laut AGES-Zahlen gab es zuletzt zwar die meisten Neuansteckungen in der Altersgruppe zwischen 15 und 24 Jahren, doch Simulationsforscher Martin Bicher von der TU Wien warnt vor dem "Überschwappen" auf vulnerable Altersgruppen und erinnert an die Entwicklung im Vorjahr.

Aktuell habe die vulnerable Bevölkerungsgruppe im Alter von 60 Jahren und darüber noch weniger als zehn Prozent Anteil am Fallgeschehen und eine kaum sichtbar wachsende Dynamik, so der Experte. "Die Erfahrungen zeigen, dass die Infektionsdynamik schnell auch im Laufe einer Infektionswelle in andere Altersgruppen überschwappen kann", ab wann mit einer kritischen Belastung der Intensivstationen (Intensive Care Unit - ICU) und insgesamt der Krankenhausbetten zu rechnen sei, wäre aktuell wegen der starken Abhängigkeit von der Altersstruktur der Fälle schwer absehbar. "Wir rechnen zwar damit, dass dieses Überschwappen durch die Impfquoten in den vulnerablen Altersgruppen langsamer vonstattengehen wird, passieren wird es aber wohl."

Großbritannien: Ein Blick in die Glaskugel

Er verweist dabei auf die aktuellen Intensivbelagszahlen aus Großbritannien, die nun mit leichter Verzögerung langsam steigen. Würde dies auch in Österreich erfolgen, so habe sich im Vergleich mit dem Vorjahr "eigentlich nichts an den Kapazitätslimits geändert", und da wurde es mit rund 2.000 bis 4.000 täglichen bestätigten Neuinfektionen "langsam enger", und bei spätestens 7.000 ging es in die Nähe der Auslastungsgrenze. Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) äußerte am gestrigen Donnerstag erneut die Meinung, dass nicht die Inzidenzen, sondern die Hospitalisierungszahlen entscheidend seien. Hierzu weist der Simulationsforscher darauf hin, dass sowohl Belags- wie im weiteren Verlauf auch die Todeszahlen immer erst mit einem starken Zeitverzug zu den Inzidenzen gestiegen sind, "darum ist neben dem Monitoring der Belagszahlen natürlich auch jenes der Inzidenzen entscheidend". Und vor etwa einem Monat war das Fallgeschehen in UK noch sehr ruhig.

Erstimpfungen stagnieren

Aktuell liegt Österreich bei der Quote der Gesamtimmunisierten knapp über dem EU-Schnitt, und erst 43,4 Prozent der Österreicher sind voll immunisiert, inzwischen stagnieren die Erstimpfungen jedoch. Erst eine Durchimpfungsrate von etwa 70 bis 85 Prozent werde in etwa ausreichen, um das Virus hinreichend einzudämmen, hob Bicher unter Hinweis auf das "Policy Briefing" des Prognosekonsortiums hervor.

"Vollständig überholt" habe sich in Anbetracht der Delta-Variante der alte Ansatz, dass 66 Prozent reichen würden, hält Bicher fest. "Durch die Varianten ist auch die Basisreproduktionszahl gestiegen. Sie dürfte aktuell wohl in der Nähe von sechs liegen". Des Weiteren gehe es nie nur um Geimpfte, sondern stets um Immunisierte, und "ob diese Immunität nun durch Impfung oder Vorerkrankung erworben wurde, spielt hierbei keine Rolle". In diesem Licht, würde eine Impfrate von 70 bis 80 Prozent wohl auch nicht ausreichen, um eine Welle zu verhindern, "aber sie wird voraussichtlich dazu beitragen, dass sie klein genug bleibt, um ohne Maßnahmen das Überlasten des Systems zu verhindern".

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