Bitte warten - Ihr Zugang wird eingerichtet.

Welt-Adipositas-TagÜbergewicht im Schatten der Coronapandemie

Übergewicht und Adipositas in Österreich – die Zahlen steigen dramatisch und dürften durch Covid-19 noch einmal kräftig anziehen. Während sich im Volksmund der Mythos hält, exzessive Kilos seien ein reines Indiz mangelnder Selbstdisziplin, hat die Medizin längst andere Antworten.

© Jürgen Fälchle - stock.adobe.com
 

Der "World Obesity Day" steht im Schatten von Corona, der Kampf gegen Übergewicht bleibe vielfach auf der Strecke. Dabei wären adäquate Therapieangebote wichtiger als je zuvor, betonte das Vorsorgeinstitut SIPCAN (Special Institute for Preventive Cardiology And Nutrition). Gerade starkes Übergewicht würde das Risiko für einen schweren Covid-19 Verlauf erhöhen. Adipöse haben nicht nur ein deutlich erhöhtes Risiko für eine Hospitalisierung bei Corona, sie benötigen auch eher intensivmedizinische Behandlung und weisen ein erhöhtes Todesrisiko auf. Übergewichtige würden sich auch eher infizieren als Normalgewichtige. 

3,7 Millionen Österreicher über 15 Jahre haben ein Körpergewicht, das krank macht, sie sind übergewichtig oder adipös. Das ist mehr als die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung. 35 Prozent von ihnen sind übergewichtig, 16,5 Prozent adipös. Übergewicht und Adipositas haben komplexe Ursachen, die zu zahlreichen Folgeerkrankungen führen und nach präventiven und therapeutischen Ansätzen verlangen.

BMI berechnen

Der Body-Mass-Index (BMI) gibt an, ob das Verhältnis von Körpergewicht zu Körpergröße „normal“ ist oder ob man unter- oder übergewichtig ist.
So wird er berechnet: Körpergewicht in kg dividiert durch Körpergröße in Metern zum Quadrat. Als Normalgewicht gilt ein Wert zwischen 18,5 und 24,9.

Joakim Huber, Präsident der Österreichischen Adipositas Gesellschaft (ÖAG) und Vorstand der Abteilung für Innere Medizin im Franziskus Spital in Wien, meint anlässlich des heutigen Welt-Adipositas-Tages dazu: „Adipositas ist eine Erkrankung, bei der viele Faktoren eine Rolle spielen. Wichtig ist das individuelle Umfeld der Betroffenen. Das sogenannte ,adipogene Umfeld' beschreibt alle Faktoren, die Menschen mit Adipositas dazu verleiten, Entscheidungen zu treffen, die zu einem Kalorienüberschuss führen."

Adipositas

Ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 gilt man als fettleibig (adipös). Bei Erwachsenen, die einen BMI von mehr als 30 haben oder bei einem BMI von mehr als 25 bereits Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck haben, ist jedenfalls eine Gewichtsreduktion erforderlich.

Betroffenen zu raten, dass sie ‚einfach nur‘ weniger essen und sich mehr bewegen sollen, sei daher nicht ausreichend, so Joakim Huber. Die Basis für eine erfolgreiche und nachhaltige Gewichtsreduktion ist eine Änderung des Lebensstils und des Verhaltens. Dazu gehören eine Analyse des individuellen Umfeldes sowie Beratungen zur Umstellung der Ernährungsgewohnheiten und zur Steigerung der körperlichen Bewegung.

Ursachen der Adipositas

  • Ein Ungleichgewicht zwischen Energiezufuhr (durch Nahrungsaufnahme) und Energieverbrennung (körperliche Aktivität) kann zur Gewichtszunahme führen
  • Lange Pendelfahrten und Schreibtischjobs erschweren den Zugang zu körperlicher Aktivität
  • Nicht überall besteht die Möglichkeit zum Laufen, Radfahren oder Spazierengehen
  • Kleine Phasen erhöhter körperlicher Aktivität während des Tages können von Vorteil sein

Nahrung mit geringer Kaloriendichte

Ziel sollte sein, energiedichte Nahrung (vor allem Süßigkeiten oder gesättigte Fette) durch Nahrung mit geringer Kaloriendichte und hohem Nährstoffgehalt (vor allem Obst und Gemüse) zu ersetzen und sich mehr und regelmäßig zu bewegen. Joakim Huber: "Der richtige Zugang wäre, alle verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten in einem multiprofessionellen Team individuell auf den Patienten abzustimmen. Dazu gehören neben der Lebensstiländerung als Basis auch medikamentöse Therapien und die bariatrische Chirurgie.“

Jeder dritte Bub, jedes vierte Mädchen

Besonders erschreckend: Bereits im Kindesalter ist Übergewicht ein immenses Problem. Schon mit 8 Jahren sind jeder dritte Bub und jedes vierte Mädchen übergewichtig oder adipös.

Damit sind oft bereits im Kindesalter die Grundsteine für gewichtsbedingte Krankheiten gelegt, denn: Adipositas ist nicht nur eine komplexe Ernährungs- und Stoffwechselkrankheit, die mit zunehmendem Gewicht weiter eskaliert. Sie ist auch Treiber für Folgekrankheiten, wie Bluthochdruck, Diabetes, das „metabolische Syndrom“, das zu Schlaganfall und Herzinfarkt führen kann, und sogar Krebs. Schockierend zudem: Adipöse Menschen in Österreich haben ein im Schnitt um 2,6 Jahre vorgezogenes Lebensende – nur aufgrund des Gewichts.

Menschen werden noch immer stigmatisiert

Obwohl Übergewicht komplexe Ursachen hat, werden adipöse Menschen bis heute stigmatisiert und erhalten zudem oft viel zu spät medizinische Hilfe. Das geht auf Kosten der Betroffenen, der Gesundheitskassen und der Wirtschaft.

Laut OECD-Daten gehen Industriestaaten rund 3,3 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes durch Übergewicht verloren. Das exzessive Gewicht macht erwerbsunfähig, das Ergebnis sind Arbeitsausfälle und verfrühte Pensionierungen. Geschätzte 8 Prozent der Gesundheitsausgaben in Österreich fließen in die Behandlung von Adipositas und ihre Folgekrankheiten. Das hieße beispielsweise ganze 3,5 Milliarden Euro allein im Jahr 2019.

Die Zahl an Betroffenen steigt weiter stark an, sie hat sich laut WHO seit 1975 verdreifacht. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis auch europäische Länder wie Österreich von der Kostenlawine überrollt werden – wie es in den USA längst geschehen ist.

Teufelskreis des Hungers

Bedingt durch Genetik und Umwelt ebenso wie durch natürliche ‚Hungertreiber‘ wie etwa Stress kommt es bei Adipositas zu einer Vermehrung von hormonaktivem Viszeralfett (Bauchfett) mit weitreichenden Folgen. Dieses Fett schickt auch Heißhungersignale ans Gehirn. Fazit: Je dicker der Bauch, desto dicker der Hunger, desto dicker der Bauch. Ein Teufelskreis.

Durch die schrittweise Reduzierung von Gewicht lässt sich sogar bei bereits entstandenen Krankheiten eine Umkehr erreichen. Schon 5 bis 10 Prozent Gewichtsreduzierung kann bei übergewichtigen Menschen zu einer Verbesserung von gewichtsbedingten Krankheiten wie Bluthochdruck führen.