Bei Erwin und Patrizia Sabathi klingt Wein nicht nach Schwere, sondern nach Stadionhymne. 375 Jahre Tradition feiern sie heuer – und reden doch lieber über Zukunft als über Patina. „Unsere Weine sollen reifen, nicht altern“, sagt Erwin. Ein Satz wie ein Schnitt. Patrizia nickt und greift im Podcast „Wein, Wahrheit oder Pflicht“ zu einem Bild, das bleibt: „Bon Jovi.“ Langlebig, elegant, manchmal rockig. Genau so soll Sauvignon Blanc schmecken. Genau so Chardonnay.

Keine Eintagsfliegen, keine Mode-Trüben. „Wir bleiben klassisch“, sagt Erwin. „Beständigkeit schlägt Trend.“ Herkunft ist der Code. Pössnitzberg, Schluff und Kalk, Burgund im steirischen Dialekt. Keine Eingriffe, keine Maskerade, eigene Hefen. „Nur wenn wir nicht eingreifen, transportieren wir die Lage eins zu eins“, sagt Patrizia. Selbst die Fässer müssen vergleichbar sein – sonst redet das Holz lauter als der Boden. Tradition ist hier Werkzeug, kein Denkmal. Immer Kreislauf, nie Monokultur. Heute blöken wieder Schafe zwischen den Reben, liefern Ruhe und Dünger.

Biodiversität ist kein Etikett, sondern Alltag – bis zur Smaragdeidechse, die am Hausgarten huscht. „Früher selten, heute wieder überall“, sagt Erwin. Ein grünes Gütesiegel auf vier schnellen Beinen. Reife ist Programm – und Vorrat. Ältester Jahrgang im Keller: 1968. Der legendäre 2003er Sauvignon? Bei der „VieVinum“ im weltweiten Feld als Platz 3 auf dem Podest, hinter zwei weißen Bordeaux, zum Bruchteil des Preises. 1800 Flaschen legte Sabathi damals zurück, 2009 kamen sie in den Verkauf. Erst Stirnrunzeln und als „Restposten“ abgetan, dann nach dem ersten Schluck aber Begeisterung. Kurz danach: ausverkauft. Die Lektion: Ein guter Wein wird geschmeidiger, nicht müde. Reife verkauft – wenn der Wein reifen darf.

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Und das Weinland Steiermark? Einst Bühne des Habsburgerreichs, nach dem Ersten Weltkrieg auf ein kümmerliches Zehntel gestutzt. Fast vergessen, bis Sauvignon Blanc es zurück ins Rampenlicht holte – nicht durch Ministerien und Marketingbudgets, sondern durch Winzerinnen und Winzer, die einfach gute Arbeit machten. „Ein Land wird nur durch Unternehmer groß“, sagt Erwin. Politik kann applaudieren, aber die Flaschen füllen andere. Was hilft, ist ein klarer Stil, ohne Uniformpflicht. Denn am Ende redet ohnehin jeder Keller mit: Bakterien, Hefen, unsichtbare Hauscharaktere, die sich nicht ins Parteiprogramm pressen lassen.

Und dann das Klima. Kein Schlagwort, sondern nackte Zahl. Gemeinsam mit den STK-Weingütern haben die Sabathis ein Netz aus Sensoren über die Lagen gespannt. Erste Überraschung: Ausgerechnet die als kühl verschriene Riede zeigte im Jahresmittel ein Grad mehr als die „warme“. Der Grund? Nicht das Klischee, sondern das Timing der Spitzen – wann die Hitze kommt, wann die Kälte. Genau da entscheidet sich, ob Sauvignon finessenreich bleibt oder breit wird. Die Konsequenz? Biobewirtschaftung, lebendige Böden statt Salz und Spritzmittel. „Große Weine werden im Weingarten geboren“, sagt Patrizia.

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Rollenbilder? Keine Schablonen. Erwin verantwortet den Keller. Patrizia steuert Export und Marke. Entscheidungen? Gemeinsam. Social Media? Ja, wenn’s hilft. Aber der Fasskeller bleibt fotofrei. „Wer erleben will, muss kommen“, sagt sie. Neugier ist der beste Vertrieb. Größenordnung? 56 Hektar eigen, 30 Hektar Vertragsflächen. Bio heißt: kleinere Beeren, mehr Konzentration, weniger Ertrag. Export: ein Viertel bis ein Drittel, viel indirekt. Doch die liebste Flasche bleibt jene, die in Leutschach gekauft wird. „Lieber zwei Paletten weniger in Amerika als ein Flug mehr“, sagt Erwin.

Konfliktlust? Eher Diplomatie. Auf die Podcast-Pflichtfrage nach dem „schlechtesten Kollegenwein“ gibt’s die feine Englische und eine Flasche für die Zuhörer. Und am Ende bleibt Bon Jovi im Hintergrund, Smaragdeidechse im Vordergrund, ein Keller, der nicht glitzert, sondern atmet. 375 Jahre sind hier kein Deckel auf der Vergangenheit, sondern ein Trichter in die Zukunft. Langspielzeit statt Single-Hit. Und irgendwo zwischen Sensorendaten und Eidechsen hallt vor allem ein Satz nach, wie ein Schlussakkord: ‚Wir sind vielleicht ein bisserl altvaterisch – oder schon der Zeit voraus.‘

26. Weinkost, Pogusch am 15.06.2018,kleine zeitung weinkost 2018

Erwin Sabathi und Ehefrau Patrizia Sabathi
Erwin Sabathi und Ehefrau Patrizia Sabathi bei der 26. Weinkost am Pogusch. © Jürgen Fuchs