Wenn man an diesem Tag am Eichberg steht, sieht man nicht viel – der Nebel hängt tief. Aber Daniel Jaunegg wirkt, als hätte er das Panorama im Kopf. „Sonst schaut’s ja schön aus“, sagt er und grinst. Steil fällt der Hang unterhalb des Hofes ab, Reben wie mit dem Lineal gezogen. Es ist einer dieser Orte, an denen man sofort spürt: Hier ist Wein nicht Job, sondern Lebensform.
Seit 50 Jahren gibt es das Weingut Jaunegg. Daniel ist die zweite Generation. „Ab 16 war für mich klar: Ich will Wein machen. Und zwar möglichst gut.“ Das „gut“ hat er für sich neu definiert – nicht im Sinne von glanzpolierten Früchten und makelloser Laborästhetik, sondern im Sinn von: Wein, der nichts braucht außer Trauben.
Der Auslöser: Jasmin. Seine Frau kam in den Betrieb, frisch in der Sommelierausbildung, und stellte Fragen. Viele Fragen. „Warum Hefe? Warum Schwefel? Warum überhaupt Zusätze?“ – „Weil ich’s so gelernt hab“, war seine Standardantwort. Irgendwann merkte er selbst: Das reicht nicht.
Heute wird im Keller nichts mehr hinzugefügt. Keine Schönung, keine Reinzuchthefe, kein Schwefel. „Aber das geht nur, wenn man dem Wein Zeit gibt – ein Jahr, oft eineinhalb, bevor er in die Flasche kommt.“ Das Ergebnis: kleinerer Ertrag, intensivere Beeren, mehr Struktur. „Für den Gaumen ein Vorteil, für die Menge ein Nachteil.“
Auch bei den bestehenden Kunden gab es einen klaren Bruch. „Von den treuen Stammkunden der Anfangsjahre ist kaum jemand geblieben“, erzählt Jaunegg rückblickend. „Doch gleichzeitig haben sich plötzlich völlig neue Türen geöffnet – vor allem international.“
Ein Beispiel: Belgien. Dort habe man die neue Linie vom ersten Moment an verstanden. Die Reaktion sei nicht ein zögerliches „anders“, sondern ein begeistertes „großartig“ gewesen.
So mühelos wie es klingen mag, war dieser Wandel jedoch keineswegs. Jaunegg spricht offen von schwierigen Phasen – Durststrecken, und damit meint er nicht den fehlenden Wein im Glas. Wirtschaftlich sei die Neuausrichtung ein echtes Wagnis gewesen. „Es war ein bisschen wie in der eigenen Familie“, sagt er. „Man muss den Schritt einfach gehen – das Verständnis und die Wertschätzung kommen oft erst später.“
Was ihn antreibt, ist eine Haltung. Er vergleicht seinen Wein mit einem Mozart-Klavierkonzert – elegant, feingliedrig, nicht für jedermann, aber mit Geschichte und Tradition. Tradition, die er nicht museal versteht, sondern lebendig. „Ohne Zusätze Wein zu machen, ist die höchste Kunst. Das ist zurück zu den Wurzeln – nur sauberer.“ Draußen, im Steilhang, ist das Handwerk körperlich spürbar. Maschinen sind hier Ausnahme, Handarbeit ist die Regel. „Unsere Arbeit ist aufwendiger und teurer als im Flachland. Aber genau das macht’s aus.“ Seine Eltern arbeiteten noch konventionell, heute ist der Weingarten vielfältiger, begrünt, voller Leben. „Keine Monokultur mehr, auch wenn’s Weinbau heißt.“
Über Technologie redet er nüchtern. KI, Automatisierung? „Im Weingarten arbeiten wir mit der Natur, nicht mit einem Algorithmus.“ Social Media hingegen hat er schätzen gelernt – allerdings über Jasmin, die Instagram betreut. „Schickt man eine Mail nach Kopenhagen? Da antwortet keiner. Sendet man eine Nachricht auf Insta, gibt es bereits zwei Minuten später eine Reaktion.“
2024 brachte eine Zäsur: ein Unfall im Weingarten, Absturz mit dem Traktor, Riesenglück im Unglück. Was blieb, war das Staunen über die Anteilnahme. „So viele Kollegen haben Hilfe angeboten. Das war berührend.“ Seitdem trifft er Entscheidungen schneller – und überlegt zweimal, ob jeder Arbeitsschritt sein muss.
Klimawandel? Am Eichberg dank Höhenlage derzeit kein Drama, die Säure bleibt stabil. Wichtig sind für Jaunegg Sorten wie Welschriesling, die hier „immer da waren“. Preise und Auszeichnungen nimmt er mit, wenn sie kommen. „Wir machen Wein, der uns schmeckt. Wenn andere das gut finden – super. Aber wir laufen nicht Trends hinterher.“ So entgeht er auch dem Druck, es allen recht zu machen. „Früher hab ich gehofft, dass der neue Jahrgang wieder gefällt. Heute ist mir wichtiger, dass wir zufrieden sind.“
Und vielleicht ist es genau das, was man im Glas spürt: die Ruhe, die Beharrlichkeit, den Widerstand gegen schnelle Kompromisse. Jaunegg fasst es selbst am besten zusammen: „Vielleicht haben wir’s auch besonders gern ein bisschen schwieriger.“