In einem Eck des Café Schopenhauer in der Nähe des AKH Wien herrscht konzentrierte Stille. Auf den Tischen Schachbretter, um sie herum Spielerinnen, die fokussiert die Figuren über das Spielfeld bewegen. Der Schachverein für Frauen „Frau Schach“ trifft sich alle drei Wochen zum Spielen. Die 33-jährige Sonja bestreitet ihr erstes Spiel im Verein: „Mein Freund und ich haben chess.com entdeckt, jetzt spielen wir regelmäßig gegeneinander oder gegen Fremde aus dem Internet.“

Der Denksport erlebt eine Renaissance. Während das Spiel einst als Sport der Intellektuellen galt, begeistert es jetzt ein breites Publikum. Junge Leute entdecken die Faszination – online oder in Vereinen. „Wir wollten mit ‚Frau Schach‘ eine Atmosphäre schaffen, in der sich Spielerinnen ohne Druck entfalten können“, erklärt Dagmar Jenner, Obfrau von „Frau Schach“. Vom Verein gibt es auch Ableger in Graz und Bregenz.

Das Spiel der Könige: Auf eine Partie ins „Café Schopenhauer“ in Wien
Das Spiel der Könige: Auf eine Partie ins „Café Schopenhauer“ in Wien © Frauschach.at

Mehr als nur ein Spiel

Dieses Video könnte Sie auch interessieren

Schach hat eine lange Geschichte, die sich über Jahrhunderte erstreckt. Michael Ehn, Schachhistoriker und Inhaber des letzten Schachgeschäfts in Österreich, führt die Ursprünge des Spiels auf das heutige Indien zurück. Von dort gelangte es über Persien nach Europa. Anfangs nach Spanien und Sizilien, bis es sich um etwa 900 nach Christus auf dem Kontinent etablierte. „Bemerkenswert ist, wie weit sich das verbreitet hat – selbst bis nach Grönland. Schachfiguren waren begehrte Handelsware“, sagt Ehn.

Im Mittelalter veränderte sich das Spiel stark. „Die Regeln wurden angepasst, die Dame bekam mehr Bewegungsfreiheit, und Schach wurde schneller und dynamischer“, erklärt Ehn. In den letzten 150 Jahren professionalisierte sich das Spiel durch internationale Turniere und die Gründung des Weltschachbundes FIDE im Jahr 1924.

Unter anderem ausschlaggebend für den aktuellen Schachboom war die Netflix-Miniserie „Das Damengambit“. Die Geschichte der fiktiven Schachspielerin Beth Harmon fesselte Millionen. „Mitten in der Pandemie hatten wir eine riesige Nachfrage“, erinnert sich Jenner. „Frauen haben sich bei uns gemeldet, die vorher nie über Schach nachgedacht hatten.“ Schachbretter waren zeitweise ausverkauft.

Neben „Das Damengambit“ tragen auch Social-Media-Plattformen zur Beliebtheit des Denksports bei. Auf YouTube, TikTok & Co ziehen Schach-Influencer wie „GothamChess“ ein Millionenpublikum an. Der US-Schachspieler, der für seine humorvollen Erklärvideos bekannt ist, geht in diesem Jahr sogar auf Europatournee. Auch ein Stopp in Wien ist geplant. „Schach ist nicht mehr nur ein stilles Hobby“, sagt Jenner. „Die jungen Leute sehen ihre Vorbilder online, sie kommentieren Partien, nehmen an Livestreams teil.“ Plattformen wie „lichess“ oder „chess.com“ verbinden Spieler weltweit.

Immer schneller, immer jünger

Auf so einer Plattform spielt auch der 20-jährige Raphael: „Auf die Idee kam ich durch ‚Das Damengambit‘. Jetzt spiele ich regelmäßig online. Da kann man die Spieldauer eigentlich so einstellen, wie man grad Lust und Zeit hat. Es spielen jetzt auch schon einige meiner Freunde, mit denen treffe ich mich dann auch persönlich für eine Partie.“

Früher dauerten Partien vier bis fünf Stunden – heute ist Blitz- und Schnellschach populär. „Das wirklich klassische Schach, mit stundenlangen Partien, ist selten geworden“, erklärt Ehn. „Elektronische Medien haben den Sport stark verändert. Die Bedenkzeiten werden immer kürzer, das Spiel wird schneller. Es wird zu einer Mischung aus eSport und klassischem Denksport. Mittlerweile beginnen viele Spieler bereits im Alter von vier bis fünf Jahren zu trainieren.“

Im April des Vorjahres schrieb Dommaraju Gukesh Geschichte: Mit 18 wurde der Inder zum jüngsten Schachweltmeister aller Zeiten. Gukesh gehört zu einer neuen Generation von Talenten, die durch Online-Plattformen, KI-gestützte Analysen und intensives Training früh hohes Niveau erreichen. Sein Erfolg zeigt, dass der Sport immer jünger wird. Eine Entwicklung, die Michael Ehn bestätigt: „Früher lag der Höhepunkt der Schachkarriere zwischen 35 und 40 Jahren. Heute sind die besten Spieler oft schon Anfang 20 oder noch jünger.“

Für Profis bleibt Schach ein harter Wettbewerb. Große Turniere werden mittlerweile nicht nur am Austragungsort, sondern auch digital verfolgt. Weiters gibt es Bestrebungen, Frauen stärker in den Profibereich zu integrieren: „Frauen können in gemischten Kategorien antreten, aber es gibt auch eigene Frauen-Weltmeisterschaften“, erklärt Jenner. „Es wäre wünschenswert, dass Frauen eines Tages gleich stark vertreten sind.“

Laut Ehn erlebt Schach Wellen der Popularität. „Es gibt Aufschwünge, aber die langfristige Entwicklung passiert im Internet. In klassischen Schachclubs schrumpfen die Mitgliederzahlen, während Online-Plattformen wachsen.“ Trotzdem sieht er die Zukunft positiv: „Schach hat über Jahrhunderte hinweg Menschen fasziniert, und es wird auch weiterhin Generationen begeistern.“