Der Handschuh war der Eisbrecher. Und wenn Herbert Lürzer heute, nach 60 Jahren, diese Geschichte erzählt, hockt der Schalk noch immer in seinem Nacken und der Lausbub grinst dem 82-Jährigen aus dem Gesicht. Es war so: Als Paul McCartney in Obertauern das erste Mal auf Skiern stand, stellte er sich nicht sonderlich geschickt an, und auch ein Handschuh fiel ihm in den Schnee. „Aufheben, bitte“, kam die freundliche, aber bestimmte Order an Herbert Lürzer, McCartneys Skilehrer und Double. Der Herbert aber - hier oben wird nur geduzt - antwortet dem Paul ebenso freundlich, aber bestimmt. „Ich zeig dir jetzt, wie du den Handschuh trotz Ski-Montur aufheben kannst, aber aufheben wirst du ihn dann selbst.“ Das hätte das Ende der „Beziehung“ sein können, aber es war der Beginn einer gedeihlichen Zusammenarbeit.
Obertauern. Weiße Skiwelt, zackige Berge, die Pisten ziehen sich wie breite Bänder durch die Landschaft, der Himmel kitschig blau, die Temperaturen fast sommerlich. Das Einkaufszentrum heißt hier „Freudenhaus“, unzählige Hotels links und rechts der Straße, auch „Tabledance“ gibt es im Angebot, ein Plakat kündigt Remmidemmi mit AlmKlaus und DJ Bambo an. Damals, 1965, war das noch ganz anders. „Ein Bergdorf, ein Nest“, sagt Herbert Lürzer. Die Nähe des Flughafens Salzburg, die Schneesicherheit und die Tatsache, dass in Obertauern kein großer Fanrummel zu erwarten war, waren ausschlaggebend dafür, dass Szenen für den zweiten Beatles-Film „Help“ hier gedreht wurden. Da Paul McCartney, John Lennon, George Harrison und Ringo Starr zwar Weltstars auf den Bühnenbrettern waren, aber von den Skibretteln keine Ahnung hatten, mussten vier Doubles her – Skilehrer aus dem Ort. Einer davon war Herbert Lürzer, damals 22 Jahre jung. Im Alter von 18 Jahren hatte es ihn für einige Zeit nach England verschlagen, die Sprachkenntnisse kamen ihm jetzt sehr gelegen.
„Ein Nerzmantel, eine Perücke und schon war ich Paul McCartney“, lächelt Lürzer. Ein rüstiger Herr. Schlohweiße Haare, roter Pullover, guter Humor und viele Erinnerungen im Kopf. Nach der Eisbrecher-Episode mit dem Handschuh verlief alles glatt. „Die gesamte Welt lag vor den Beatles zu Füßen, aber wir hier haben sie ganz normal behandelt. Das hat ihnen getaugt.“ Die Dreharbeiten dauerten oft den ganzen Tag, zwei Wochen lang. Und die Gage für die Doubles war beträchtlich. „Der Tagessatz betrug 1000 Schilling, machte also 14.000 Schilling insgesamt. Das war viel Geld damals.“
Für alle Skiszenen mussten die Doubles ans Werk. Lürzer: „Alle vier waren ziemlich unbegabt, auch McCartney. Aber wir hatten trotzdem viel Spaß miteinander, die Burschen waren sehr kommod.“ An einen „Spaß“ kann sich Herbert Lürzer besonders gut erinnern. „Einer der Beatles hatte Geburtstag, das haben wir in einer Hotelbar gefeiert. Da hat mich McCartney plötzlich gefragt, wie mir eigentlich ihre Musik gefällt.“ Lürzers Antwort: „Na ja, die Oberkrainer seid ihr zwar nicht, aber schlecht sind eure Lieder nicht.“ Noch heute drehen sich wilde Legenden um diese Almparty, die in einem Privatkonzert der „Fab Four“ gipfelte. Es soll feucht und fröhlich zugegangen sein. Und am nächsten Morgen lag ein demoliertes Klavier auf der Straße.
Ein gelber Rettungshubschrauber kreist über Obertauern und setzt unweit jener Stelle auf, wo eine überlebensgroße Nachbildung des „Help“-Covers mit vier Beatles-Blechfiguren an die Dreharbeiten vor 60 Jahren erinnert. Vor dem Hotel Edelweiß, wo McCartney & Co. damals gewohnt haben, stehen vier Statuen der Musiker. Dieses Hotel gehört inzwischen Herbert Lürzer - und noch einige mehr im Ort. Nach der Double-Episode zog es ihn wieder in die Welt hinaus, er kehrte aber Ende der 1960er-Jahre zurück, kaufte Grundstücke im Ort, baute sein erstes Hotel. „Später wollte ich Paul McCartney, meinem ehemaligen Ski-Schüler, beweisen, dass ich es auch zu etwas gebracht habe, aber leider kam nie mehr ein Kontakt zustande.“
10.000 Gästebetten, eine Million Übernachtungen pro Saison, 100 Kilometer Pisten. Das ist Obertauern heute. Mario Siedler ist seit 20 Jahren Tourismusdirektor. „Viele Gäste werden auch deshalb auf Obertauern aufmerksam, weil hier die Dreharbeiten für den Beatles-Film stattgefunden haben“, sagt er. Den ganzen März über gibt es Veranstaltungen unter dem Motto „60 Years The Beatles Help“, den Abschluss bildet am 28. März „A Symphonic Tribute To The Beatles“. Siedler: „Wir haben natürlich auch versucht, Paul McCartney und Ringo Starr hierher einzuladen, leider ohne Erfolg.“
Herbert Lürzer führt durch das Hotel Edelweiß, das inzwischen von seinem Enkelsohn Heribert geführt wird. Überall hängen Erinnerungen an damals. Ein Gemälde der „Pilzköpfe“, das Kinoplakat von „Help“, die Noten zum Song selbst. „Diese 14 Tage waren schon prägend für mich, obwohl wir damals gar nicht genau wussten, was für ein Film das überhaupt werden soll.“ Und plötzlich ist er wieder da, der Schalk im Nacken. Denn Herbert Lürzer erinnert sich schmunzelnd an eine Szene auf dem Bahnhof Radstadt, wo ebenfalls Szenen gedreht wurden. „Wir vier Doubles haben dort behauptet, dass wir die echten Beatles sind und Autogramme gegeben. Das war eine ziemliche Gaude.“