Der Frühling steht vor der Tür. Draußen zwitschern die Vögel und die ersten Bienen summen. Das sind nur zwei der Geräusche, die viele Menschen mit dieser Jahreszeit verbinden. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist es für die meisten auch nicht, die Waschmaschine, das Prasseln des Regens oder den Wecker in der Früh zu hören. Doch für die Wolfsbergerin Marianne Schatz sind das Geräusche, die sie ohne Hilfe nicht wahrnehmen würde.
Die 59-Jährige ist seit ihrer Kindheit fast taub und somit hochgradig schwerhörig (siehe Infobox). Aufgewachsen ist sie mit ihren Geschwistern in Kliening in der Gemeinde Bad St. Leonhard. „Einmal hab ich mit den Nachbarskindern gespielt, als mich meine Mutter gerufen hat. Als ich nicht reagierte und die Kinder mich darauf aufmerksam machten wussten wir, dass etwas nicht stimmt. Rückblickend habe ich generell auf viele Dinge nicht reagiert“, erzählt Schatz, die mittlerweile in Wolfsberg lebt. Ihr erstes Hörgerät bekam sie als Kind. Bis es jedoch soweit war, unterzog sie sich mehreren Operationen, weil die Ärzte zuerst dachten, dass „es etwas mit den Polypen (Schleimhautwucherungen in der Nase) zu tun hätte“.
Für Schatz war der Hörverlust normal, „ich habe keine Geräusche gehört und lebte einfach in meiner Fantasiewelt“. Bevor sie ihre Schullaufbahn begann, kam sie in eine Art Internat. „Dort habe ich beispielsweise Hör- und Sprechtraining gemacht“, so Schatz. Noch in Kliening besuchte sie die Volksschule, für ihren damaligen Lehrer war sie dankbar, denn er ging auf ihre Hörminderung ein. Ansonsten war die Schule durchaus herausfordernd, hauptsächlich wegen der Mitschüler, durch die sie schon als Kind, wie später auch von Erwachsenen in der Berufswelt, Mobbing erfuhr. Doch sie schaffte sich einen Weg: „Im Schulalltag habe ich versucht, den Inhalt zu hören, danach habe ich ihn abgespeichert und dann konnte ich erst arbeiten. Damals wie heute brauche ich die Mimik der anderen und Blickkontakt.“ Später ging sie einem normalen Berufsalltag nach.
Seit 2002 trägt die Wolfsbergerin ein Cochlea-Implantat (CI) – eine elektronische Hörprothese für Ertaubte oder hochgradig Schwerhörige. „Das war für mich eine wunderschöne Lebensverbesserung. Nach so vielen Jahren konnte ich endlich die Natur hören. Von da an habe ich auch mit dem Tanzen begonnen“, erzählt Schatz begeistert, die dadurch endlich auch Musik wahrnehmen konnte. Seit 2003 tanzt sie, mit Unterbrechungen, im Dancepoint Wolfsberg unterschiedliche Tänze von Standard bis Lateinamerikanisch. Durch ihre Hörminderung sind andere Sinnesorgane stark ausgeprägt, so nimmt sie Geruch und Geschmack intensiver wahr.
Durch das bessere Hören mit dem CI stößt sie aber auch auf Herausforderungen, vor allem im Alltag: „Vor allem Orte, wo viele Menschen sind, erschöpfen und überfordern mich manchmal, insbesondere mit zunehmendem Alter. Ich würde gerne mehr mitreden können und teilhaben, aber das gelingt nicht immer gleich gut. Auch das Telefonieren ist schwierig, aber ich bin glücklich, dass auch das mir mit dieser Hilfe gelingt.“ Generell ist es für die 59-Jährige oft schwer, von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. „Aber ich glaube, dass dieses Problem auch andere haben, egal mit welcher Beeinträchtigung“, sagt Schatz, die Mutter eines mittlerweile erwachsenen Sohnes ist und stolze Oma von zwei Enkelkindern. In dieser Rolle hat sie sich nie benachteiligt gefühlt: „Sowohl mein Sohn als auch sein Vater haben das voll und ganz verstanden. Auch für die Unterstützung meiner Freunde bin ich unglaublich dankbar.“
Größte Hürde
Die größte Hürde sei die finanzielle Unterstützung. „Ich hatte mittlerweile so viele Behördengänge und viele Anläufe für gewisse Anträge. Es ist oft ein Bangen, ob die Hilfe abgelehnt wird oder nicht. Wo andere für Reisen sparen, muss ich das fürs Hören machen. Dabei sollte mir das, so wie jedem anderen, zustehen“, betont Schatz. Schlussendlich ist sie glücklich und dankbar, dass sie, vor allem mit dem CI, ihr Leben genießen darf. „Ich hatte nie den Gedanken was wäre, wenn.“
Eine große Unterstützung in Kärnten erhalten Hörbeeinträchtigte vom unabhängigen Verein „Forum besser HÖREN – Schwerhörigenzentrum Kärnten“ in Klagenfurt mit Vereinsobfrau Brigitte Slamanig, die selbst betroffen ist. Auch Napetschnig ist Mitglied im Verein. Einmal im Monat gibt es Sprechtage in der Gesundheitskasse in Wolfsberg. „Ich bin seit meiner Kindheit von einer Hörminderung betroffen, im Laufe des Lebens hat sich diese immer wieder verschlechtert. Seit 2016, nach einem Hörsturz, bin ich fast ertaubt“, erzählt Slamanig, die gebürtig aus Völkermarkt stammt, seit vielen Jahren jedoch in Klagenfurt lebt.
Hilfestellung
Hilfe gab auch ihr ein CI. „Damit kann ich sehr gut hören, verstehen und daher gut in Lautsprache kommunizieren. Das ist auch unser Ziel im Verein, dass wir Menschen mit Schwerhörigkeit vertreten, die sich in Lautsprache verständigen“, erklärt Slamanig, die auch Präsidentin des Österreichischen Schwerhörigenbundes ist und Leiterin der Technischen Assistenz und Beratungsstelle für Schwerhörige (TAB), die sie selbst 2003 ins Leben gerufen hat.
Österreichweit sind zirka 1,7 Millionen Menschen von einer Hörminderung betroffen, in Kärnten beläuft sich diese Zahl auf rund 120.000 Menschen (Quelle: ÖSB). Entweder sind Betroffene von Geburt an beeinträchtigt oder die Hörminderung tritt im Laufe ihres Lebens auf. Vor allem die frühe Erkennung bei Kindern ist Slamanig mit ihrem Verein ein besonderes Anliegen: „Je früher etwas bemerkt wird und eine Hörsystem-Versorgung inklusive individueller Hörfrühförderung erfolgt, desto rascher ist mit einem Erfolg in der Sprachentwicklung zu rechnen. Jeder sollte einmal im Jahr zu einem HNO-Arzt gehen.“
Die Lautsprache ist für Slamanig ein essenzieller Punkt, damit Betroffene am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Nichtsdestotrotz gibt es Hürden. Eine davon ist die akustische Barrierefreiheit, die für die Obfrau unverzichtbar ist. Dazu zählen beispielsweise bei öffentlichen Einrichtungen und Veranstaltungsorten eine entsprechende Raumakustik oder vorhandene Höranlagen. „Ohne diese wird verhindert, dass Betroffene mit gut hörenden Menschen auf Augenhöhe sind“, betont Slamanig und ergänzt: „In der Elementarpädagogik, inklusive Bildung, Aus- und Weiterbildung, wie es das Chancengleichheitsgesetz in Kärnten vorsieht, werden ausgleichende Maßnahmen im Schulunterricht eingesetzt.“
Laut Slamanig ist Schwerhörigkeit nach wie vor ein Tabuthema: „Viele wollen von ihrer Beeinträchtigung nichts wissen und verdrängen den Hörverlust. Doch die Medizin und Technik können wesentliche Hilfen anbieten.“ Für sie gibt es nach wie vor strukturelle Herausforderungen und Verbesserungen, so auch im Gesundheitswesen, das in diesem Bereich „noch in den Kinderschuhen steckt und mehr Sensibilisierung benötigt“. Auch im alltäglichen Leben sollten Mitmenschen mehr über das Thema wissen: „Es gibt noch so viel Unwissen, wie man mit uns umgehen sollte. Ich empfehle langsames und deutliches Sprechen, vor allem eine Kommunikation von vorne und starke Umgebungsgeräusche zu vermeiden.“
Mut für Betroffene
Sätze wie „du bist ja terrisch“ oder „sei froh, dass du nicht alles mitbekommst“, verletzen und verunsichern viele Betroffene. Daher möchte die Obfrau jedem Einzelnen Mut machen: „Für mich gehört meine Hörbeeinträchtigung zu mir, so wie meine Hände, Augen oder Haare. Wir Betroffenen sind genauso vollwertige Menschen wie jeder andere.“ Der Verein lädt anlässlich des „Welttag des Hörens“ Betroffene und Angehörige am 5. März zum „Tag der offenen Tür“ von 9 bis 18 Uhr in die Gasometergasse 4a in Klagenfurt ein.